DGST

21. März 2011 18:38; Akt: 21.03.2011 18:41 Print

Jedem seine Boyle

von Oliver Baroni - Susan Boyle ist längst zu einem Erfolgsmodell für Talentshows in aller Welt mutiert. Wie der Sieg von Maya Wirz zeigt, ist es jetzt auch in der Schweiz angekommen. Es bleibt ein schaler Nachgeschmack.

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Die Begeisterung für Maya Wirz war von Beginn weg mit etwas Enttäuschung darüber gepaart, dass sie am Ende nur eine Kopie von Susan Boyle war. Da kann noch so viel Talent sein, es wird entwertet, wenn das Publikum das Gefühl hat, eine Kopie statt das Original vorgesetzt zu bekommen.

Trotzdem prophezeite 20 Minuten Online gleich nach der allerersten Show, «Maya, die 49-jährige Buschauffeuse, wird DGST gewinnen». Die darauffolgenden Enthüllungen, laut denen sie keineswegs der Bus chauffierende Nobody war, bei dem ein ungeheures Talent brachlag, sondern eine Opernausbildung und eine ganze Reihe professionelle Auftritte absolviert hatte, konnten ihrem Erfolg nichts anhaben. Der Wunsch des Publikums war, im eigenen Land eine ähnliche Aschenputtel-Story wie die von Susan Boyle miterleben zu dürfen.

«I Dreamed a Dream»

Um dies zu verstehen, muss man sich Susan Boyles ersten Auftritt am 11. April 2009 bei «Britain's Got Talent» wieder vor Augen führen. Da stakste eine 47-jährige Matrone auf die Bühne – etwas unvorteilhaft gekleidet, die Frisur auch nicht gerade umwerfend. «Altbacken» war erst der Vorname. Show-konform zeigte die Regie Einblendungen von kichernden Zuschauern in Erwartung einer Blossstellung erster Güte. Doch bereits nach wenigen Takten von «I Dreamed a Dream» aus dem Musical «Les Miserables» hatte sie das Publikum im Sack - denn singen, das konnte sie.

Kommentierte der englische Satiriker Marcus Brigstoke noch «da bekommt [Juror] Piers Morgan Tränen in den Augen, nur weil er mit der Erkenntnis konfrontiert wird, dass hässliche Menschen Wunderschönes leisten können», so enthält dies auch eine grosse Portion Wahrheit. So sehr sind wir in den allzu engen Leitplanken eines medial definierten Schönheitsideals gefangen, dass unser aller Erstaunen echt war.

Wehe!

Stars erhalten oft mehr Applaus oder Kritik für ihre Kleidung oder Figur als für ihre eigentlichen künstlerischen Leistungen. Auch bei eindeutig gesangsorientierten Talentshows wie «Deutschland sucht den Superstar» wird des Längeren über Outfit und Auftritt diskutiert als über die Musik. Im Vorfeld werden zahllose talentfreie Kandidaten zur Erheiterung des Publikums blossgestellt. Öfters als nicht sind sie dick, hässlich und sozial unbeholfen. Die Message ist klar: Wehe du betrittst die Bühne, wenn du nicht dem medial polierten Idealbild entsprichst! Wir werden dich fertig machen!

Genau dies erwartete das Publikum, als Susan Boyle erstmals ins Scheinwerferlicht von «BGT» trat: Ein weiterer 0815-Niemand, der sich Illusionen über sein eigenes Talent macht – jemand, über den man sich belustigen darf. Kein Plattenfirmenbeauftragter der Welt hätte sich diese alternde Schottin angesehen und gedacht, «diese Frau wird heuer mehr Alben als alle anderen verkaufen!» Doch Susan Boyle schaffte genau dies – in den USA zum Beispiel mehr als vier Millionen Alben allein im Jahr 2009.

Es war nicht nur Boyles Gesangstalent, ihre Fähigkeit sich den Emotionen eines Songs hinzugeben – das, was sie repräsentierte, ist es, was Publikum und Juroren zu Tränen rührte. Es ist die Art, in der sie die Erwartungen aufrütteln konnte – die Erwartungen des Publikums in sie und in sich selbst.

Erfolgsmodell Underdog

Aber die Strippenzieher des Showbiz erkennen sehr schnell ein Erfolgsmodell, selbst wenn es einen Bruch mit der Norm darstellt. Die Tänzer konnten tanzen, die Jongleure jonglieren, doch nach dem 11. April 2009 interessierte bei «America's Got Talent», «La France a un incroyable talent» oder «Norske Talenter» vor allem die Frage, wer die Susan Boyle des jeweiligen Landes werden würde. Beim deutschen «Supertalent» anno 2010 etwa hiess sie Tanja Grünewald.

Und so wunderte es kaum, als die Schweiz (wie gewohnt spät) auf den Talentshow-Trend aufsprang, auch ein Susan-Boyle-Klon mit von der Partie war. Zielsicher inszenierten die Programmmacher Maya Wirz als unscheinbare Hausfrau in der eine Operndiva schlummerte. Unumwunden nannte Wirz Susan Boyle als ihr grosses Vorbild, damit der Hinterste und Letzte kapierte: Auch wir haben unsere Aschenputtel-Story.

Fragwürdig aber, dass Maya Wirz im Finale von «Die grössten Schweizer Talente» ausgerechnet «Time to Say Goodbye» sang. Ob sie sich eine anhaltende Karriere à la Susan Boyle gar nicht zutraut?

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 22.03.2011 00:22 Report Diesen Beitrag melden

    Jööh-Bonus & Co.

    Kinder haben immer den Jööh-Bonus, von daher finde ich es unfair den Erwachsenen Teilnehmer über. Sollen sie doch eine eigene Show für die Kids machen. Ansonsten, das bei solchen Shows auch professionelle bzw. ausgebildete Leute angeworben werden ist ein offenen Geheimnis, das wird in der USA genauso gemacht wie in Deutschland oder England. Ich hoffe für Maya Wirz das sie auf diesem Erfolg aufbauen kann. Bei Nina Burri mache ich mir da weniger Sorgen, denke sie wird genug Angebote bekommen.

  • Tom wirthlin am 20.03.2011 22:59 Report Diesen Beitrag melden

    Checker

    Die beiden taenzer waren am besten

    einklappen einklappen
  • Marco am 21.03.2011 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    Eigentlich egal

    Eigentlich egal wer gewonnen hat. Ich denke alle Finalteilnehmer haben in der Schweiz genügend Publicity gemacht um auf der einen oder anderen Firmen-Weihnachtsfeier oder ähnlichen Events aufzutreten und die Sänger werden sicherlich auch einige CD verkaufen. Der "Titel" ist das nur noch das Tüpfchen auf dem I, ist aber noch lange keine Karrieregarantie. Maja Wirz wär jetzt nicht meine erste Wahl gewesen, ich gönne Ihr aber den Sieg und wie gesagt können sich sicherlich auch die anderen Finalteilehmer und weitere Auftritte freuen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • der der mit dem Schlaf ringt am 22.03.2011 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    laaangweilig

    Jaja..das passt wiedermal wunderbar zum langweiligen, biederen & ängstlichem Image des SRF. Juhui..wir haben unsere eigene Susan Boyle! Lasst uns nun das Ganze mediengerecht ausschlachten & noch mehr Kohle schäffeln! (Tipp von mir: bringt doch als nächstes Ford Boyard..das wär mal was Neues! Oder DschungelCamp ist schon lange überfällig!)

  • Kopierer am 22.03.2011 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Copy

    das einzige schlimme daran ist, dass das SF solche Sendungen erst bringt, wenn der Erfolg in anderen Ländern bestätigt ist. Dafür brauchts nicht zig Millionen Konzessionsgelder. Selber wieder mal innovativ sein, das wär was. Und käme auch noch günstiger.

  • bluesky am 22.03.2011 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Die Alten sind immer noch die Besten

    Früher gab es Bands, die einen eigenen Sound und eigene Songs hatten, sich mühsam aus ärmlichen Verhältnissen über Jahre an die Weltspitze spielten. Z.B. U2, Bruce Springsteen. Diese gehören heute noch zu den Besten - die sogenannte oberste Musikliga. Niemand wird diese je übertreffen, weil es heute nur noch um kurzfristigen Erfolg geht. Die wenigsten Castingstars können selber Songs schreiben oder ein Instrument perfekt beherrschen. Sicherlich haben einige eine gute Stimme oder sehen gut aus, aber mehr leider nicht. Hinter ihnen steht ein riesiges Management und Produktions Team.

  • Cybot am 22.03.2011 09:32 Report Diesen Beitrag melden

    Und genau deshalb...

    ...ist es im Gegenzug bei DSDS völlig egal, ob man singen kann, denn dort geht es eben nicht um Talent, sondern um das Outfit und den Auftritt.

  • Glotzomat am 22.03.2011 03:22 Report Diesen Beitrag melden

    Doch, mir war schlecht

    Konnte es aber verhindern, indem ich nur wenige Minuten geschaut habe. Solche Sendungen sollten keinen Rappen Gebühren verbrauchen. Man kann sie von mir aus gerne mit den Werbesponsoren von Christa und DJ Bobo finanzieren. Dieser varieté-artige Mix aus Tenören, Jongleuren und Wunderkindern, zugespitzt zu einer Art "moderner" Gladiatoren-Arena... Meistens entsteht daraus keine Karriere. Oder wenn, werden wir zur Strafe jahrelang damit gebascht. Wir haben schon viel zu viel Cervelat und brauchen nicht auch noch Mini-Chipolatas.