Pedestrians

18. Juni 2019 07:35; Akt: 18.06.2019 10:37 Print

«Wir wollen nicht weisse, privilegierte Jungs sein»

Das Badener Quintett Pedestrians erweitert seinen poppigen Reggae um pumpenden Club-Sound. Und bekämpft damit toxische Männlichkeit, wie Sänger Mike Bill (23) im Interview erzählt.

Frontmann Mike erklärt, was es bedeutet, 2019 in der Musik Mut und Stärke zu zeigen. (Video: 20 Minuten)
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Mike, eure neue Single «Breakdown Tuesdays» klingt nicht wie euer gewohnt poppiger Reggae – ihr tanzt jetzt im Club. Wie kommts?
Wir hatten alle das Bedürfnis, uns weiterzuentwickeln. Das ist – glaube ich – normal, wenn man ein Weilchen Musik macht. Wir wollten mutiger werden und dabei keine halben Sachen machen.

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Hast du gerne Glitzer im Gesicht?

«Wir wollen nicht das überholte Bild von Männlichkeit und dicken Eiern präsentieren.»

Wie äussert sich das textlich?
Wir wollen nicht fünf weisse, privilegierte Jungs sein, die sich hinstellen und das überholte Bild von Männlichkeit und dicken Eiern präsentieren. Gefühle stehen über allem – ob sie nun berühren oder einfach nur Spass machen.

Hast du ein Beispiel für diese überholte Männlichkeit?
Ich denke da an den Backstage-Bereich als Alkoholtempel, wo selbstverständlich ist, dass im Überfluss konsumiert wird. Da fühlen sich nicht alle wohl, und das darf man auch zeigen.

Sprichst du aus Erfahrung?
Einer in der Band trinkt keinen Alkohol, einfach, weil er ihm nicht schmeckt. Und wenn er das in einer Männerrunde sagt, findet jeweils so eine Art Outing statt. Aber wir waren alle nie begeistert vom Exzess. Lange dachte ich, dass wir deswegen konservativ oder prüde sind – in der Musikszene wird einem das ja gern vermittelt.

«Wir waren alle nie begeistert vom Exzess.»

Du bist schwul – trotz mehr Mut als Maxime thematisierst du deine Sexualität in deinen Songtexten aber nicht. Warum?
Ich habe lyrisch wenig Interesse daran, ein Stück Holz als ein Stück Holz zu beschreiben. Obwohl ich finde, dass man aus den Texten heraushört, wie ich ticke. Und es mir auf der Bühne ansieht, so, wie ich mich bewege und wie ich tanze.

Konkret sagen tust du es aber eigentlich nicht.
Früher hatte ich die Befürchtung, dass der Band durch meine Sexualität ein Stempel aufgedrückt werden könnte und es dann nicht mehr primär um die Musik geht. Auch vor Reaktionen des Publikums habe ich immer noch Respekt. Obwohl vor allem Männer voll cool finden, wie sehr ich mich auf der Bühne gehen lasse – das sagen sie mir oft.


Im November 2017 haben wir die Pedestrians in der bitterkalten Limmat baden lassen. (Video: Schimun Krausz)

Hast du in der Musikwelt denn schon negative Erfahrungen gemacht, weil du schwul bist?
Ich zum Glück nicht. Aber ich habe es schon von anderen mitbekommen. In der Reggaeszene, in der wir unsere Wurzeln haben, ist Homophobie durchaus ein Thema – speziell bei Rastafari-Acts.

Wie kannst du deine Sexualität denn mit eurem Genre vereinbaren?
Die Schweizer Reggaeszene hat glücklicherweise eher hippiehafte Züge. Und wenn ich Homophobie direkt erfahren oder mitbekommen würde, würde ich mich auf jeden Fall entschieden wehren. Da können wir ja auch mithelfen, das Genre zu modernisieren – ideologisch wie musikalisch.

Dann spricht eigentlich nichts dagegen, dass du dich selbst mehr feierst.
Absolut. Bei der Bildsprache zu den neuen Songs wollten wir darum unser Inneres mehr nach aussen kehren. Und dabei hat es der Glitzer auf mein Gesicht geschafft. Obwohl ich im Vorfeld ein viel zu grosses Ding daraus gemacht habe.

«Ich befürchtete, dass es zu queer ist.»

Wie meinst du das?
Ich befürchtete, dass es zu queer ist. Aber ich habe diese Hemmschwelle überwunden und bekomme nur nices Feedback für den Bühnenlook. Wir lassen in der Band alle mehr Drag zu – sind eben mutiger geworden.


«Is It Love» vom 2018er-Minialbum «Flavors». (Quelle: Youtube/Pedestrians)

Stichwort Drag: Warst du an der Pride?
Ja, ich bin bei der Demonstration mitgelaufen – das finde ich immer den besten Teil. Wie beim Frauenstreik ist es grossartig, den urbanen Raum zu besetzen und auf der Strasse die Botschaft zu zelebrieren.

Kannst du dir vorstellen, mit den Pedestrians an der Pride aufzutreten?
Auf jeden Fall. Das wäre mega. Und so würde mal etwas weniger 90s-Trash laufen. (lacht)

Die fünf Badener spielen diesen Sommer ungefähr jedes Festival, das es gibt, und betouren ab Herbst Deutschland sowie die Deutschschweiz. Alle Daten sowie Tickets findest du hier.

(shy)