Plädoyers

23. Januar 2020 11:41; Akt: 23.01.2020 11:41 Print

Weinstein soll sich auf sein Opfer «gestürzt» haben

Im Prozess gegen den einstigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein hat die Anwältin der Anklägerinnen ihr Antrittsplädoyer gehalten. Sie schildert schockierende Szenen.

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Harvey Weinstein muss sich aktuell vor Gericht verantworten. Ihm wird Vergewaltigung vorgeworfen. Am Mittwoch verlasen die Anwälte ihre Eröffnungsplädoyers. Im Hintergrund in den grauen Jacken: Zwei von Weinsteins Anwälten, Arthur Aidala und Donna Rotunno. Die Anklägerinnen schilderten zum Prozessauftakt in schockierenden Details, wie Weinstein seine mutmasslichen Opfer angegriffen haben soll. Der einstige Hollywood-Produzent erschien auch zum gestrigen Gerichtstag an einer Gehhilfe. (22. Januar) Er musste sich Ende 2019 nach einem Autounfall einer Rückenoperation unterziehen. Model Emily Ratajkowski präsentierte im Dezember ihre Meinung zu Weinsteins 25-Millionen-Einigung auf ihrem Arm. Das deutliche Statement platzierte sie auf dem roten Teppich einer Filmpremiere in Los Angeles. Damals wurde bekannt, dass Weinstein eine Vereinbarung über Entschädigungszahlungen an dutzende Frauen geschlossen haben soll, die ihm sexuelle Gewalttaten vorwerfen. (11. Dezember) Bereits Anfang Dezember musste der Ex-Filmproduzent in New York vor Gericht erscheinen. (6. Dezember 2019) Schauspielerin Rose McGowan geht gerichtlich gegen Harvey Weinstein vor, wie Ende Oktober bekannt wurde. (Archivbild) Schauspielerin Annabella Sciorra sagte im Sommer, Weinstein habe auch sie vergewaltigt. (Archivbild) Sciorra (l.) trug durch ein Interview mit dem Magazin «New Yorker» im Oktober 2017 dazu bei, die #MeToo-Bewegung in Gang zu setzen. Darin berichtete sie, dass Weinsein sie 1993 in ihrer New Yorker Wohnung vergewaltigt habe. Plädiert auf nicht schuldig: Harvey Weinstein erscheint zum Gerichtstermin in New York. (5. Juni 2018) Wieder auf freiem Fuss: Harvey Weinstein wurde am Freitag gegen eine Kaution und mit einer elektronischen Fussfessel wieder freigelassen. (25. Mai 2018) Harvey Weinstein stellte sich im Mai 2018 in New York der Polizei. Er wurde vor dem Gebäude von dutzenden Fotografen und Fernsehteams erwartet. Liessen sich scheiden: Harvey Weinstein mit Georgina Chapman. (Archivbild) «Da war ein Teil von mir, der schrecklich naiv war – ganz klar, so naiv»: Georgina Chapman. Der Fall Weinstein hatte eine weltweite Kampagne gegen sexuelle Belästigung und Gewalt ausgelöst. Unter dem Hashtag #MeToo machten zahlreiche Missbrauchsopfer ihre Erfahrungen öffentlich. Unter den Beschuldigten sind viele Prominente. So auch Schauspieler Dustin Hoffman – mit dem sich Moderator John Oliver (links) öffentlich anlegte. Ein ehemaliger Staatsanwalt soll die Anschuldigungen gegen ihn überprüfen: Stardirigent James Levine. (Archivbild) Soll Frauen während Wahlkampfauftritten belästigt haben: Al Franken anlässlich einer Pressekonferenz in Washington. (27. November 2017) Erzählt von ihren eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung und Belästigung: Natalie Portman am Vulture-Festival in Hollywood. (19. November 2017) Rechnet mit Harvey Weinstein ab: Uma Thurman, hier bei den Filmfestspielen in Cannes. (18. Mai 2017) Wegen Vergewaltigung zu einer neunjährigen Gefängnisstrafe verurteilt: Robinho im Trikot von AC Milan. (Archiv) Wurde von Harvey Weinstein begrapscht: Ambra Battilana Gutierrez. Nicola Werdenigg, eine ehemalige Skirennfahrerin, hat über schockierende Zustände im österreichischen Skisport der 70er-Jahre berichtet: Ein Bild der Skirennfahrerin (undatierte Aufnahme). Bild: Facebook/Nicola Werdenigg Auch den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton holen Missbrauchsvorwürfe ein: Bill Clinton bei einer Rede im Jahr 2016. Foto: John Locher (Keystone) «Ich habe mich zeitweise taktlos verhalten und übernehme dafür die Verantwortung»: Charlie Rose. (Archivbild) Auch er ist mit Vorwürfen konfrontiert: Sylvester Stallone während einer Pressekonferenz für den Film «Creed». (6. November 2015) «Unangemessenes Verhalten»: Das Old Vic Theater in London hat 20 Vorwürfe gegen seinen früheren künstlerischen Leiter Kevin Spacey gemeldet. Zu Oralsex gezwungen oder masturbiert: Sechs Frauen werfen Brett Ratner vor, sie sexuell belästigt oder missbraucht zu haben. (Archivbild) Will nicht mit Filmproduzent Bret Rattner an das Set: «Wonder Woman»-Darstellerin Gal Gadot. (25. Mai 2017) Fühlte sich von Brett Ratner blossgestellt: Schauspielerin Ellen Page. Fünf Frauen haben Vorwürfe gegen den US-Republikaner erhoben: Roy Moore. (Archivbild) Sitzt wegen Besitzes von Kinderpornografie im Gefängnis: Der ehemalige Arzt der US-Kunstturn-Nationalmannschaft Larry Nassar bei einer Anhörung in Michigan. (17. Februar 2017) Beschuldigt Nassar, sie sexuell missbraucht zu haben: Die 23-jährige US-Turnerin und Goldmedaillen-Gewinnerin Aly Raisman. Gehört zu den Missbrauchs-Opfern von Larry Nassar: Turn-Olympiasiegerin Gabrielle Douglas. Verbreitet ein Erlebnis über sexuelle Nötigung auf Twitter: Pitch-Perfect-Star Rebel Wilson. Die US-Torhüterin Hope Solo sagt, Sepp Blatter habe ihr bei der Verleihung des Ballon d'Or im Januar 2013 an den Po gefasst: Solo und Blatter (rechts) verleihen Abby Wambach ihre Auszeichnung im Kongresshaus Zürich. (7. Januar 2013) Eine Schauspielerin wirft Steven Seagal sexuelle Belästigung vor – er soll bei einem Vorsprechen seine Hose geöffnet haben: Der 65-Jährige an einer Pressekonferenz. (Archiv) Wurde angeblich von einem Produzenten bedrängt: Schauspielerin Jane Seymour hier im Bett mit Roger Moore in einer Szene von «Leben und sterben lassen». Sex im Auto als Geheimnis: Gleich zwei Frauen sagen, es sei dazu gekommen; die eine sagt, es sei sehr brutal gewesen. Auch weitere Frauen werfen Tariq Ramadan sexuelle Brutalität vor. (Archivbild) Kristina Cohen sagt aus, dass sie vor drei Jahren vom britischen Schauspieler Ed Westwick zum Sex gezwungen worden sei. (Archivbild) Der prominente österreichische Grünen-Politiker Peter Pilz ist nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung zurückgetreten. Der ehemalige Kongressabgeordnete Anthony Weiner tritt seine Haftstrafe wegen Sexting an. (6. November 2017) Zwei Frauen warfen ihm sexuelle Belästigung vor: Der Chefredaktor des renommierten Radiosenders NPR, Michael Oreskes, trat daraufhin zurück. (Archivbild) Der konservative britische Verteidigungspolitiker Michael Fallon musste Anfang November wegen ähnlicher Vorwürfe zurücktreten. (Archivbild) Der britische Labour-Politiker Clive Lewis soll eine Frau unsittlich berührt haben. Er bestreitet den Vorwurf. (Archivbild) «Ich hätte nicht mit ihm verheiratet sein wollen»: Matt Damon soll nur davon gewusst haben, dass Weinstein ein Womanizer war. (23. Oktober 2017) Als sie ihn abblitzen liess, sei er «aufgebracht» gewesen: «Game of Thrones»-Star Lena Headey. (Archivbild) Sagt, er habe in sie eindringen wollen: Die britische Schauspielerin Lysette Anthony ist die fünfte Frau, die Harvey Weinstein Vergewaltigung vorwirft. (Archivbild) Wirft Weinstein Vergewaltigung und Bezos Mitwisserschaft vor: US-Schauspielerin Rose McGowan. (Archivbild) Schauspielerin Rose McGowan soll von Weinstein gar Schweigegeld erhalten haben. Hat eine «schlechte Erfahrung» mit Harvey Weinstein gemacht: Schauspielerin Angelina Jolie. (Archivbild) Weinstein habe sie angefasst und wollte sie massieren: Gwyneth Paltrow. (Archivbild) Schauspielerin Ashley Judd gehört zu den Frauen, die gegen Weinstein Vorwürfe erheben. Der Filmproduzent war bereits mehrfach Gast am Zurich Film Festival, hier 2013.

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Darum gehts

Im Vergewaltigungsprozess gegen den früheren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein haben sich Anklage und Verteidigung in ihren Eröffnungsplädoyers einen harten Schlagabtausch geliefert. Nachdem die Staatsanwaltschaft den 67-Jährigen zum inhaltlichen Auftakt der weltweit aufsehenerregenden Verhandlung als «Sexualstraftäter und Vergewaltiger» bezeichnet hatte, griff Weinsteins Team die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen an.

Ihre Aussagen seien widersprüchlich und Textnachrichten zeigten auch noch nach den mutmasslichen Taten ein freundliches Verhältnis zum Angeklagten.

In dem Prozess geht es vor allem um die Vorwürfe zweier Frauen: Weinstein soll Produktionsassistentin Mimi Haleyi im Jahr 2006 zum Oralsex gezwungen haben, eine andere Frau soll er 2013 vergewaltigt haben.

Das sagt die Anklage

Staatsanwältin Hast legte die Vorwürfe mehrerer Frauen am Mittwoch in drastischer Detailtiefe dar. Sie beschrieb, wie Weinstein die Schauspielerin Annabella Sciorra vergewaltigt haben soll und Weinstein sich mit seinen etwa 135 Kilo Körpergewicht auf die zierliche Haleyi «gestürzt» habe, obwohl diese «ich bin nicht interessiert» und «Nein» gesagt habe: «Er widersetzte sich mit Leichtigkeit ihren Versuchen, da wegzukommen.»

Die Anklägerin beschrieb auch den Fall von Schauspielerin Jessica Mann und wie Weinstein gegen ihren Willen Oralverkehr an ihr ausgeübt und sie vergewaltigt haben soll. Zuvor habe er versucht, sie mit dem Versprechen von grossen Rollen in seinen Filmen gefügig zu machen.

Nach seinen Übergriffen habe er «seine Macht in der Unterhaltungsindustrie dazu genutzt, ihr Schweigen sicherzustellen», so Hast. Während des Plädoyers wurden grosse Fotos von den mutmasslichen Opfern auf einem Bildschirm gezeigt.

Das sagt die Verteidigung

Weinstein-Anwalt Damon Cheronis hielt in seinem Auftakt-Statement dagegen: «Alles, was Frau Hast ihnen gerade erzählt hat, sind keine Beweise. Sie war nicht da», sagte er. Es gebe dagegen Beweise von den Zeugen der Anklage selbst, die zeigten, dass ihre Vorwürfe nicht wahr seien. «Er (Weinstein) war nicht dieser meisterhafte Manipulator.»

Cheronis zeigte eine Reihe von Botschaften von Zeugen der Anklage, die diese nach den mutmasslichen Taten an Weinstein geschickt haben sollen. So schickte Haleyi nach Darstellung der Anwälte ein E-Mail an Weinstein, in der sie Bedauern darüber äusserte, dass sie sich so lange nicht gesehen hätten. Die Nachricht ist demnach mit «Peace & love» («Frieden und Liebe») unterschrieben.

Über Schauspielerin Mann sagte Cheronis, sie habe Weinstein nach der mutmasslichen Vergewaltigung in einer Nachricht «ich liebe dich, das tue ich immer» geschrieben. Weinstein sei nicht der Angreifer gewesen – «vielmehr das Gegenteil», so Cheronis.

Weinstein, der ehemals mächtige Produzent von Filmen wie «Pulp Fiction», «Kill Bill», «Gangs of New York» und «Shakespeare in Love», verhielt sich während des Plädoyers ruhig, schaute manchmal Richtung Boden oder raunte einer Mitarbeiterin seines Teams etwas zu.

Das droht Weinstein

Mit den Auftaktplädoyers am Mittwoch startete der Prozess nach mehr als zwei Wochen inhaltlich. In den kommenden Wochen wird ein harter Kampf zwischen Anklage und Verteidigung um die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen erwartet – am Ende entscheiden die zwölf Geschworenen über Schuld oder Unschuld.

Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft. Insgesamt haben mehr als 80 Frauen Weinstein seit 2017 sexuelle Übergriffe vorgeworfen und damit die weltweite MeToo-Bewegung ausgelöst.

Viele der mutmasslichen Taten fanden jedoch nicht in New York statt oder sind zu lange her, um verhandelt zu werden. Der Prozess soll etwa zwei Monate dauern. Weinstein hatte immer wieder gesagt, die sexuellen Kontakte seien einvernehmlich erfolgt.

(fim)