Jonas Projer

19. Oktober 2016 16:49; Akt: 19.10.2016 16:49 Print

«Ich hätte im Cockpit wohl abgedrückt»

von Bettina Bendiner - «Terror – Ihr Urteil» regte zum Nachdenken an. Auch «Arena»-Moderator Jonas Projer geriet ins Grübeln.

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«Arena»-Moderator Jonas Projer führte am Montag durch den Themenabend. «Terror - Ihr Urteil» bescherte dem deutschen und Schweizer Fernsehen nicht nur Top-Quoten, die Sendung wird sowohl vom Publikum als auch von den Medien hitzig diskutiert. Eine Medienschau. NZZ.ch berichtet heute über das Ergebnis der Zuschauer-Abstimmung und fasst den Themenabend im Artikel kurz und neutral zusammen. Tagesanzeiger.ch hingegen legt bereits mit einer Kritik nach. Der Themenabend habe Millionen von Menschen angeregt, sich über ihr Gewissen Gedanken zu machen, schreibt die Zeitung. Und urteilt: «Das TV-Experiment ist geglückt.» Auch die Kollegen vom «Blick» finden Lob für das TV-Experiment und schreiben etwa: «Und wer weiss, vielleicht wäre das eine Möglichkeit, die gute alte Tante Eurovision, die in der Unterhaltung dem Untergang geweiht ist, in neuer Form aufleben zu lassen.» Die deutsche Ausgabe der «Huffington Post» fokussierte ihren Onlinebericht auf die Probleme beim Voting in unserem Nachbarland. Sowohl online als auch per Telefon gab es einige Probleme. Genauso wie die «Welt». Auch hier wird vor allem über die technischen Probleme bei der Abstimmung geschrieben. Während die Internetseite offenbar schwer erreichbar war, waren die Telefonnummern meist besetzt oder es kam die Ansage: «Ihr gewünschter Gesprächspartner ist derzeit nicht erreichbar.» Deutschlandfunk.de berichtet nicht über die Voting-Probleme, legt dafür den Fokus seiner Berichterstattung auf das Zuschauer-Urteil. Die Onlineversion der «Augsburger Allgemeine» bringt einen besonderen Mehrwert in ihren Report: Sie zeigt den Alternativschluss, sprich die Version, wenn der Pilot schuldig gesprochen worden wäre. «Der Tagesspiegel» hingegen hält sich an die simplen News. Deutschlands Medienportal Meedia.de lobt den Themenabend in den höchsten Tönen und schreibt unter anderem: «Doch eines ist unbestritten: Terror - Ihr Urteil und die anschliessende Diskussion bei «Hart aber fair» dürften für die ARD ein voller Erfolg gewesen sein.» Morgenpost.de kritisiert: «Nur wenige Minuten hatten die Fernsehzuschauer nach dem ARD-Film «Terror - Ihr Urteil» am Montagabend in der ARD Zeit, ihr Urteil über den Piloten zu fällen: schuldig oder Freispruch? Da war das Bauchgefühl gefragt, nicht die wohlüberlegte, durchdachte Entscheidung. Ein kleines Manko eines ansonsten herausragenden Fernsehabends.» Neutral, kurz, informativ und ohne jegliche Kritik berichtete ORF.at über den Themenabend.

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Wie haben Sie den Themenabend erlebt?
Jonas Projer:

Mich hat dieser Abend selber bewegt und zum Nachdenken gebracht. Beeindruckt bin ich von der Resonanz: Dass so viele Leute sich so intensiv mit diesen schwierigen ethischen und rechtlichen Fragen auseinandersetzen, ist doch ziemlich beeindruckend.

Woraus besteht für Sie der Kern der Diskussion?
In der Unterscheidung zwischen individueller Moral und den Regeln, die wir uns alle gemeinsam geben. Aus Sicht des Piloten ist der Fall doch ziemlich klar: Der Pilot sah keine andere Möglichkeit, als zu schiessen. Rechtlich scheint mir die Sache aber weniger eindeutig.

Hätten Sie abgedrückt?
Ich persönlich hätte im Cockpit wohl abgedrückt. Ich hätte aber auch erwartet, dass ich verurteilt würde.

Wegen Befehlsverweigerung?
Nein, weil ich gegen das Recht verstossen hätte. Es ist etwas anderes, ob man selbst einen Gewissensentscheid fällt und schiesst – oder ob der Staat das nachher legitimiert.

Sie haben also für «schuldig» gestimmt?
Ich habe nicht abgestimmt. Hätte ich, dann für schuldig. Aber nicht, weil ich denke, dass der Pilot zwingend moralisch versagt hat. Viel eher deshalb, weil man auch die Konsequenzen tragen kann, wenn man nach seinem Gewissen gegen das Gesetz handelt. Oder anders: Hätte ich in Kauf genommen, 164 unschuldige Menschen zu töten, um 70’000 zu retten, dann könnte ich auch eine lange Haftstrafe in Kauf nehmen. Aber dies ist nur meine persönliche Sicht.

Was nehmen Sie aus der Debatte mit?
Chantal Galladé und Philipp Müller sagten beide, es sei die beste Sendung seit langem gewesen. Es ging nicht um eine Parteilinie, sondern um ethische Fragen, die viele Leute bewegen. Ich war heute mit den Kindern einkaufen und wurde fünf- oder sechsmal angesprochen von Leuten, die immer noch am Grübeln waren über den Film. Das Thema hat viele Leute bewegt.

Das Thema «Terror» gehört zum Alltag. Hat die Angst vor einem Attentat den Themenabend geradezu beflügelt?
Vielleicht, aber ich glaube, auf eine gute Art. Wir sprechen ja andauernd über Terror und sind mit Bildern der Gewalt konfrontiert. Nun hatten wir für einmal die Gelegenheit, uns auf einer anderen Ebene mit dem Thema zu beschäftigen. Es ging nicht um die Anzahl Tote oder die Jagd nach den Tätern, sondern um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Terror umgehen, was der Terror mit uns macht. Das war sicherlich ein Teil der Attraktion.

In Deutschland wird diskutiert, ob das Volk über diese grossen Fragen entscheiden darf. Wie sehen Sie das?
Da habe ich eine sehr klare Haltung: Wir sind in der Schweiz stolz auf unsere direkte Demokratie. Doch dass man die Bevölkerung über einen Gerichtsfall abstimmen lässt, wäre etwas ganz anderes und kommt für mich nicht in Frage. Das wäre in meinen Augen jenseits von Fairness und Rechtsstaat.

Sind ähnliche Projekte in Planung?
Das müssten Sie die Programmchefs fragen. Ich wäre auf jeden Fall gern wieder dabei. Ich kann nur für die «Arena» sprechen, und dort wollen wir das Partizipative weiter fördern. Eine politische Sendung wie die «Arena» muss das Publikum heute einbeziehen, davon bin ich überzeugt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel Bossert am 19.10.2016 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Grosses Lob

    Herr Proner, Sie haben gut durch den Abend geführt. Zudem ist es ein spannendes, länderübergreifendes Thema gewesen. Darf gerne mit verschiedenen Themen wiederholt werden.

  • Thor mjoelnier am 19.10.2016 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    na ja

    super sache. war interessant. Jedoch die Grünen und sp Clowns waren ja der absolute brüller. finde diese 2 haben das ganze ein bisschen aufgelockert, wenn man nur diese 2 Interviewt hätte, wäre es als Komödie durchgegangen mit einem hauch von Dramatik.

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  • Roman Moser am 19.10.2016 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich finde ...

    ...wenn es keine anderen Möglichkeiten gäbe um die Leute zu retten, dann würde ich bestimmt auch abdrücken.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • CAF am 20.10.2016 14:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere Fragestellung

    Es war eine sehr interessante Sendung aber auch für mich war mein Urteil klar: Ich würde auch abdrücken da die Menschen im Flugzeug sowieso ums Leben kommen würden und ihn deshalb Freisprechen. Eine andere intressante Frage wäre zum Beispiel wie man handlen würde wenn ein Zug auf eine grosse Menschenmenge zurast und man entscheiden müsste ob man eine Weiche umstellt und der Zug damit auf eine viel kleinere Menschenmenge zufährt oder ob man nicht handelt.

  • Groba am 20.10.2016 14:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlafende Hunde

    Der "Hätti und der Täti" sind Brüder. Bei mir stellt sich die Frage ob mit dieser öffentlicher Diskussion nicht schlafende Hunde geweckt werden. Das gibt wieder guten Stoff für Terroristen.

  • Berner am 20.10.2016 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Erkenntnis des Abends

    Das schockierenste an diesem ganzen Abend war, dass die Linken sich lieber hinter einem Verfassungsartikel verstecken und zusätzliche 70'000 Menschen opfern, nur um keine Verantwortung übernehmen zu müssen und sagen zu können: Wir waren es nicht, der Terrorist hat sie getötet.

    • andy am 20.10.2016 14:20 Report Diesen Beitrag melden

      lol@sp

      Ja, diese verwirrte SP Politikerin war der Hammer. Hat es nicht mal gemerkt, dass sie sich ständig selber widerspricht. Ich würde ja gerne links wählen, aber dann kommt sowas dabei raus. Nein Danke! Am besten fand ich mit Abstand den Rechtsprofessor, der war echt genial, unterhaltsam und hatte auch Ahnung von der Materie.

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  • Rodney McKay am 20.10.2016 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Und?

    Wieso hat man nicht bei Gottlieb Wendehals nachgefragt bezüglich seinem Fazit? Der ist ebenso relevant wie Projer. All die Honeggers und Projers ohne Palmares, sind meiner Meinung nach unrelevant...

    • universe am 20.10.2016 13:52 Report Diesen Beitrag melden

      weil..

      man da erst durch ein stargate gehen muss.

    • Rodney Mckay am 20.10.2016 14:19 Report Diesen Beitrag melden

      An ihm hängen

      Für was? Damit man ein Nuthugger Projers wird?

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  • S.Tartreck am 20.10.2016 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Das Wohl von wenigen .. gegen..

    Ich bin nur bedingt ein Freund von "was wäre wenn" Spielchen. Vor allem wenn es - egal wie man sich entscheidet - nur VERLIERER geben kann. Vielleicht hätte man Commander SPOCK einladen sollen.. er hätte wahrscheinlich den Flieger abgeschossen. Und James T. Kirk hätte eine Lösung gefunden wie alle noch leben und dem Flugzeugentführer vaterländisch die Zähne eingeschlagen.