Interview

05. Juli 2006 19:38; Akt: 05.07.2006 20:58 Print

Hart im nehmen

Er hat den Punk mitentwickelt, den Exzess gejagt und den Tod besiegt: Iggy Pop über sein Leben, seine Musik und seine Liebe zu Drogen.

Fehler gesehen?

Hallo! Wie soll ich dich nennen: Iggy oder Mr. Osterberg?

Mr. Osterberg: You can call me Iggy.

Hast du gehört, dass das Blue Balls Festival nach deinem Konzert eine
saftige Busse zahlen musste, weil du
zu laut warst?

Ja, es tut mir so leid.

Ach, die Lautstärke nahm dir wohl keiner übel. Schliesslich kannst du auch Leuten über vierzig den Stinkefinger zeigen und sie bespucken – und sie deuten das als Geschenk oder gar als Zeichen deiner Liebe.

Das gefällt mir. Das ist ein interessanter Punkt.

Trotzdem hast du den Hintern bei den Zugaben nur halb entblösst. Ist das ein Zeichen von Reife?

(Lachend) Holy Shit, du scheinst ein ziemliches Smart Ass zu sein (Pause). Wenn du darauf jetzt eine Antwort erwartest, sitzt du auf dem falschen Ast.

Okay, dann sprechen wir doch über das kommende Stooges-Album.

Wir haben uns ein paar Mal getroffen die letzten eineinhalb Jahre und einige Songs geschrieben. Daran arbeiten wir mit dem Anti-Producer Steve Albini. Yeah.

Ich habe gelesen, ihr arbeitet auch mit Jack White.

Nein. Das haben ein paar geistig beschränkte Showbiz-Journalisten nicht ganz begriffen. Ich hab denen bloss gesagt, Jack arbeitet an unserem Package. Er mag die Band, und ich denke, er hat ein gutes Gespür für das Visuelle. Also habe ich ihn gefragt, ob er nicht ein paar Bilder von uns machen und ein paar Ideen für das Albumdesign liefern könnte. Ich habe ja schon alles probiert: Künstler, Modefotografen, Comic-Zeichner, das Plattenlabel. Nun wollte ich was Neues. Eine neue Vision. Jack weiss, wofür wir stehen.

Warum nennst du Steve Albini einen Anti-Producer?

Nun, die Detroit-Bands aus unserer Zeit waren alles ungezähmte Pferde. Niemand wurde je wirklich produziert. Zwar standen mit der Zeit irgendwelche Namen auf unseren Alben, aber die haben nie was getan. Und wenn, dann hiess es bei uns: Friss Scheisse und stirb! Deshalb wollten wir Steve Albini: den Anti-Producer. Denn mit ihm hast du nicht das Gefühl, produziert zu werden.

Ist es heute noch möglich, an die Energie eures letzten Albums, «Raw Power», anzuknüpfen?

Nun, erstens: Ich werde mich hüten, eine Verallgemeinerung zu akzeptieren – erst recht nicht von einem Schweizer Journalisten, den ich nicht kenne.

Also, hör zu: Die Band machte drei Alben. Einige Leute bevorzugen davon «Raw Power», einige «Fun House». Ich persönlich bevorzuge das erste Album. Es ist das frischeste und kreativste von allen dreien und hat am meisten Charme. Aber ihr Jarheads, ihr Junkies (lachend), ihr Perverslinge und Warmduscher: Ihr bevorzugt «Raw Power». Aber ich dreh dir da keinen Strick draus, das ist schon okay. «Raw Power» ist ein grossartiges Album. In den neuen Songs steckt etwas von allen drei Alben. Dazu noch neue Einflüsse. Schliesslich gehen wir alle auf die sechzig zu. Es ist also schon etwas anderes.

Spürt jemand wie Iggy Pop noch Druck, wenn er ein neues Album beginnt?

Da ist sehr viel Druck. Der steckt in uns drin, den machen wir uns selbst. Will jemand von aussen Druck machen, ignorieren wir das einfach oder hassen ihn und wünschen ihm den Tod (lacht).
Das wären dann die Junkheads, Perverslinge …
Genau, so läuft das. Ich hab da auch meine Techniken, wie ich mit Druck umgehe. Die haben sich nicht verändert, seit wir zusammenarbeiten. Ist ein Song da, checke ich ihn ab: Okay, wir haben eine Strophe, einen Refrain. Rockt es? Ist es verrückt genug? Wie viele Teile haben wir, wie arrangieren wir das, wie oft wollen wir den Song für die Aufnahmen spielen und wann wird die Session gespielt? Bing, bang, bumm. Dann marschieren wir einfach durch. Zu viel denken bringt nichts.

Klingt mehr nach Routine als nach altem Feuer.

Well, Dude: Wo warst du, als wir das Feuer entfacht haben?

Ich kam erst 1977 zur Welt.

There you go: Du hast keine Ahnung. Glaub mir: Als wir die Alben rausbrachten, hielten es die Leute, die damals deinen Job hatten, keineswegs für ein verdammtes Feuer. Die sagten nur: It sucks, fuck off! So war das. Aber ich muss niemanden mehr beeindrucken. Wenn ich in ein Studio gehe, läuft das so: Du trabst an der Technik vorbei rein in die Kabine, machst deinen Scheiss, wischst dir den Arsch ab und raus aus der Hütte. Darum geht es! Wenn du zu viel herumprobierst, wird es eine verdammt lasche Performance.

Tool-Drummer Danny Carey meinte, eine ausgefeilte Technik sei für Musiker enorm wichtig, um einen persönlichen Stil zu entwickeln.

Nun, unsere technischen Fähigkeiten mögen vielleicht nicht offensichtlich sein, vor allem für Leute die sich von Musikern beeindrucken lassen, die ein elektronische Schlagzeug benötigen (lacht). Tool sind eine sehr kultivierte Band, aber ich hab mit ihnen gespielt, und hey: Die benötigen Samples für ihr Spiel. Unser Drummer
Scott Ashton hat viele Skills, von denen ein Typ, der elektronische Hilfe benötigt, keine Ahnung hat. Andere Leute, andere Skills. Bei der Musik auf unseren Alben ist der Fokus sehr stark auf das Spiel gerichtet, wie bei den alten Black-Sabbath-Platten oder bei den ganz alten Beatles – bevor dort sauber gemacht wurde. Alle spielen den Song, keiner macht Faxen. Das ist auch eine Fähigkeit. So viel zu den musikalischen Skills. Jeder gute Musiker sagt dir: Unser Drummer ist very fucking swinging. Aber auch unser Gitarrist Ron hat einen einzigartigen Stil, Mike Watt ist ein höllisch guter Bassist und ich lerne beim Singen auch immer mal wieder etwas dazu. Ich muss unsere Fähigkeiten schon verteidigen.

Das reicht ja aus, um Geschichte zu schreiben. Aber mittlerweile ist sogar ein Film über dein Leben in Arbeit.

Ja, was ist damit?

Nun, die meisten Künstler, deren Leben verfilmt wird, sind tot. Macht man sich da nicht Sorgen?

Nun … (stockt). Gemäss meinen Ärzten bin ich zu 100 Prozent am Leben – aber in anderem Sinne: Yeah, I’m pretty dead (lacht laut). Ich wurde schon totgeschlagen, totkritisiert, totverachtet, totverflucht, totgebetet und durchlitt schon alle anderen fuckin’ Tode. Ich wurde wie ein Tier behandelt, wurde bepisst. Also: Warum kein Film über mich? Let’s face it: Da ist eine riesige Bevölkerung von arbeitenden Drohnen, die nichts mit sich anfangen können, und ihr wertvollster Besitz sind ihre Klimaanlage und ihr Fernseher. Es gibt Millionen von Scheiss-Fernsehkanälen, die gefüllt werden müssen. Warum also nicht ein Film über mich?

Was sagst du zu Elijah Wood als Iggy Pop?

Warum nicht? Wir werden es sehen. Ich bin nicht direkt am Film beteiligt. Wenn sie mich bezahlen, dann dürfen sie ihn machen. Da fängt mein Engagement für den Film an, und da hört es auch auf. Aber das Skript ist ganz okay.

Es gibt auch schon ein Skript über die Stooges: eine depressive Heroin-Story über alle möglichen Varianten von Zerstörung und Abhängigkeiten.
Der deutsche Rapper Smudo meinte: Harte Drogen lassen Frauen schneller altern. Bei Rockern wirkten sie allerdings wie Konservierungsmittel.

(Lacht laut) Well, … so einfach ist es nicht. Wie alt ist dieser Snoodle?

Mitte 30?

Dann denkt er vielleicht so. Noch nicht alt genug. Gibst du Junkies unbegrenzten Stoff, dann halten sie sich ziemlich lange, wie Mumien. William Borroughs hatte dazu eine ziemlich gewagte Theorie, aber ganz allgemein: Man kann natürlich Beispiele aufzeigen von Leuten, die während wichtigen Phasen ihres Lebens auf Drogen waren und dadurch spannender waren und interessanter lebten als andere Leute (kriegt sich kaum ein vor Lachen). Ich kann dir ja schlecht Lügengeschichten erzählen. Wenigstens nicht über die Leute einer gewissen Generation. Aber ich weiss nicht, ob das heute noch nötig ist. Vor allem, da die Drogen immer synthetischer und schlechter werden. Ich hab Vicodin ausprobiert, aber dieses Zeug ist längst nicht so gut wie richtiges Dope.

Wann war das?

Als ich ein Loch in einem Zahn hatte. Der Zahnarzt gab mir Vicodin, und ich dachte nur: Okay, let’s see how that shit works. Und bei solchen Drogen muss ich sagen: Kein Wunder ist Rapmusik so langweilig. Klingt alles nach Schmerzmittel. Die Highs sind nicht besonders groovy.

Würdest du Elijah Wood dabei helfen, Iggy Pop zu spielen?

Das würde ich tun, wenn er es wünschte. Rein aus professioneller Höflichkeit. Ich habe auch schon geschauspielert – zwar mehr schlecht als recht, aber ich habe Respekt vor Leuten, die das anständig beherrschen. Also würde ich alles machen, was er wünscht. Ich werde aber sicher nicht auf dem Film-Set herumhängen und alles kontrollieren.

Wie würdest du Elijah Wood den Unterschied zwischen Jim Osterberg und Iggy Pop erklären?

Dazu würde ich ihm gar nichts sagen. Er muss ja nur Iggy kennen.

Und was wäre der Hauptunterschied?

Das werde ich dir nicht erzählen. Man sagte mir, es wäre ein 20-minütiges Interview, und wir sind längst über der Zeit. Deshalb denke ich, Jim rät Iggy, die Frage nicht zu beantworten und aufzuhängen (lacht). Alright?

Olivier Joliat