Vergewaltigungsvorwurf

15. Juni 2010 11:53; Akt: 15.06.2010 13:00 Print

«Kachelmann ist längst ruiniert»

von Philipp Dahm - Im Verfahren gegen Jörg Kachelmann gibt es bereits jetzt einen Verlierer: den Wetterfrosch. 20 Minuten Online sprach mit «Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen über Frauen als Opfer, Männer als Opfer und Promis als Opfer.

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Nach gut viereinhalb Monaten in U-Haft wird Jörg Kachelmann am 29. Juli 2010 aus der U-Haft entlassen. Mindestens bis zum Prozess im September ist er ein freier Mann. Am 24. März wurde Kachelmann dem Haftrichter in Mannheim vorgeführt. Nach seiner Aussage vor dem Amtsgericht Mannheim wurde der TV-Star in die Justizvollzugsanstalt zurück gebracht. Seither sitzt er in U-Haft. Damals sahen die Richter keinen Grund, den Wettermann auf freien Fuss zu setzen. Kachelmann wird vorgeworfen, seine Freundin mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Über seinen Anwalt lässt er ausrichten,m sie seien «frei erfunden». Der Wetterfrosch war am Samstag, 20. März 2010, auf dem Flughafen Frankfurt verhaftet worden. Er kam gerade aus Vancouver zurück, wo er für die ARD zusammen mit Marcus Wasmeier, Katharina Witt und Peter Schlickenrieder (v.l.) von den Olympischen Spielen berichtete. Der 51-jährige Wetterfrosch, der sich seine Kenntnisse der Meteorologie autodidaktisch angeeignet hat, präsentierte 1997 in Wallisellen ZH seinen eigenen TV-Wetterkanal. Seine Karriere bei der ARD hatte er 1990 als «Weatherman» beim Radiosender SWF 3 (inzwischen SWR) gestartet. Kachelmann schaffte es in Deutschland bis ins Unterhaltungs-Fernsehen. Im Mai 1998 trat er erstmals als Moderator der Quizsendung «Einer wird gewinnen» auf. Mit Hans-Joachim Kulenkampff hatte er einen berühmten Vorgänger. Kachelmann gilt als wortgewandt - und als einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

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Gisela Friedrichsen ist die vielleicht renommierteste Gerichtsreporterin Deutschlands. Die frühere Redaktorin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» berichtet seit 1989 für das Hamburger Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» aus den Gerichtssälen der Republik und liefert wie etwa im Falle des so genannten «Kannibalen von Rotenburg» oder auch im Entführungsdrama um Natascha Kampusch weitreichende, umsichtige Darstellungen der Lage. 20 Minuten Online sprach mit der Münchnerin über die Verhaftung Jörg Kachelmanns.

20 Minuten Online: Weil Jörg Kachelmann Schweizer ist, wurde er in Untersuchungshaft genommen: Trauen Ihre Landsleute den Eidgenossen nicht?
Gisela Friedrichsen: Dass Jörg Kachelmann in Deutschland in Untersuchungshaft genommen wurde, kommt nicht einem Misstrauensvotum gegenüber der Schweiz gleich. Sondern es geht darum, dass einer, der keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat (und auch keine familiären Bindungen), sich nicht durch Ausreise einem zu erwartenden Strafverfahren entziehen können soll. Kachelmann könnte sich ja auch nach Takatuka-Land absetzen oder wohin auch immer, und die deutsche Strafjustiz hätte dann keinen Zugriff mehr auf ihn.

Eine angesehene Gutachterin hat zu Protokoll gegeben, das Opfer gebe die Tat «vage und oberflächlich» wieder. Wäre es nicht normal, wenn eine Frau eine mögliche Vergewaltigung verdrängen würde?
Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt - und damit den Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben, auf einen Mann lenkt -, dann muss sie dafür vor den Ermittlern auch geradestehen. Hat sich die Tat nur wenige Stunden zuvor ereignet, ist es unwahrscheinlich, da man schon von «Verdrängung» sprechen kann. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die besagen, eine Vergewaltigung sei ein derart massiver Angriff auf die Integrität eines Menschen, dass man ihn nicht so schnell vergisst, ganz im Gegenteil. Man werde schon beim kleinsten Anlass - sei es durch einen Geruch, ein Geräusch, ein Wort, eine Situation - daran erinnert. Gerade solche Details brennen sich tief ins Gedächtnis ein.

Wie reagieren Frauen, denen etwas derart Schlimmes zugestossen ist?
Ich habe schon oft erlebt, dass angeblich Geschädigte vor Gericht sagten, sie könnten über das Furchtbare nicht sprechen, sie hätten gar keine Worte dafür. Frauen, die wirklich vergewaltigt wurden, sind dazu meist sehr gut in der Lage. Sie sagen, was ihnen der Täter angetan und welche Folgen dies für ihr Leben hat. Bei Kindern oder ganz jungen Mädchen spielt Scham manchmal eine Rolle. Dem kann ein einfühlsamer Sachverständiger oder Richter aber Rechnung tragen. Eine 37 Jahre alte Frau jedoch, die den Täter elf Jahre kennt, müsste schon sagen können, was ihr zugefügt wurde.

Wie bewerten Sie die Widersprüche in der Aussage des Opfers? Wie sieht die Beweislage verglichen mit anderen Vergewaltigungsprozessen aus?Wenn man dem glaubt, was im «Spiegel» stand, und ich habe keinen Anlass dazu, daran zu zweifeln, dann hatte das angebliche Opfer Kontakt zu einer Nebenbuhlerin aufgenommen und ganz bewusst auf eine Konfrontation hingearbeitet. Sie hat einen selbst geschriebenen anonymen Brief in ihrem Briefkasten deponiert, um Streit mit Kachelmann anzufangen. Wer zu solchen Tricks greift und diese dann später nicht zugibt, also lügt, der muss sich auch fragen lassen, ob er nicht die ganze Geschichte erfunden habe. Unabhängig davon ist die Beweislage beim Verdacht der Vergewaltigung häufig schwach. Denn Zeugen gibt es meist nicht. Blaue Flecken kann man sich selbst zufügen. Es hängt oft vom Eindruck ab, den eine Frau bei der Polizei macht, ob man ihr glaubt oder nicht. Wenn sie eine gute Schauspielerin ist, bekommt der Mann ein Problem.

Bei Anklagen gegen Promis wird Staatsanwälten wie im Fall von Andreas Türck oder den No Angels übertriebener Jagdeifer vorgeworfen.
Nach meinem Eindruck haben die Staatsanwaltschaften aus den Fällen Türck und der No-Angels-Sängerin durchaus gelernt; die Kritik war ja ziemlich harsch. Dies heisst aber nicht, dass der eine oder andere Staatsanwalt dennoch anfällig sein könnte für den grossen Auftritt in der Öffentlichkeit. Im vorliegenden Fall hat man der Mannheimer Staatsanwaltschaft vorgeworfen, nicht das Ergebnis des Glaubhaftigkeitsgutachtens über die Aussage der Frau abgewartet zu haben. Dagegen kann man sagen, dass der dringende Tatverdacht dadurch nicht unbedingt beseitigt wird. Die Frage, welchen Beweiswert ein Gutachten hat, haben die Richter zu beantworten. Sie entscheiden den Fall, nicht die Staatsanwaltschaft oder die Verteidigung oder gar die Medien.

Das von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten wirft Fragen zur Aussage des Opfers auf: Rechnen Sie damit, dass der Staatsanwalt einen weiteren Psychologen zu Rate zieht, nachdem die jetzige Expertise den vermeintlichen Täter eher entlastet? Was bedeutet das für den Prozess?
Gerüchten zufolge ist zu hören, die Staatsanwaltschaft habe einen angesehenen Traumatologen befragt, ob eine «vage, oberflächliche» Aussage zwangsläufig dafür spreche, dass sie erfunden sei. Dies hängt natürlich vom individuellen Fall ab. Ich rechne damit, dass die Sache vor Gericht kommt und dort sauber aufgeklärt und bewertet wird. Man findet heutzutage für alles einen Gutachter, fürs Gegenteil auch. Die Mannheimer Strafkammer, die mit dem Fall voraussichtlich zu tun haben wird, gilt als ruhig und besonnen. Man darf also hoffen.

Moderator Türck verlor trotz Freispruchs seinen TV-Job: Ist auch Jörg Kachelmann beruflich vernichtet? Angenommen, er ist unschuldig: Wird ein Vergewaltigungsvorwurf von der Öffentlichkeit überhaupt vergessen?
Kachelmann hat sein Privatleben immer sehr diskret abgeschottet. Mit gutem Grund, wie man inzwischen weiss. Er gilt in der Öffentlichkeit inzwischen als einer, der den Menschen in seiner Umgebung alles Mögliche vormacht. Auch wenn es nicht strafbar ist, ein unseriöses Privatleben zu führen – als Gesicht auf dem Bildschirm ist Kachelmann wohl verbrannt. Von Türck heisst es noch immer: Ach, das ist doch der, der damals auf der Brücke über den Main in Frankfurt ... Daher wird auch der Vergewaltigungsvorwurf, egal wie die Sache endet, wohl so lange an Kachelmann kleben bleiben, bis er kein Thema mehr ist fürs Fernsehen.

Glauben Sie, dass moralische Fragen die Wahrnehmung der rechtlichen Überlegungen in der Öffentlichkeit überlagern? So nach dem Motto: Wer mehrere heimliche Geliebten gleichzeitig hat, dem ist alles zuzutrauen?
Die Öffentlichkeit ist natürlich schon wegen des Unterhaltungswerts an Fragen der Moral oder Unmoral von Prominenten interessiert. Gleichzeitig wirft der Fall Fragen auf, zum Beispiel, wie ein Mann, wenn er denn nichts Unrechtes getan hat, sich gegen solche Vorwürfe schützen kann. Und welche Genugtuung er bekommt, sollte es sich herausstellen, dass die Vorwürfe aus Rache, Wut oder Gekränktheit vorgebracht wurden. Was könnte Kachelmann gegen seine Ex-Freundin unternehmen, falls sie der Lüge überführt würde? Er ist längst ruiniert. Und sie? Ich kenne keinen Fall, in dem die Frau für den Schaden, den sie angerichtet hat, wirklich einstehen musste. Man wird sie eher noch bedauern, dass ihr nicht geglaubt wurde.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • der Deutsche am 16.06.2010 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    sobald Frau aussagt ...

    ein Mann war es - gilt der juristische Grundsatz 'in dubio pro reo' (im Zeifel fuer den Angeklagten) nicht mehr. Dies wäre nicht die erste und einzige Existenz (nicht selten mit Suizid-folgen), welche auf eine solche Weise seitens der Justiz zerstört wird. Entschädigung, Schadensersatz usw - Fehlanzeige- wie will man (Frau) auch ein durch sie zerstörtes Leben (Existenz) wieder richten?

  • Alexander Ramseyer am 16.06.2010 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    ungerechte Riskoverteilung

    Wenn ich Frau Friedrichsen richtig verstehe liegt die Situation so, dass der Mann die Risiken alleine auf seiner Seite hat und die Frau potentiell nur gewinnen kann (vor Gericht - Rufmord ist eh schon geschehen). Ähnlich siehts ja in den meisten Scheidungsprozessen aus. Wie lange lassen sich die Männer das noch gefallen? Wo bleibt der politische Wille, dagegen vorzugehen? Männer wählen doch anteilsmässig öfters als Frauen...

    einklappen einklappen
  • Jakob Sieber am 22.06.2010 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    So unglaublich

    Männer und Frauen die behaupten man kann eine Frau mit dem Messer am Hals (ohne sie zu verletzen)vergewaltigen dabei noch einen St..der zu haben und noch Sex auszuführen haben einfach nur Wahnvorstellungen im Hirn.Alles so etwas von totalem Unsinn aber passt genau zu unserer Justiz die wir heute haben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ottilie Normalverbraucherin am 01.08.2010 23:48 Report Diesen Beitrag melden

    Erfahrungen bestärken Wahrscheinlichkeit

    In drei Jahren Frauenberatung habe ich hunderte Frauen unterer und oberer sozialen Schichten kennengelernt, die jetzt durch emotionale und physische Beziehungsgewalt von Männern zumind. seelisch für immer gezeichnet sind. Und sie beschreiben fast alle den gleichen "Jekyll/Hyde Typus", von daher würde es mich nicht überraschen, wenn Kachelmann auch in dieser Liga spielt. Da sind mir noch viel eloquentere, charismatischere, harmlos-selbstsicher-vertrauenerweckendere als er bekannt geworden, von denen niemand sowas je geglaubt hätte. Möge die Gerechtigkeit siegen! Gruß, ON

  • Jakob Sieber am 22.06.2010 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    So unglaublich

    Männer und Frauen die behaupten man kann eine Frau mit dem Messer am Hals (ohne sie zu verletzen)vergewaltigen dabei noch einen St..der zu haben und noch Sex auszuführen haben einfach nur Wahnvorstellungen im Hirn.Alles so etwas von totalem Unsinn aber passt genau zu unserer Justiz die wir heute haben.

  • Beat Müller am 19.06.2010 20:29 Report Diesen Beitrag melden

    Datenschutz inexistent

    Ich staune bei diesem Fall immer wieder, wieviel Information zu den Zeitungen dringt. Scheint so, als ob die Staatsanwaltschaft einen direkten Draht zur Presse hat. Die zuständigen Leute scheinen sehr Mediengeil zu sein, auch wenn sie selbst im Hintergrund bleiben. Da will man den Kachelmann ruinieren. Anders kann ich es nicht nennen.

  • Alexander Ramseyer am 16.06.2010 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    ungerechte Riskoverteilung

    Wenn ich Frau Friedrichsen richtig verstehe liegt die Situation so, dass der Mann die Risiken alleine auf seiner Seite hat und die Frau potentiell nur gewinnen kann (vor Gericht - Rufmord ist eh schon geschehen). Ähnlich siehts ja in den meisten Scheidungsprozessen aus. Wie lange lassen sich die Männer das noch gefallen? Wo bleibt der politische Wille, dagegen vorzugehen? Männer wählen doch anteilsmässig öfters als Frauen...

    • Lilith am 17.06.2010 00:34 Report Diesen Beitrag melden

      @ Alexander Ramseyer

      Wenn es so wäre, wie sie schreiben, warum laufen dann die meisten Sexualverbrecher frei herum ????

    • ... am 17.06.2010 20:03 Report Diesen Beitrag melden

      @Lilith

      Perfekt am Thema vorbei argumentiert.

    einklappen einklappen
  • der Deutsche am 16.06.2010 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    sobald Frau aussagt ...

    ein Mann war es - gilt der juristische Grundsatz 'in dubio pro reo' (im Zeifel fuer den Angeklagten) nicht mehr. Dies wäre nicht die erste und einzige Existenz (nicht selten mit Suizid-folgen), welche auf eine solche Weise seitens der Justiz zerstört wird. Entschädigung, Schadensersatz usw - Fehlanzeige- wie will man (Frau) auch ein durch sie zerstörtes Leben (Existenz) wieder richten?