Industrie vs. Tauschbörsen

05. Januar 2010 13:01; Akt: 06.01.2010 17:46 Print

Die Lieblingsopfer der Film-Piraten

von Philipp Dahm - Welches sind die zehn am meisten illegal heruntergeladenen TV-Serien und Kinofilme? Die Zugriffszahlen auf Netzwerke wie BitTorrent geben Auskunft und zeigen, dass der Filmindustrie ein Schicksal wie dasjenige der Musik-Labels winken könnte.

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Neue Staffel, neues Spiel: Wenn in den USA neue Folgen von Serien wie «Lost» oder «Heroes» anlaufen, glühen auch in Europa die Internetleitungen der Filmfreaks. Denn bis die Fans die entsprechenden Sendungen im lokalen Fernsehen sehen können, vergehen wegen der Synchronisation und behäbiger Sender oft viele Monate. Was tut also der Dr. House-TV-Junkie? Er besorgt sich seinen Stoff auf den üblichen Download-Portalen. In Deutschland macht sich der User damit sogar strafbar, in der Schweiz sind Downloads dagegen legal - im Gegensatz zu den Uploads, also der Bereitstellung der Serien und Filme.

«Heroes» und «Lost» am gefragtesten

Wer die Zugriffe auf diese Webseiten auswertet, kann die Charts der am häufigsten heruntergeladenen Serien und Filme erstellen: Auf «BitTorrent» waren «Heroes» und bei den Kinoproduktionen «Star Trek» anno 2009 am gefragtesten, wie US-Blogger «TorrentFreak» herausfand (siehe Bildstrecke). «Heroes», das von Menschen mit übersinnlichen Kräften handelt, wurde 6,5 Millionen Mal «gezogen», «Star Trek» kam auf knapp elf Millionen Dowloads. Während es für «BitTorrent» keine verlässlichen Schweizer Zugriffszahlen gibt, zeigen andere Portale wie «serienjunkies.org» und «kino.to», dass auch die Eidgenossen gerne in die Röhre gucken: Sie stellen nach Usern aus Deutschland und Österreich die drittgrösste Besuchergruppe dieser Web-Angebote.

Der Trend, sich seine TV-Ware selber zu beschaffen, wirft eine Frage auf: Tappt die Filmindustrie in die gleiche Falle wie ihre Kollegen aus dem Musik-Business? Dort haben illegale Downloads das Geschäft so weit verwässert, dass nur wenige CD-Verkäufe ausreichen, um sich in den Charts zu platzieren. Die Plattenbosse reagierten auf die Entwicklung mit Anwälten und Protesten bei den Politikern, anstatt ihre Vertriebswege den modernen Begebenheiten anzupassen.

Mit der TV-Saison beginnt die Tauschbörsen-Saison

Nun droht den Filmproduzenten dasselbe Los – und mit ihnen kommen die Sender in Bedrängnis. 60 Prozent aller illegal heruntergeladenen Inhalte sind Fernsehproduktionen, weiss «Der Tagesspiegel». Zu Beginn der US-TV-Saison im September verdoppelte sich der Traffic auf der Tauschbörse «eztv.it» gegenüber dem Vorjahr um 15 Millionen Nutzer, schreibt die deutsche Zeitung weiter. Bei «serienjunkies.org» stieg nur innert drei Monaten die Besucherzahl um 16 Prozent, bei «kino.to» waren es gar 20 Prozent.

Wer die Top Ten der «BitTorrent»-Serien sieht, dem fallen zwei Dinge auf: Zum einen haben die betroffenen Produktionen oft einen übergeordneten Handlungsstrang: «Heroes», «Lost», «Prison Break» und «24» müssen von Anfang an gesehen werden, um zu verstehen, worum sich die Serien drehen. Hier nervt sich der Zuschauer an den Wartezeiten, die bis zur Weiterführung der spannenden Handlung vergehen – und verkürzt sich die Wartezeit via Internet.

Entwicklung ist auch eine Chance

Zum anderen handelt es sich hierbei auch um die Serien, die im TV floppten – dafür aber auf den Tauschbörsen eine Riesenquote machen. Laut «Tagesspiegel» und der Webseite «BigChampagne» wurde «Heroes» alleine im ersten Halbjahr 2008 weltweit 55 Millionen Mal heruntergeladen, «Lost» mehr als 51 Millionen Mal. Webseiten wie das in der Schweiz beliebte «kino.to» sind da noch nicht einmal einberechnet: Sie senden die angewählte Folge direkt aus dem Netz, doch im Gegensatz zum Download tauchen Streams in diesen Statistiken noch gar nicht auf.

Die Filmindustrie könnte sich den Begebenheiten anpassen: Episoden auf «kino.to» haben oft genug schlechte Bild- oder Tonqualität. Englischkundige Zuschauer wünschen sich ihre Folge im Original und wer die Weltsprache nicht spricht, vermisst die Untertitel. Hier müssten die TV-Produzenten ansetzen und ihr Produkt nach Ausstrahlung gegen einen kleinen Betrag online anbieten – in HDTV, mit Features und Diskussionsforen. Nur wenn die Fernseh-Macher aus den Fehlern ihrer Musik-Kollegen lernen, hat der Markt für hochwertige TV-Produktionen langfristig eine Chance. Wollen sie das nicht, droht den Konsumenten ein Bildschirm-Einheitsbrei, der alleine den Massenmarkt bedient.