Galliano vor Gericht

22. Juni 2011 23:39; Akt: 23.06.2011 08:40 Print

Geldstrafe für Nazi-Sprüche gefordert

Der wegen Nazi-Pöbeleien angeklagte Modeschöpfer John Galliano muss bis 8. September auf sein Urteil warten. Gefordert wurden 10 000 Euro Strafe. Die Verteidigung forderte Freispruch.

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John Galliano machte seine Anfänge als Designer bei Givenchy. Nach knapp 18 Monaten wurde er bereits in die höchsten Sphären der Modewelt katapultiert, als man ihn zum Chefdesigner von Dior machte. Später sollte er gesagt haben, er habe seine Rastalocken für diese Stelle opfern müssen. «Und ich musste mich in einen Anzug zwängen. Es war grauenhaft.» John Galliano wurde bald zum Motor des Luxushauses, dem er im Jahr 2010 einen Gewinn von rund 700 Millionen Euro bescherte. Der 50-Jährige beherrschte wie keiner den schwierigen Spagat zwischen dem traditionellen französischen Geschmack und den boomenden Märkten in Russland und China. Dabei verstand er es auch wie keiner, sich selbst in Szene zu setzen: ... ... Er machte seinen eigenen Auftritt am Ende der Modeschau zu einem Höhepunkt. Jedes Mal wartete das Publikum auf seinen neusten Coup. Womit würde er diesmal überraschen? Und dann trat er auf, mal als Pirat, ... ... mal als Indianer, ... ... mal als Torero. In Gibraltar als Juan Carlos Galliano zur Welt gekommen, zog er mit seiner Familie im Alter von sechs Jahren nach London. Sein Vater arbeitete als Klempner, seine Mutter war von Mode fasziniert. So erstaunte es kaum, als der junge Juan Carlos seinen Namen in John änderte und eine Ausbildung als Modedesigner an der renommierten Saint Martins School begann. Seine extrovertierte Art passte nicht allen. Galliano sah das anders: «Meine Herausforderung ist es, die Leute zum Träumen zu bringen.» Französische Medien berichteten mehrmals, Galliano leide seit Jahren an einer Depression, die sich mit dem Tod seines Assistenten im Jahr 2007 verschärft habe. Er habe seine Alkohol- und Schlankheitspillensucht nicht unter Kontrolle. Nach groben Pöbeleien trennte sich das französische Traditionshaus Christian Dior schliesslich am 1. März 2011 vom britischen Stardesigner. Galliano habe sich mit seinen antisemitischen Äusserungen «besonders abscheulich» verhalten, erklärte Sydney Toledano, CEO des weltgrössten Luxusgüterkonzern LVMH, zu dem Dior gehört.

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In der siebenstündigen Verhandlung des Pariser Gerichts entschuldigte sich der Angeklagte wegen seiner verbalen Ausrutscher: «Ich verurteile Rassismus und Antisemitismus. Sie haben keinen Platz in unserer Gesellschaft.» Zum Prozessauftakt hatte der Brite auf seine schwere Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit verwiesen.

Der 50-Jährige muss sich wegen schwerer Beleidigung von Besuchern einer Brasserie in zwei Fällen verantworten. «Dreckiges Judengesicht, Du solltest tot sein!» ist einer der Sätze, die von ihm stammen sollen. Eine Klägerin wiederholte vor Gericht ihre Aussagen. Drei von fünf Zeugen, die Gallianos Pöbeleien gehört hatten, wollen aber keine anti-jüdischen Bemerkungen vernommen haben.

Suchtprobleme als Entschuldigung

Galliano gab an, dass er sich an nichts erinnern könne. Seit 2007 nahm er nach eigenen Angaben regelmässig Medikamente - unter anderem Valium. Er habe auch zu verstärktem Alkoholkonsum geneigt.

Für seine Alkoholsucht machte Galliano Versagensängste und hohen Stress nach dem Tod seines Freundes Steven Robinson verantwortlich: «Ich dachte, das Trinken würde helfen, (der Wirklichkeit) zu entfliehen.»

Besonders Robinsons Tod 2007 habe ihn aus der Bahn geworfen, sagte Galliano, der sich vor Gericht zu seiner Homosexualität bekannte. Vorher habe er sich aufs Kreative konzentrieren können, danach um alles kümmern müssen. Die Arbeitsbelastung sei enorm gestiegen. Ende Februar habe er einen zweimonatigen Entzug in Arizona begonnen, danach sei er in der Schweiz behandelt worden, sagte Galliano.

Der exzentrische Brite war in einer weiten schwarzen Hose und einer dunklen Jacke erschienen, trug dazu ein Tuch um den Hals. Die langen Haare trug er offen, auch der charakteristische Oberlippenbart fehlte nicht. Bei einem der ihm zur Last gelegten Vorfälle war er nachweislich stark betrunken.

In Frankreich strafbar

Auf öffentliche rassistische Beleidigungen stehen in Frankreich bis zu sechs Monate Haft und 22 500 Euro Geldstrafe. Gefängnisstrafen werden allerdings nur äusserst selten für ein solches Delikt verhängt.

Der Brite ist seit dem Skandal um die Vorwürfe arbeitslos. Das Modehaus Dior, das auch das Label John Galliano kontrolliert, setzte ihn Anfang März vor die Tür.

«I love Hitler»

Kurz zuvor hatte ein Video die Affäre weiter angeheizt. In ihm lallt Galliano die Worte: «I love Hitler» und beschimpft die Gäste. «Leute wie Sie sollten tot sein. Ihre Mütter, Vorfahren - sollten alle verdammt vergast sein.» Ein unbekannter Gast stellt ihm daraufhin die Frage, woher er komme. «Aus Ihrem Arsch», lautet die Antwort Gallianos.

Im Gerichtssaal betonte der Designer nun: «Ich erinnere mich nicht daran. (...) In dem Video sehe ich jemanden, der Hilfe braucht. Das ist ein Schatten von Galliano (...) Der Mann in dem Video ist nicht John Galliano (...) das ist die Hülle von John Galliano (...) Ich hatte nie diese Überzeugungen, ich hatte nie eine solche Meinung.»

Als Homosexueller selbst stigmatisiert

Gerade als Homosexueller habe er stattdessen sein ganzes Leben gegen Vorurteile, Intoleranz und Diskriminierung gekämpft. Er sei auch für Inspiration durch andere Kulturen und Religionen stets offen gewesen, habe mit Kenias Massai gelebt oder mit chinesischen Shaolin-Mönchen gebetet. Es tue ihm leid, eine derartige Aufregung ausgelöst zu haben.

Für Galliano stellt sich mit dem Prozess die Frage nach seiner Zukunft. Er darf seit der Affäre nicht einmal mehr für die nach ihm benannte Marke arbeiten.

(sda)