Gerichtstermin

02. März 2011 20:28; Akt: 02.03.2011 20:33 Print

Galliano - Gegenanzeige und Vorladung

John Galliano muss sich wegen judenfeindlicher Pöbeleien vor einem Gericht in Paris verantworten. Der Designer hat sich entschuldigt - und gleichzeitig dementiert.

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John Galliano machte seine Anfänge als Designer bei Givenchy. Nach knapp 18 Monaten wurde er bereits in die höchsten Sphären der Modewelt katapultiert, als man ihn zum Chefdesigner von Dior machte. Später sollte er gesagt haben, er habe seine Rastalocken für diese Stelle opfern müssen. «Und ich musste mich in einen Anzug zwängen. Es war grauenhaft.» John Galliano wurde bald zum Motor des Luxushauses, dem er im Jahr 2010 einen Gewinn von rund 700 Millionen Euro bescherte. Der 50-Jährige beherrschte wie keiner den schwierigen Spagat zwischen dem traditionellen französischen Geschmack und den boomenden Märkten in Russland und China. Dabei verstand er es auch wie keiner, sich selbst in Szene zu setzen: ... ... Er machte seinen eigenen Auftritt am Ende der Modeschau zu einem Höhepunkt. Jedes Mal wartete das Publikum auf seinen neusten Coup. Womit würde er diesmal überraschen? Und dann trat er auf, mal als Pirat, ... ... mal als Indianer, ... ... mal als Torero. In Gibraltar als Juan Carlos Galliano zur Welt gekommen, zog er mit seiner Familie im Alter von sechs Jahren nach London. Sein Vater arbeitete als Klempner, seine Mutter war von Mode fasziniert. So erstaunte es kaum, als der junge Juan Carlos seinen Namen in John änderte und eine Ausbildung als Modedesigner an der renommierten Saint Martins School begann. Seine extrovertierte Art passte nicht allen. Galliano sah das anders: «Meine Herausforderung ist es, die Leute zum Träumen zu bringen.» Französische Medien berichteten mehrmals, Galliano leide seit Jahren an einer Depression, die sich mit dem Tod seines Assistenten im Jahr 2007 verschärft habe. Er habe seine Alkohol- und Schlankheitspillensucht nicht unter Kontrolle. Nach groben Pöbeleien trennte sich das französische Traditionshaus Christian Dior schliesslich am 1. März 2011 vom britischen Stardesigner. Galliano habe sich mit seinen antisemitischen Äusserungen «besonders abscheulich» verhalten, erklärte Sydney Toledano, CEO des weltgrössten Luxusgüterkonzern LVMH, zu dem Dior gehört.

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Galliano muss vor den Kadi: Wie die Staatsanwaltschaft am 2. März mitteilte, soll der Stardesigner im zweiten Quartal des Jahres vor Gericht erscheinen. Ihm werde die öffentliche Beschimpfung von drei Privatpersonen wegen deren Herkunft und Zugehörigkeit zu einer Religion vorgeworfen.

Im Fall seiner Verurteilung drohen dem 50-jährigen Galliano sechs Monate Haft und die Zahlung eines Bussgeldes in Höhe von 22 500 Euro. Zuvor hatte sich Galliano für seine judenfeindlichen Pöbeleien entschuldigt. In einer Erklärung, die seine britischen Anwälte Harbottle & Lewis in London verbreiteten, hiess es: «Antisemitismus und Rassismus haben keinen Platz in unserer Gesellschaft: Ich entschuldige mich ohne Vorbehalte für mein Verhalten.»

«Behauptungen» zurückgewiesen

Allerdings betonte Galliano mit Blick auf die Anzeige eines Paares, das ihn am 24. Februar wegen antisemitischer und rassistischer Äusserungen angezeigt hatte: «Ich weise die gegen mich erhobenen Behauptungen zurück». Es gebe Zeugen, die seine Version stützten, wonach er es war, der attackiert worden sei. Deshalb hatte er auch selber Anzeige erstattet gegen das Paar.

Galliano betonte: «Ich muss akzeptieren, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe die Menschen zutiefst schockiert und verärgert haben.» Er müsse Verantwortung übernehmen für die Umstände, durch die er in schlechtes Licht geraten sei. Sein Arbeitgeber, das französische Modehaus Dior, hatte am 1. März Gallianos Entlassung nach 14-jähriger Tätigkeit angekündigt. Der Skandal überschattet die gerade begonnenen Modeschauen in Paris.

Wie will er das Video erklären?

Galliano ist nicht nur von zwei Klagen wegen rassistischer und judenfeindlicher Pöbeleien belastet, sondern auch von einem Video, das im Internet kursiert. Es zeigt einen sichtlich betrunkenen Mann mit Gallianos Zügen, wie er lallend Hitler hochleben liess und Gäste am Nachbartisch übel beschimpfte.

Informationen zu Gallianos Bedeutung als Designer und zu seiner Vita finden Sie im Artikel «Das hässliche Ende einer Design-Ära».

(sda)