Wegen Nazi-Vergangenheit

26. Dezember 2011 05:23; Akt: 26.12.2011 06:15 Print

Auf Jopies Leben lagen schwarze Schatten

«Vereehrt und angespuckt» - so fasst eine niederländische Agentur den Nachruf auf Jopie Heesters zusammen. Seine Landsleute verzeihen dem Schauspieler seine Nazi-Vergangenheit auch nach dem Tod nicht.

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Die Niederländer haben die Nachricht vom Tod ihres Landsmanns Johannes Heesters mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits wurde der an Heiligabend im Alter von 108 Jahren in Starnberg gestorbene Schauspieler als grosser Künstler gewürdigt.

Doch zugleich spielte Heesters umstrittenes Verhalten während der Nazi-Zeit in niederländischen Kommentaren eine Rolle. «Heesters: verehrt und angespuckt», überschrieb die niederländische Nachrichtenagentur ANP einen Nachruf.

Das Verhältnis zwischen seinen Landsleuten und ihm war bis zuletzt problembehaftet. Sie nahmen ihm übel, dass er beim gleichgeschalteten deutschen Film unter der Hitler-Diktatur Karriere gemacht hatte. Heesters litt unter den Vorwürfen. «Im Herzen bin ich Holländer», sagte er mit 100 Jahren. Über seine Arbeit in Deutschland während der NS-Zeit sagte er einmal: «Ich wurde als Schauspieler engagiert, aber ich habe nie politische Filme gedreht.»

«Ich schäme mich abgrundtief für den KZ-Besuch»

Stellungnahmen der Regierung oder des Königshauses gab es zunächst nicht. In Medienberichten wurde auf den Besuch des auch bei Nazi-Grössen beliebten Operettenstars im Konzentrationslager Dachau im Jahr 1941 verwiesen. Damals sei er in Dachau vor der SS aufgetreten. Diese Äusserung stammt vom Berliner Autor Volker Kühn in dessen Hörbuch «Hitler und die Künstler - Mit den Wölfen geheult». Dafür wurde Kühn von Heesters vor Gericht gezerrt. Das Landgericht Berlin verhandelte die Klage im November 2008.

Heesters bestritt nicht, das KZ besucht, wohl aber, dabei vor der SS gesungen zu haben. In der Vergangenheit hatte er erklärt, «dass ich mich für diesen von den Nazis vorgeschriebenen Besuch, auch wenn ich keinerlei Chance hatte, mich diesem zu entziehen, abgrundtief schäme». Das Gericht wies die Klage ab. Der Vorsitzende Richter erklärte, es gebe «gewisse Anhaltspunkte für einen Auftritt».

«Nichts anderes als dumm»

Der Künstler habe wohl «keine blasse Ahnung» gehabt, wie problematisch seine Auftritte in Deutschland in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in seiner Heimat gesehen wurden, hiess es beim Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (NIOD).

«Auch nach seinem Tod kann man das nicht anders als dumm nennen», sagte NIOD-Sprecher David Barnouw. «Es gibt wenige Niederländer, die international gesehen so viel Wertschätzung für ihr Werk erfahren haben», betonte dagegen Pieter Erkelens, früherer Direktor des Theaters «De Flint» in Heesters Heimatstadt Amersfoort.

«Wir müssen als Niederländer stolz sein auf so ein Toptalent», sagte Erkelens. Wenn es um den Zweiten Weltkrieg gehe, seien Niederländer oft «päpstlicher als der Papst». Die Kompromisse, die Heesters damals eingegangen sei, «um weiterhin in Deutschland auftreten zu können, sind sehr begreiflich».

«Netter alter Herr»

Erst im Alter von 104 Jahren war Heesters erstmals seit 44 Jahren wieder in seiner Heimat aufgetreten. Zuvor war er Jahrzehnte von niederländischen Bühnen boykottiert worden. Bei einem Auftritt 1964 in Amsterdam wurde er ausgebuht und von der Bühne gejagt. Pieter Erkelens hatte ihm im Februar 2008 einen Auftritt in dessen Geburtsstadt Amersfoort ermöglicht. Damals verlas Simone Rethel, die Frau des umstrittenen Stars, eine Entschuldigung.

Er sang vor 800 Menschen im De Flint-Theater. Im Theater gab es Standing Ovations für Heesters, davor schimpften Demonstranten ihn einen «singenden Nazi», und das Publikum musste Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen lassen. In Medienberichten wurde jetzt auch darauf verwiesen, dass Heesters im April dieses Jahres von einem Staatsbankett, das der deutsche Bundespräsident Christian Wulff für Königin Beatrix gab, ausgeladen worden war.

Der Direktor des Theater-Instituts der Niederlande (TIN), Henk Scholten, würdigte Heesters als «einen der wichtigsten Operettensänger, den die Niederlande je gekannt haben».

Leider sei jedoch sein Werk «für alle Zeiten überschattet durch seinen Erfolg in Nazi-Deutschland». Ob das gerecht sei, könne er schwer beurteilen, fügte der TIN-Direktor hinzu. Ihm sei Heesters bei einem Besuch vor allem als «netter alter Herr» erschienen.

«Unmoralische Figur»

Dagegen nannte der Kabarettist Theo Nijland den Verstorbenen eine «unmoralische Figur, die zum Teil in einer Märchenwelt lebte». Im Nachruf der Agentur ANP hiess weiter: «Einige Niederländer konnten Heesters wahrlich nicht ausstehen. Er arbeitete auch im Krieg weiter in Deutschland. Er hatte nur seine eigene Karriere im Sinn.»

Zugleich wurde an ein Interview erinnert, das Heesters 1986 der Amsterdamer Zeitung «Het Parool» gab. Darin sagte er: «Es ist ein schreckliches Gefühl, im eigenen Land angespuckt zu werden.»

Ganz anders wurde der Tod des 108-Jährigen in deutschen Medien rezipiert. Stellvertretend dafür steht der Bericht der «Bild»-Zeitung, die in ihrer Online-Ausgabe dem Schauspieler dankt: «Danke, Jopie! Du warst der letzte grosse Star aus der Schwarz-Weiss-Zeit.» Heesters sei der «Jahrhundert-Mann unserer Herzen» gewesen und habe keine Angst vor dem Tod gehabt. Und zum Schluss noch einmal: «Er war der letzte Star aus der Schwarz-Weiss-Zeit. Sein letzter Vorhang ist gefallen. Stehender Applaus. DANKE, JOPIE!»


Jopie Heesters bei seinem Auftritt in Amersfoort im Jahr 2008
(Video: Youtube/mokumtv)


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(jam/sda/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • s.dio am 26.12.2011 09:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ohne Schuld sei,

    werfe den ersten Stein. Ihr, die ihn verurteilt, wart doch noch nicht mal geboren! Woher nehmt ihr euch das Recht über einen Menschen zu urteilen?! Sicher er wird Fehler gemacht haben, aber wer von euch hätte den Mut gehabt und sich gegen die NSDAP gestellt?? Im Nachhineine über Fehler anderer im 2WK zu urteilen ist immer leicht, doch, und seit ehrlich euch gegenüber, was hättet ihr getan um euer Leben zu retten?? Überhaupt, wer von euch kennt Heesters als Künstler, nicht nur als Schlagzeile in der Zeitung?

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  • Swiss man am 26.12.2011 09:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Vielen Dank Jopie, du hast die Welt bereichert und viele von uns für kurze Zeit glücklich gemacht. Wer von deinen Kritikern kann das schon von sich behaupten.

  • Horst B. am 26.12.2011 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nazi und Kollaborateur

    Während man von der "verlorernen Generation" von Künstlern spricht, konnte Heesters munter Karriere machen. Selbst in seinem langen Leben fand keine echte Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit statt. Ein paar Gala-Auftritte für die deutsche Krebsliga und die Fotoanalysen seiner Frau reichen nicht aus. Was immer war, Heesters war stets oberflächlich und beteuerte höchstens seine Unschuld. Letztlich hielt ihm das deutsche Publikum stets die Treue - Ironie des Schicksals.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andrea Meier am 26.12.2011 13:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strafe folgt am letzten Tag

    Nur weil jemand alt oder tot ist, sollen seine Taten zu Lebzeiten entschuldigt werden???!!! Warum?? Wer immer sich mit Hitler und seinen Schergen verbündet hat oder eben....ein KL besichtigt hat, wusste um die unmenschlichen Verbrechen und sollte KEINE Gnade erfahren! Jeder muss zum Glück vor sich selber sein Leben am letzten Tag rechtfertigen und damit zurecht kommen, gut so!!!!

  • Patrick am 26.12.2011 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Haben wir aus Fehlern gelernt?

    Interessant wie viele Leute Mühe haben über die Vergangenheit zu sprechen, gewisses Verhalten sogar noch rechtfertigen. Ich bin stolz, auf unsere Familie die DE in dieser Zeit verlassen hat! Eines ist jedoch klar, ob Vergangenheit oder Zukunft es wird immer Leute geben welche jede Situation nutzen um "erfolgreich" zu werden.

    • Kurt Bachmann am 26.12.2011 12:09 Report Diesen Beitrag melden

      Deutschland verlassen?

      Besser als Kollaboration ist das allemal, aber noch lange kein Grund, stolz zu sein... und wie Ihre priviligierte Familie reagiert hätte, wenn sie wie viele andere nicht hätte ausreisen können, wissen Sie auch nicht.

    • Monica Gähwiler am 26.12.2011 15:13 Report Diesen Beitrag melden

      Geschichte Fensterplatz oder was?

      Es ist nicht fair eine Familie als "privilgiert" zu bezeichnen weil sie fliehen konnte, viele sind mit dem geflohen, was sie am Leibe trugen! Denn nicht jeder Deutsche war automatisch Nazionalsozialist! Damals ging es um das nackte Überleben! Wer bei der SS erst mal angeschwärzt war, egal ob Deutsch oder nicht, konnte seines Lebens nicht mehr sicher sein! Und floh so schnell er konnte oder musste sich arrangieren um zu überleben!

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  • Kusi am 26.12.2011 10:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die meisten hier haben keine Ahnung

    Als Hitler durch Innsbruck zog, hätte meine Großmutter eine Hakenkreuzfahne vor das Fenster hängen sollen. Nur weil sie sagte, dass sie sich für das Geld lieber einen Laib Brot kaufen werde, wurde sie am selben Tag von zwei SS Offizieren abgeführt. Wäre mein Großvater nicht politisch aktiv gewesen, wäre sie im Schnellverfahren verurteilt und erschossen worden. Daher mutet euch nicht zu, über Dinge zu urteilen, die ihr nicht selbst erlebt habt!

    • Tinu am 26.12.2011 19:21 Report Diesen Beitrag melden

      Sehr richtig!

      Viele schreiben und urteilen über diese Zeit, ohne irgendwelche Erfahrungen gemacht zu haben. Mir geht es schon lange auf die Nerven, dieses ewige blöde Getue! Ich bin zwar nicht Oesterreicher und auch kein Deutscher, aber dieser Krieg ist jetzt einfach nun mal vorbei.

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  • Brigitte Egger am 26.12.2011 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Danke Jopie

    Die Vergangenheit sollte vergessen werden, denn er hat sich dafür geschämt. Er war ein grossartiger Mensch und Schauspieler.....

  • Swiss man am 26.12.2011 09:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Vielen Dank Jopie, du hast die Welt bereichert und viele von uns für kurze Zeit glücklich gemacht. Wer von deinen Kritikern kann das schon von sich behaupten.