«Dschungelcamp»

24. Januar 2011 17:33; Akt: 24.01.2011 17:34 Print

Ich hab Matura - ich schalte ein!

von Philipp Dahm - Wer glaubt, nur leichte Gemüter würden die RTL-Show «Dschungelcamp» schauen, irrt: Gebildete ergötzen sich genauso an der labilen Sarah wie Gewöhnliche.

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Die Prüfung mit dem Titel «Dschungel-Automat» müssen zwei Stars absolvieren. Da der Hunger gross ist, fällt die Wahl auf die stärksten Männer im Camp ... Freudig werden US-5-Sänger Jay Khan und Olympiaschwimmer Thomas Rupprath von Sonja Zietlow und Dirk Bach empfangen, wo ihnen bedeutet wird, dass sie sich auf «lauter kleine, landestypischen Leckereien» - ein insgesamt viergängiges Menu - freuen dürfen. Laut Dirk ist alles «wie immer gesund und proteinreich.» Thomas bekommt sogenannte 'Erdwurm-Flips' vorgesetzt – bestehend aus lebenden Regenwürmern. Thomas hält sich die Nase zu, schluckt und zerkaut die Regenwürmer. Doch er schafft es nicht, alle zu schlucken. Thomas bekommt sogenannte 'Erdwurm-Flips' vorgesetzt – bestehend aus lebenden Regenwürmern. Thomas hält sich die Nase zu, schluckt und zerkaut die Regenwürmer. Doch er schafft es nicht, alle zu schlucken. Zum zweiten Gang gibt es 'Käsestangen', bestehend aus Käsefrucht (auch Kotzfrucht genannt) und 'Schleim-Gummi' (vergorene Soya-Bohnen). Thomas gibt sein Bestes, muss sich aber übergeben. Als dritten Gang zieht Thomas einen 'Augenschmaus' (ja, wir ahnten es alle schon), bestehend aus Kroko-, Schafs- und Fisch-Augen, den er gleich seinem Mitkonkurrenten weiterreicht. Wiederum schafft es Jay der Furchtlose, das ihm Vorgesetzte zu verzehren. Immerhin schafft es Thomas vom 'Studentenfutter', bestehend aus lebenden Kakerlaken, Grillen und Mehlwürmern, etwas zu essen. Das gibt Punkte, Verzeihung, Sterne. Zeitlimit eineinhalb Minuten: Als vierten Gang zieht Jay den 'Fleisch-Lolli', einen Kroko-Penis am Stiel. Jay zu Thomas: «Ich kann es essen, ich schaffe es. Aber schaffst du es auch?» Thomas: «Ich probiere es!» Thomas kaut, schluckt und holt den Stern. Anschliessend zieht Jay einen 'Knabberspass', dabei handelt es sich um Kamel-Anus. Jay hält sich die Nase zu, knabbert los, beisst ab, schafft es und holt den Stern. Für den zu holenden Zusatzstern wird Jay, «Der Mann mit dem eisernen Magen», auserkoren. Es gibt 'Gemischte Nüsse', Schafs- und Hirschhoden, die – natürlich - gut für die Potenz sein sollen. Sonja: «Du musst fest draufbeissen!» Jay schluckt alles runter und holt den Stern. Was sonst noch passiert: Sarah ist neue Teamchefin und verteilt die Aufgaben. Indira (Bild) hat Bauchweh und Jay kümmert sich um sie ... ... Peers Affe Schotti ist weiterhin in Haft und muss so für seinen Luftballonschmuggel büssen. Aus Protest bemalt Peer einen Stein mit der Aufschrift «Free Schotti» und stellt diesen mahnend neben das Gefängnis. Am Abend kommt der Affe schliesslich frei.

Tag Zehn bei «Ich bin ein Star ... holt mich hier raus!»: Erdwurm-Flips, Kroko-Füsse, Schafsaugen, Kroko-Penis, Kamel-Anus und potenzfördernde Hirschhoden waren auf dem Menu. Alltag im Dschungelcamp, also.

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Es ist wie im Kindergarten. (Ehemals) Prominente werden in eine Spielgruppe gesteckt, der Mob wird leicht unter Druck gesetzt, und wenn einer im Sandkasten nicht mitspielen mag, zeigen alle mit dem Finger auf den Buhmann, der den Rest der Gruppe fortan in Abneigung vereint. Dass sich für die Rolle des schwarzen Peters besonders labile kleine Mädchen eignen, haben Daniel Küblböck («Deutschland sucht den Superstar»), Gisele Oppermann und Fiona Erdmann («Germany’s Next Topmodel») hinlänglich bewiesen.

Der Klum-Castinsghow ist nun auch Sarah Knappik entsprungen, die nun bei («Ich bin ein Star – Holt mich hier raus») den Part der verwöhnten Nerv-Ziege übernommen hat. Wer nun aber glaubt, die Schlagzeilen über sie würden bloss Blöde und Asoziale interessieren, liegt weit daneben.

Kein «Unterschichtenfernsehen»

In Deutschland hat jeder dritte Zuschauer der RTL-Show Abitur, zeigt das Medienportal «DWDL» auf. 25 Prozent des Publikums haben einen Hochschulabschluss, bei so verschiedenen Gruppen wie Arbeitern, Angestellten oder Beamten liegt der Marktanteil bei über 30 Prozent. Auch bei Einkommensgruppen gibt es kaum Unterschiede: «Das Unterschichtfernsehen ist eine Mär», fasst «DWDL» zusammen.

Alle sind also vor den Bildschirmen dabei, wenn Sarahs Ruf als «Nervensäge» («Welt») forciert wird. Das eigene mediale Geltungsbewusstsein wird der 24-Jährigen dabei zum Verhängnis: Weil sich Sarah gerade noch in der «Vox»-Sendung «Das perfekte Promi-Dinner» auf Fleisch freute, kommt ihr plötzlicher Urwald-Vegetarismus wenig glaubwürdig daher.

Wenn Sarah den schwarzen Peter macht

Wohlwissend fragte Moderatorin Zietlow das Mädchen dann, ob sie schon immer so gegessen habe. Knappiks Antwort: «Schon als Kind habe ich mich vor Fleisch geekelt und da bleibe ich mir einfach treu.» Die Konsequenz in der realen Welt? «Dschungel-Sarah treibt Lügerei auf die Spitze», dröhnt die Website «PromiFlash.de», die einen Abgrund des Unterhaltungsjournalismus darstellt. Andere Überschriften sind: «Wer tritt Sarah dieses Mal in den Hintern?» oder «So fies fällt Froonck Sarah in den Rücken!»

Genüsslich werden dort Lästereien des geschassten Camp-Kandidaten Frank Maththée ausgebreitet («Deshalb waren wir alle wütend auf sie»). Scheinheilig ist, dass die üble Nachrede anderer «fies» ist, aber die eigene nicht. Und zwar das Gerede eines Kerls, der sich nach seinem Dschungel-Auszug am meisten auf seine Mutti freut, die ihm erst mal ein ordentliches Essen kochen will - womit wir wieder beim Kindergarten wären.

Dschungel-«taz»: «Seid ihr noch ganz frisch?»

Wie stark das «Dschungelcamp» polarisiert, muss derzeit die alternative Berliner Tageszeitung «taz» erfahren, die schon vor Beginn der RTL-Show ein Interview mit Kandidat Rainer Langhans führte. «Ich war einmal berühmt, und dann bin ich abgestürzt. Ich kam nicht mehr vor, es gab mich nicht mehr. Ich hoffe, wie die anderen Dschungelbewohner auch, mich durch das Camp zu resozialisieren», sagte der polygame Althippie dort. Als im Weiteren Langhans-Gespielinnen in Kolumnen über die TV-Geschehnisse berichteten, platzte einem Teil der Leserschaft der Kragen.

«Liebe taz, bitte verschone mich mit dieser Rubrik! Die passt in die Bild-Zeitung, aber nicht zu euch», zitiert das «Taz Blog» einen Kommentator. «Vor 20 Jahren hab ich mein allererstes Weihnachtsgeld geopfert, um guten, linken Journalismus zu fördern. Nicht, um die Lohhudeleien zweier Langhans-Gefährtinnen zu lesen», ein anderer. Zusammengefasst ist die «taz»-Anhängerschaft in meuterischer Aufruhr: «Die Frage sei erlaubt: Seid ihr noch ganz frisch?» Schon reagierte die Redaktion und veröffentlichte unter dem Titel «Warum diese Verachtung» eine Antwort auf die geharnischten Kritiken.

Diskussionen überall: Wie viel ist inszeniert?

Die Moral von der Mediengeschicht’ macht auch das «Forenecho: Wann fliegt Sarah Knappik?» auf dem TV-Portal «Quotenmeter» zum Thema. «Sind wir doch ehrlich, jeder da bekommt von RTL den Stempel aufgedrückt, den die Zuschauer in Deutschland sehen wollen», meint dort der eine Zuschauer, während der andere dagegenhält: «Was RTL aber nicht machen kann, ist, Aussagen die getroffen wurden, ändern. Und da bleibt ja bestehen, dass Sarah einige Dinger rauskloppt, Prüfungen durch seltsame Reaktionen versaut, bezüglich ihres Vegetarismus alle anlügt.»

RTL sendet derweil ein Interview mit Camp-Arzt «Dr. Bob», der ausplaudert, Sarah habe ihn aus medizinischen Gründen um Essen angebettelt. Doch sie habe nur für sich gefragt und nicht für die anderen. Sie sei gesund und jung, er habe sie abgewiesen. Am Sonntag noch äusserten sich auch die Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach: «Wir möchten nichts inszenieren – wir nehmen das, was uns geboten wird», sagte Erstere «DWDL». Letzterer ergänzt: «Nein, das ist wirklich nicht unsere Art. Inszenieren möchten wir nicht, wir spiegeln nur das, was wir erleben.»

Was meinen Sie?

Die Leserschaft dieser Website ist in einer noch jungen Diskussion ebenso uneins. Minnie meint: «Wer sich den Quatsch anschaut, ist ja eh selber schuld und soll sich nicht beklagen.» Peschä widerspricht: «Vor allem, wie RTL öffentlich inszeniert, wie Sarah gemobbt wird. Das ist moralisch äusserst verwerflich und möglicherweise auch rechtlich bedenklich! Hier wird die psychische Misshandlung einer jungen Frau als Unterhaltungsprogramm verkauft, das ist inakzeptabel.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom F. am 25.01.2011 07:56 Report Diesen Beitrag melden

    na und ...

    Na und ... dann sind "gebildete" halt gleich niveaulos wie "ungebildete". Soll dieser Artikel legimitieren einen solchen Blödsinn zu schauen? Spielt eh keine Rolle, dass soll jeder mit sich selber ausmachen ... PS. kein Wunder wird von der Verrohung der Gesellschaft geredet.

  • Doris am 24.01.2011 20:05 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht ganz sauber!

    Ich finde die Moderationen von Sonja und Dirk nicht ganz sauber und auch dass die Sarah so gemobbt wird ist nicht die feine Art. Sie als jüngste soll den Andern Respekt entgegen bringen, aber keiner der Andern hat sich mit seinem verhalten Respekt verdient! Der verwelkte Schauspieler soll doch selber gehen, der wird ja nun auch nicht gebraucht.

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  • Hans am 25.01.2011 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt erst recht !

    Hallo Sarah ! Du bist die Beste, endlich jemand der den andern den Spiegel vorhält. Die mögen Dir doch nicht das Wasser reichen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • LKS am 25.01.2011 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Slapstick

    Das grosse Missverständnis fängt ja bei der Einstufung dieser Sendungen an. Auf keine Fall sollte man sie sich als Doku-oder als sonstiger Spiegel des wahren Lebens anschauen. Wer schlau genug ist das ganze als Slapstick Comedy zu erkennen, mag das sicher auch absolut amüsant finden (auf keinen Fall ist es schlimmer als Jackass oder The Simple Life). Ich für meinen Teil kann mich (bei allen oben genannten und Anverwandtem) dem Aspekt des Fremdschämens nicht entziehen und lasse es lieber...

  • Carina_ZH am 25.01.2011 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht auch im Schweizer Fernsehen?

    In dieser Show machen heruntergekommene Prominente mit, die hoffen nochmals etwas Ruhm für sich einheimsen zu können. Niemand ist verpflichtet dort teilzunehmen, die Teilnahme ist freiwillig und letztendlich ist man selbst Schuld, wenn man zum Opfer der Medien wird. Würde man dieses Format in der Schweiz ausstrahlen, würden sich auch sofort etliche Z-Promis finden und der Sender, welche das Format aufnimmt, würde Traumquoten erzielen.

  • Hans am 25.01.2011 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt erst recht !

    Hallo Sarah ! Du bist die Beste, endlich jemand der den andern den Spiegel vorhält. Die mögen Dir doch nicht das Wasser reichen.

  • patrick h. am 25.01.2011 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    super

    super show! ganz ehrlich, ich weiss nicht wann ich das letzte mal so gut unterhalten worden bin. man kann über diese show sagen und meinen was man will, erfolg und quoten geben ihr einfach recht. ich freue mich jedenfalls schon seit gestern abend bis es wieder heisst Guten Morgen Australien, Guten Abend Deutschland!

  • Sven E. am 25.01.2011 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    Naja, Abitur

    ist ja nun nicht wirklich eine geistige Herausforderung. In Deutschland schon gar nicht.