Öffentliche Trauer

21. März 2011 19:45; Akt: 22.03.2011 09:25 Print

«Eine Witwe, die sich selbst schüttelt»

von Isabelle Riederer - Sechs Monate nach Steve Lees tragischem Tod verrät seine Partnerin Brigitte Voss-Balzarini pikante Geheimnisse. Das stösst auf Kritik.

Bildstrecke im Grossformat »
Am 5. Oktober verunglückte Steve Lee tragisch in der Nähe von Las Vegas. Der Gotthard-Frontmann wurde durch ein Motorrad erschlagen. Der Polizeirapport der Nevada Department of Public Safety. «Eines der Motorräder traf den 47-jährigen Fahrer, der als Stefan Alois Lee aus der Schweiz identifiziert wurde. Herr Lee verstarb noch auf der Unfallstelle aufgrund der beim Unfall erlittenen Verletzungen.» Die Unfallstelle: Hier, auf der Interstate 15 südlich von Mesquite Nevada, starb Steve Lee. Der 47-Jährige stand auf dem Pannenstreifen, als ein Lastwagen-Anhänger ein Motorrad erfasste, das Steve Lee traf. Noch sind Spuren des Unfalls zu sehen. Wie dieser Plastiksack. Oder ein abgerissener Riemen. Auch einen Handschuh konnten lokale Journalisten beim Unfallort fotografieren. «Gotthard»-Sänger Steve Lee ist am 6. Oktober 2010 mit seinem Motorrad tödlich verunfallt. Er war - wie hier im April 2009 - mit einer Töffgruppe unterwegs im US-Bundesstaat Nevada, wie es aus seinem Umfeld heisst. Lee hatte bereits im August 2010 einen schweren Unfall, bei dem seine Partnerin Brigitte Voss verletzt wurde. Sechs Autos verkeilten sich damals bei der schweren Auffahrkollision. Der Sänger sprach damals «vom schlimmsten Moment meines Lebens». Steve Lee war seit 1990 der Sänger der Hardrock-Band Gotthard. Die Band begann ihre Karriere 1991 im Tessin unter dem Namen «Krak». Unter der Obhut von Ex-Krokus-Bassist Chris von Rohr beschloss die Band, ihren Namen zu ändern. In der Folge avancierte die Band in den Neunzigerjahren zum Aushängeschild des Schweizer Hardrocks. Es folgten etliche Charterfolge - die mitunter noch zahlreicher wurden, als die Band Ende der Neunziger beschloss, sich mit einem Unplugged-Album als gemässigte Rocker zu präsentieren. Die Jahre 2003 und 2004 waren geprägt von einschneidenden Veränderungen in der Gruppe. Die Band trennte sich von Mentor und Produzent Chris von Rohr, um die vom Produzenten gewünschte Kommerzschiene wieder in Richtung Rock zu verlassen. Während die Band unangefochtene kommerzielle Erfolge feierte, war sie niemals ein Darling der Musikpresse. Zu traditionell war ihr Sound. Steve Lee und seine Partnerin Brigitte Voss waren aber gern gesehene Gäste an Schweizer Promi-Anlässen. Lee galt als freundlicher, beliebter Mensch, der dadurch etliche Schweizer Celebs zu seinen Freunden zählen konnte.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die öffentliche Trauerbewältigung von Brigitte Voss-Balzarini um ihren geliebten Steve nimmt kein Ende. Ob herzzerreissende Inszenierung am Unfallort samt Fotograf und Presse oder Interviewmarathon: Die 51-Jährige kennt keine Grenzen. Wer aber glaubt, damit sei der Tiefpunkt erreicht, der irrt. Am 25. März erscheint im Giger Verlag das 258 Seiten starke Buch «Mein Leben mit Steve». Verlegerin Sabine Giger: «Brigitte hat dieses Buch selber geschrieben. Eigentlich wollten sie und Steve es gemeinsam tun, leider ist es jetzt anders gekommen.»

Umfrage
Ist die Veröffentlichung des Buches, das intime Details aus dem Privatleben von Brigitte Voss-Balzarini und Steve Lee verrät, in Ordnung?
10 %
90 %
Insgesamt 3139 Teilnehmer

«Bis ich innerlich austrocknete»

Vorabdrucke aus dem Werk bringen pikante Informationen an den Tag. So erfährt man, dass Steve, noch während er mit seiner Frau Karin verheiratet war, bereits mit Voss-Balzarini eine intime Liebesbeziehung führte. Detailreich wird beschrieben, wie der Rocksänger seine Gattin betrog. Damit aber nicht genug: Voss-Balzarini schildert auch, wie sie in den ersten Minuten nach Steves tragischem Unfall an der Interstate 15 in Nevada ins Gebüsch musste, um Wasser zu lassen. «Einmal, zweimal, bis mein Bauchnabel richtig einfiel und ich innerlich austrocknete», zitiert der «Blick» aus dem Buch.

Psychiater warnt vor Depressionen

Ist diese exzessive Art der öffentlichen Trauerbewältigung noch gesund? Psychiater Witold Tur sieht Risiken: «Wenn jemand derart öffentlich trauert, besteht die Gefahr, dass nach Abbruch des öffentlichen Interesses die Trauernde in ein tiefes Loch fällt.» Und der Experte warnt: «Es ist wichtig, dass sich die Trauernde möglichst bald psychologische Beratung holt, denn sie könnte depressiv werden, wenn die Profitgeier und falschen Freunde plötzlich weg sind.»

Kritik vom Medienexperten

Die literarischen Ergüsse von Voss-Balzarini haben auch Medienprofis auf den Plan gerufen. Peter Rothenbühler, ehemaliger Chefredaktor des «Blick», der «Schweizer Illustrierten» und des «Le Matin» sowie Direktionsmitglied der Edipresse, findet deutliche Worte: «Es gibt im People-Journalismus den unschönen, aber zutreffenden Begriff 'Witwenschüttler', das sind Reporter, die zu den Hinterbliebenen eines Prominenten geschickt werden, um die Witwe nach ihrem Befinden auszufragen und allenfalls ein privates Fotoalbum zu plündern. Neu und epochemachend ist, dass sich die Witwe spontan selbst schüttelt, auch das Intimste auspackt und vor allem: nicht mehr aufhört damit! Und dabei vergisst – wie in ihrem Fall –, dass süsse Rosenwasser-Geschichten über die erste Nacht 'Er trug mich sanft auf seinen Armen ins Bett' dem Andenken des Verblichenen eher schaden als nützen», schrieb Rothenbühler in seiner jüngsten Kolumne in der «SonntagsZeitung». Auch die Sendung «Giacobbo/Müller» nahm sich des zweifelhaften Werks an: Die beiden Satiriker frotzelten am Sonntagabend, Voss-Balzarini werde aus aktuellem Anlass bald auch ein Buch mit dem Titel «Mein Leben mit Knut» veröffentlichen.

Vorsatz nicht eingehalten

Die Buchveröffentlichung steht im Widerspruch zu Voss-Balzarinis ursprünglicher Ankündigung. Noch im Januar sagte die Ex-Miss-Schweiz, sie wolle sich zurückziehen und im Stillen trauern. «Steve Lee ist uns allen aus dem Leben gerissen worden und hatte noch so viele Pläne ... ich war an seiner Seite und nie gerne öffentlich. Darum finde ich, er hat nun Ruhe verdient und ich darf im Moment die juristische Seite nicht stören und möchte mich deswegen zurückziehen», so Voss damals gegenüber 20 Minuten Online.

Dass sie ihre Meinung nun geändert hat, dürfte ihr finanziell zum Vorteil gereichen. Zwar gibt Verlegerin Sabine Giger keine Zahlen zu Vorbestellungen bekannt, auf Anfrage bei Verlagsprofis heisst es aber, das Buch habe gute Chancen die Bestsellerliste zu stürmen.

Was halten Sie von Brigitte Voss-Balazarinis öffentlicher Trauerbewältigung? Stimmen Sie im Poll ab und diskutieren Sie im Talkback mit.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jessica am 23.03.2011 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig...

    Steve hat sein Privatleben bewusst nie öffentlich gemacht, weil er das nicht wollte. Schade, dass dies Frau Balzarini-Voss nicht respektiert. Die Veröffentlichung dieses Buches ist eine Frechheit Steve gegenüber, aber auch gegenüber Steve's Exfrau (die einige Jahre mehr mit ihm verbracht hat) und seiner Familie. Sie haben den Verlust eines lieben Menschen zu verarbeiten und jetzt auch das noch. Welche Fans sind interessiert an solchen privaten Sachen? Ich jedenfalls nicht. Frau Balzarini, lassen Sie Steve endlich in Frieden ruhen...

    einklappen einklappen
  • Barbara Kocher am 07.04.2011 09:47 Report Diesen Beitrag melden

    Untere Schublade!

    Das Ganze ist eine Schande gegenüber Steve und Steve's Angehörigen und sicher nicht in Steve's Sinn. Leider kann er sich dazu nicht mehr äussern! Lasst ihn doch endlich in Frieden ruhn!

  • Olga am 21.03.2011 21:54 Report Diesen Beitrag melden

    OH - wie traurig!

    Das hat wohl nichts mit Trauern zu tun. Trauer ist still und gehört einem selbst - ist ein seelischer Akt. Geld regiert die Welt.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ursula Beck am 12.05.2011 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    Forever Steve

    Liebe Brigitte, ich habe das Buch mit grossem Interesse gelesen. Ich fand es unheimlich interessant und spannend:-)Eine wunderschöne Liebesgeschichte. Machen Sie weiter so und hören Sie nicht auf die vielen Neider. Mein Kompliment!!!

  • Marisa Tschirschnitz am 20.04.2011 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    wunderschöne Liebesgeschichte

    Menschen die sowas nicht erlebt haben können das nicht verstehen und im Buch steht nun wirklich nichts schamhaftes oder weltbewegendes ausser einer wunderschön empfundene Liebesgeschichte wie auch Nicht-VIPS sie erleben würden. Für mich als Fan , und als Luganerin, trauer ich mit und fühle mich ein bisschen als G-Familie hinzu. Lugano ist klein und man hat sich gern,...ihre Erzählungen haben mir eine Bruderlicheren oder Freundschaftlicheren Einblick gegeben, um Abschied zu nehmen und trotzallen es noch lieber zu haben.Ich finde Brigitte hat's richtig GUT gemacht, für sich und für uns. DANKE

  • Barbara Kocher am 07.04.2011 09:47 Report Diesen Beitrag melden

    Untere Schublade!

    Das Ganze ist eine Schande gegenüber Steve und Steve's Angehörigen und sicher nicht in Steve's Sinn. Leider kann er sich dazu nicht mehr äussern! Lasst ihn doch endlich in Frieden ruhn!

  • Cornelia Pichler am 01.04.2011 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Frau Voss hat Steve Lee nicht verdient!

    Geldgier, sich inzenieren, Showtime, Tränendrüsen, ist das clever oder nur verwerflich? Nach 6 Monaten ist die Trauer dieser Dame bereits abgeschlossen, auch da alles auf Knopfdruck, echte Trauer ist ein Prozess, Sie ist zu allem Elend auch noch eine miserable Schauspielerin, alles sehr einfach zum durchschauen. Traurig, unwürdig und billig!!

  • Tatjana Solero am 01.04.2011 14:49 Report Diesen Beitrag melden

    Bleibe so, wie du bist, liebe Brigitte..

    Ich kannte weder Steve Lee noch Brigitte Balzarini-Voss. Aber ich muss ehrlich zugeben; all diese Kritik um sie hat mich ungeheuerlich neugierig gemacht und ich habe mir sofort das Buch gekauft. Die ganze Aufregung um das Buch verstehe ich überhaupt nicht. Offenbar hat Steve Brigitte geliebt. Warum wird sie nicht in Ruhe gelassen? Nichts Anderes hätte er sich gewünscht. Sie ist halt so, wie sie ist - und nicht wie die Medien und die "Fans" sie haben wollen.