Bligg im Interview

15. November 2019 14:45; Akt: 15.11.2019 18:15 Print

«Emotionen zu verstecken, ist für mich der Horror»

von Michelle Muff - Erstmals veröffentlicht Bligg ein Unplugged-Album, mit dem er musikalisch einen Schritt runterfährt. Im Interview spricht er übers Runterkommen – und Schicksalsschläge.

Bligg erzählt, wie er mit schweren Schicksalsschlägen in seinem Leben umgegangen ist – und was er privat mit seinem fünfjährigen Sohn unternimmt. (Video: S. Brazerol/M. Muff)
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Mit «Bligg Unplugged» veröffentlicht der Schweizer Hit-Musiker Bligg am Freitag zum ersten Mal ein rein akustisches Album. 14 Songs schafften es auf die Platte – diese Auswahl zu treffen sei «fast der grösste Aufwand vom ganzen Prozess» gewesen, erzählt der 43-Jährige.

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Wie kannst du garantiert runterfahren?

Im Interview verrät er mehr zum neuen Album – und erzählt, was ihn nach schweren Schicksalsschlägen wieder geerdet hat.

Bligg, wie kommst du nach einem stressigen Tag runter?
Ich lese ein Buch oder mache Sport. Ich höre mir auch gerne Podcasts an. Wenn die Moderatoren eine beruhigende Stimme haben, könnte ich stundenlang zuhören. Es gelingt mir aber nicht immer, wirklich runterzufahren.

Was für Situationen stressen dich konkret?
Da gibt es unzählige – geschäftlich wie privat. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir die ganze Zeit Stresssituationen ausgesetzt sind.

Wie meinst du das?
Wir sind immer komplett reizüberflutet: Selbst wenn ich nur für fünf Minuten durch Instagram scrolle, bleibt das irgendwo hängen und nimmt wohl auch einem Einfluss aufs Unterbewusstsein.

Hast du denn schon mal Digital Detox gemacht?
Nicht in dem Sinne, dass ich eine Woche nach Bali gegangen bin und meine elektronischen Geräte zuhause gelassen hätte. Aber bei mir gibt es handyfreie Zonen: Beim Sport oder wenn ich meine Freunde treffe. Mit ihnen habe ich eine Art Handy-Deal.

Und wie sieht der aus?
Bei einem Jungsabend haben wir keine Smartphones auf dem Tisch. Wir sind alle Familienväter und unsere Zeit ist sowieso schon begrenzt – wenn wir die drei Stunden, in denen wir uns sehen, nur ins Handy starren, wäre das wirklich schade.

Wie kams eigentlich zu «Bligg Unplugged»?
Ich habe inzwischen einen sehr grossen Katalog an Musik – da fand ich es den richtigen Zeitpunkt, ein unplugged Album zu veröffentlichen. Mit dieser Tour gehen wir wieder in die kleineren Clubs zurück, wie ich sie vom Anfang meiner Karriere kenne. Es war an der Zeit, wieder mal etwas anderes zu machen.

Im Video unten siehst du das Making-of des Covershootings von «Bligg Unplugged». Der Musiker rasierte sich dafür extra den Bart ab.

In Songs wie «Im freiä Fall» singst du darüber, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Hast du damit Erfahrung?
Ja. Ich musste zum Beispiel schon einige Familienangehörige sowie Freunde zu Grabe tragen.

Verarbeitest du solche Schicksalsschläge auch in deiner Musik?
Hie und da habe ich ein schlimmes Ereignis in einem Song verarbeitet – aber nur subtil. Über Todesfälle in meinem Umfeld habe ich nie einen Song geschrieben. Das will ich nicht in die Öffentlichkeit tragen. Ich habe aber schon öfters über sehr persönliche, positive Dinge gesungen. Beispielsweise über meine Mutter oder meinen Sohn – das sind Liebeserklärungen.

Ist es als prominente Person schwieriger, Schicksalsschläge richtig zu verarbeiten?
Dass man als prominente Persönlichkeit mehr unter Beobachtung steht, macht die Sache sicher nicht einfacher. Trauern zum Beispiel ist an sich etwas sehr Persönliches, und nicht etwas, was man unbedingt mit der Öffentlichkeit teilen möchte.

Wie hast du dich dann in solchen Situationen verhalten?
Es hat schon Momente gegeben, in denen ich eine Maske aufsetzen musste – ich wollte nicht, dass die ganze Schweiz mitkriegt, was bei mir privat gerade läuft. Aber für mich ist das der Horror. Ich kann meine Emotionen nicht gut verstecken und auf fröhlich machen, wenn eigentlich gerade nichts gut ist. Wenn ich traurig bin, merkt man mir das an.

Was gibt dir in den Momenten Halt?
Natürlich meine Familie und mein Kind. Wenn ich meinem Sohn in die Augen sehe, macht das sehr vieles wieder wett. Solange es meinem Kind gut geht, ist alles andere eigentlich nebensächlich.

Verbringst du viel Zeit mit deinem Sohn?
Ja, extrem viel sogar. Wir machen viel Schabernack. Ich versuche aber auch, ihm möglichst viel Wissen mit auf den Weg zu geben. Wir besuchen oft Museen mit zoologischen oder archäologischen Inhalten – dort lassen sich seine Fragen gut beantworten. Manchmal spielen wir auch ein Game oder schauen «Peppa Wutz», wie das Kleine eben gerne tun.

Dein Sohn ist jetzt fünf. Kann er auch anstrengend sein?
Ich habe da wohl ziemlich viel Glück gehabt – und das sage ich nicht nur, weil Eltern das eben so tun (lacht). Der Kleine ist immer sehr entspannt und bereitet mir keinen Stress oder schlaflose Nächte, wie das andere Eltern erzählen.

Warst du im Hinblick auf das Elternsein schon immer entspannt?
Naja, lange Zeit wusste ich nicht, wie gut sich meine Tätigkeit mit dem Vatersein verbinden lässt. Aber mit seiner Art lässt es sich wunderbar vereinen, es läuft sehr gut. Das schätze ich sehr. Er ist wirklich ein Ruhepol für mich.

Du bist seit über 20 Jahren im Musik-Business. Fühlst du dich nun angekommen mit deiner Karriere?
Mit dem Unplugged-Projekt wollten wir runterfahren. Danach wird aber alles andere als entschleunigt – das Gegenteil wir der Fall sein: Bald darauf folgt ein weiteres Projekt und das wird klöpfen.

Und so klingt Bliggs Hit «Legändä & Heldä» in der unplugged Version – im Dezember gibt er mit seinem neuen Album Livekonzerte in Schweizer Clubs.