Roman Polanski

28. September 2011 12:54; Akt: 28.09.2011 16:24 Print

«Ich dachte, ich sei in einem VIP-Raum»

von Bernhard Brechbühl - Im Film «Roman Polanski: A Film Memoir», der am Dienstag in Zürich Weltpremiere feierte, spricht der Regisseur erstmals detailliert über seine Festnahme am Flughafen Kloten.

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Die Veranstalter des Zürcher Filmfestivals kündigen an, dass am 27. September der 76-jährige Star-Regisseur Roman Polanski mit dem «Goldenen Auge» für sein Regie-Lebenswerk geehrt werde. Doch so weit kommt es nicht: Ein Polizist aus dem Kanton Aargau, der eine Einladung ans Zurich Film Festival erhalten hatte, googelt den Namen des Filmemachers und stösst so auf seine Vergangenheit. Der Polizist gibt daraufhin den Namen Polanski ins Schweizer Fahndungssystem «Ripol» ein und bemerkt, dass dieser weltweit zur Verhaftung ausgeschrieben ist. Er informiert das Bundesamt für Justiz (BJ). Die Schweiz informiert mit einem «dringenden Fax» an das US-Büro für internationale Angelegenheiten über die geplante Einreise des Filmregisseurs. Das BJ fragt dabei gezielt an, ob der Haftbefehl von 1978 noch gelte. Das US-Büro für internationale Angelegenheiten alarmiert daraufhin die Staatsanwaltschaft in Los Angeles, die «ein ausdrückliches Haftersuchen» für Polanski an Bern übermittelt. Der polnisch-französische Doppelstaatsbürger wird von den USA seit seiner Flucht nach Frankreich 1978 wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen im Jahre 1977 gesucht. Seit 2005 ist Polanski international zur Verhaftung ausgeschrieben. Roman Polanski wird bei seiner Einreise in die Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Justiz durch die Kantonspolizei Zürich am Flughafen in Kloten verhaftet. Er sitzt in Winterthur in Auslieferungshaft. Polanskis Anwälte (im Bild Hervé Temime) reichen beim Bundesstrafgericht Beschwerde gegen den Auslieferungshaftbefehl ein. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hingegen verteidigt das Vorgehen ihres Bundesamtes bei der Festnahme. Mit einer Warnung Polanskis hätte man Amtspflichten verletzt. Das Bundesstrafgericht weist die Beschwerde gegen den Auslieferungshaftbefehl ab und verwehrt Polanski die Haftentlassung wegen Fluchtgefahr. Die USA ersuchen die Schweiz formell um die Auslieferung des Starregisseurs. Nach einer Anhörung Polanskis wird das Bundesamt für Justiz über die Auslieferung entscheiden. Das Bundesamt für Justiz weist das Haftentlassungsgesuch von Polanski ab. Grund: Hohe Fluchtgefahr. Polanskis Anwälte legen beim Bundesstrafgericht Beschwerde gegen den negativen Haftentlassungsentscheid des BJ ein. Das Bundesstrafgericht heisst die Beschwerde gut und gibt damit grünes Licht für seine Freilassung aus der Auslieferungshaft gegen eine Kaution von 4.5 Millionen Franken. Nach 70 Tagen Haft in Winterthur darf Polanski in sein Chalet in Gstaad einziehen. Er kann dort arbeiten, das Grundstück darf er aber nicht verlassen. Starregisseur Roman Polanski wird nicht an die USA ausgeliefert – der 76-Jährige ist ein freier Mann. Die Schweizer Regierung erklärte, die amerikanischen Behörden hätten vertrauliche Zeugenaussagen zu Polanskis Prozess nicht vorgelegt. Daraus könnte hervorgehen, dass Polanski seine Strafe mit einer 42-tägigen Inhaftierung zur psychiatrischen Begutachtung bereits abgesessen habe. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf sagte, neben Zweifeln an der Darstellung des Sachverhalts im Auslieferungsgesuch spiele auch das Vertrauen eine Rolle, das Polanski in die Schweiz setzen durfte. Der Regisseur sei seit 2006 Chaletbesitzer in Gstaad und in der Schweiz nie behelligt worden. Er sei im begründeten Vertrauen in die Schweiz gereist, keine rechtlichen Nachteile erwarten zu müssen.

Die Geschichte von Polanskis Verhaftung in Bildern.

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«Ich kam als erster aus dem Flugzeug», erzählt Polanski in seinen Film-Memoiren, die am Dienstag am Zurich Film Festival erstmals gezeigt wurden. «Eine Stewardess fragte mich, ob ich Roman Polanski sei. Dann sagte sie: 'Sie werden jetzt mitgenommen.'» Er sei in einen Sonderbereich des Flughafens Kloten gebracht worden, so der 78-Jährige. «Ich dachte, das sei ein VIP-Raum. Doch die Leute dort drin sahen nicht wie VIPs aus.» Dann nahm die Polizei den erfolgreichen Filmemacher in Gewahrsam.

Polanski war auf dem Weg ans Zurich Film Festival, als er am 26. September 2009 verhaftet wurde. Dort hätte er tags darauf mit dem Tribute Award für sein Lebenswerk geehrt werden sollen. Am Dienstag, 27. September 2011 - mit exakt zweijähriger Verspätung - konnte er die Auszeichnung doch noch entgegennehmen. «Lieber spät als nie», sagte der Regisseur. In seiner Rede dankte er unter anderem dem Zürcher Gefängnispersonal, das «die Monate so erträglich wie möglich» gemacht habe. Polanski sass 70 Tage im Gefängnis in Winterthur ZH. Dann stand er über ein halbes Jahr in seinem Gstaader Chalet unter Hausarrest. Am 12. Juli wurde er freigelassen - Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hatte entschieden, ihn nicht an die USA auszuliefern.

Eine Film-Biografie

Nach der Preisverleihung im Kino Corso wartete Polanski mit einer Überraschung und Weltpremiere auf: Er liess einen Film zeigen, den er während seines Hausarrests in Gstaad realisiert hatte. In «Roman Polanski: A Film Memoir» wird der Regisseur von seinem langjährigen Freund und Produzenten Andrew Braunsberg interviewt. Er sitzt an einem Holztisch in seinem geschmackvoll eingerichteten Chalet und erzählt sein ganzes Leben. Der Film beginnt mit der Szene, als Polanski und Braunsberg nochmals den Einladungsbrief ans Zurich Film Festival 2009 vorlesen. Darin schrieben die Festivalleiter Nadja Schildknecht und Karl Spoerri: «Wir hoffen, Sie werden eine aufregende und inspirierende Zeit haben.» Aufregend wars auf jeden Fall! Braunsberg und Polanski lachen.

«Klösterlicher Rückzug»

Dann schildert der polnisch-französische Doppelbürger wie eingangs beschrieben seine Festnahme. Und Braunsberg verrät, was ihm Polanski sagte, als er ihn im Zürcher Gefängnis besuchte: «Ich hatte nie viel Zeit für mich allein. Ich betrachte die Zeit hier als eine Art klösterlichen Rückzug», so der Häftling damals.

Der Film blendet zurück in die harte Kindheit von Polanski im Krakauer Ghetto. Als er neun Jahre alt war, wurde seine Mutter - sie war im sechsten Monat schwanger - nach Auschwitz deportiert und dort in der Gaskammer umgebracht. Der Vater überlebte das Konzentrationslager Mauthausen. Ein weiterer unfassbarerer Schicksalsschlag war die Ermordung von Polanskis hochschwangerer zweiter Frau Sharon Tate durch Anhänger des Sektenführers Charles Manson 1969 in Los Angeles. Ebenfalls thematisiert wird natürlich Samantha Geimer, mit der Polanski 1977 Sex hatte. Das Mädchen war damals 13 Jahre alt. Polanski drückt im Film nochmals sein Bedauern über die Tat aus. Wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen musste der Regisseur in den USA ins Gefängnis. Während einer vorübergehenden Freilassung flüchtete er nach Frankreich. Diese Geschichte holte ihn erst 2009 in Zürich wieder ein.

Polanski erhält am 27. September 2011 am Zurich Film Festival seinen Tribute Award. Das Video:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • so nicht! am 28.09.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    kopfschüttel

    Haupsache ist er bedauert......

  • Ernst Walker am 28.09.2011 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Waiting so long

    2 Jahre hat er für seinen Preis gewartet? Wieviele Jahre muss die Gerechtigkeit warten??

  • Dirk Diggler am 28.09.2011 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Promis haben die diplomatische Imunität

    Unglaublich ist, dass Promis für Ihre Taten nie belangt werden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sebastian am 28.09.2011 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Mitleid

    Der Mann mag ein guter Regisseur sein, und er mag eine traurige Vergangenheit erlebt haben, aber er wurde rechtmässig Verurteilt für ein Verbrechen, dass er zwar bedauert, aber trotzdem begangen hat. Er hat sich den Konsequenzen feige entzogen und wurde dafür erneut verhaftet. Tut mir Leid, aber ich kann nicht nachvollziehen wieso man ihn nicht ausgeliefert hat.

  • Ernst Walker am 28.09.2011 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Waiting so long

    2 Jahre hat er für seinen Preis gewartet? Wieviele Jahre muss die Gerechtigkeit warten??

  • so nicht! am 28.09.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    kopfschüttel

    Haupsache ist er bedauert......

  • Dirk Diggler am 28.09.2011 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Promis haben die diplomatische Imunität

    Unglaublich ist, dass Promis für Ihre Taten nie belangt werden.