Interview

30. März 2011 11:22; Akt: 30.03.2011 14:11 Print

Gottschalk und die ewig junge «Gauklerzunft»

Im Juni ist für Thomas Gottschalk nach 24 Jahren Sendeschluss bei «Wetten, dass ...?». Jetzt lässt er die Zeit Revue passieren und redet über Unterhaltung, Reality-TV und Castingshows.

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Am 18. Juni wird Thomas Gottschalk zum letzten Mal «Wetten, dass …?» präsentieren: 24 Jahre lang war der 60-Jährige der Kopf der Familiensendung, bis der Unfall von Kandidat Samuel Koch den Showmaster darin bestärkte, das Zepter weiterzureichen. «Ich hätte sonst noch etwas weitergewurstelt, aber zu der Stärke, mit der ich mal angefangen habe, hätten wir natürlich nie mehr zurückgefunden», sagte er in einem Interview mit der FAZ.

Den Grund dafür, dass «Wetten, dass …?» seine marktbeherrschende Stellung am Samstagabend verloren hat, sieht Gottschalk in dem Erstarken der Privatsender-Konkurrenz. «Irgendwann hat RTL mit seinen Castingshows angefangen, mir das Leben schwerzumachen. Dagegen ist nichts zu sagen. Was mich nervt, ist die Tatsache, dass es inzwischen Zuschauer gibt, die mehr wert sind als andere.»

Gottschalk hofft auf Gegenreaktion zum Reality-Hype

Der Moderator spielt auf die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen an: «Ein bescheuerter Dreiundzwanzigjähriger ist `werberelevant´, auch wenn er nichts begreift, längst eingepennt ist oder nebenbei twittert. Ein Akademiker über fünfzig, der mit einem elfjährigen Sohn zuschaut, wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen», echauffiert sich der Entertainer.

Dennoch glaubt Gottschalk, dass dieser Trend nicht ewig anhält. «Ich rechne irgendwann mit einer Gegenreaktion auf diesen inszenierten Hype, der als `Reality´ verkauft wird, werde diese allerdings nicht mehr im Amt erleben. Nach der Fastfoodwelle kam auch wieder die Gesundheitskost in Mode. Auf dem Zeitschriftensektor war es genauso: `Vanity Fair´ ist tot, es lebe die `Landlust´. Deshalb wende ich mich langsam einem Publikum zu, das noch alle vier Beatles aufzählen kann. Die vier Evangelisten schafft ja eh keiner mehr.»

My Generation

Auch wenn er damit nicht bloss Gleichaltrige meint, beschreibt der Moderator der FAZ die Unterschiede zwischen jung und alt: «Meine Generation ist alt geworden, ohne erwachsen werden zu müssen. Zumindest in meiner Gauklerzunft. Schauen Sie sich Cher an oder Steven Tyler von Aerosmith: Sie singt immer noch `Gypsies, Tramps and Thieves´, tritt immer noch im gleichen Fummel auf wie vor dreissig Jahren, und er sitzt bei `American Idol´ mit Lederklamotten und Federn in den Haaren in der Jury.»

Gottschalks selbst begann seine Karriere beim Funk und nicht beim Fernsehen: «Ich habe mir eine tägliche Radioshow um zwanzig Uhr geangelt, und keiner hat mich beaufsichtigt, weil meine Vorgesetzten auch ferngesehen haben. Ich war konkurrenzlos und konnte machen, was ich wollte. Einmal habe ich die Fronleichnamsprozession umgeleitet, und der Intendant hat eine Beschwerde vom Kardinal bekommen. Heute ist der eine tot und der andere Papst.»

Grimme-Preis «eher ersessen als verdient»

Fertig ist der Entertainer mit den Medien aber noch nicht. Selbst die Moderation von Unterhaltungsformaten schliesst er nicht aus: «Es muss doch irgendwas geben, das vom Anspruch her zwischen der F.A.Z. und `Bauer sucht Frau´ liegt.» Die Deutschen will er aus ihrer «tristen Stimmung» rausholen: «Der Prozentsatz der Verkniffenen bei uns kommt mir beruflich auch sehr entgegen. Ich weiss, dass ich als Unterhalter das Elend der Welt nicht wegmoderieren kann. Aber ich versuche mein Publikum wenigstens so weit zu lockern, dass es den Schrecken des Alltags wieder etwas entspannter ins Auge blicken kann.»

Der renommierten Grimme-Preis, mit dem der gelernte Lehrer am 1. April – und das ist kein Scherz – für seine Lebensleistung im Fernsehen geehrt wird, ist für Gottschalk «eine Art akademische Anerkennung, über die sich erst mal alle die Kritiker ärgern, die mir immer wieder unterstellt haben, ich sei schwachsinnig. Schon deswegen freue ich mich. Allerdings habe ich mir den Preis ja eher ersessen als verdient».

(phi)