«DGST»

30. Januar 2011 10:36; Akt: 31.01.2011 12:22 Print

Schweizer Susan Boyle räumt ab

von Oliver Baroni - Es wurde gesungen, geturnt, die Kettensäge gewetzt – gar die Jury-Kompetenz in Frage gestellt. Doch am wichtigsten: Maya, eine 49-jährige Buschauffeuse, wird «DGST» gewinnen.

Die grössten Schweizer Talente vom 29.01.2011
Fegte alles Weg: Maya begeisterte mit «O mio babbino caro» aus der Oper «Gianni Schicchi» von Giacomo Puccini restlos alle.
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Es gab Boogie-tanzende Kinder, einen unlustigen Ostschweizer, hektische Bodenturner und Sänger und Sängerinnen noch und nöcher. Doch bereits nach der Ausstrahlung der ersten Casting-Runde der neuen Talentshow des Schweizer Fernsehens SF ist klar: Die Schweiz hat ihre eigene Susan Boyle. Doch erst mal von vorne…

Die Moderatoren Andrea Jansen und Sven Epiney stehen pflichtkonform vor einem Alpenpanorama mit beschneiten Berggipfeln und sagen die neue grosse Schweizer Unterhaltungskiste an. Der Titel ist Programm: Hier wird Helvetia gefeiert! Dabei ist das Showformat britisch und das Produktionsteam deutsch , was durchaus begrüssenswert ist. So sieht man der Sendung das internationale Format gleich von den ersten Bildern an an: Nach allen Regeln der Kunst wird Glamour und Superstarruhm vorgegaukelt (obwohl ab und an erkennbar ist, dass der Fan-Pulk bei der Ankunft des Jurorentrios gar nicht so riesig ist). Der Kameraschwenk über das jubelnde Publikum im Zürcher Theater 11 macht Lust auf mehr.

Argentinien weint, der Boogie rockt

Die Show ist ein Zusammenschnitt der Aufzeichnungen der Casting-Vorrunden, die im letzten Dezember stattgefunden haben. Die besten, schlechtesten - auf jeden Fall die unterhaltsamsten – Kandidatinnen werden dem TV-Zuschauer in appetitanregenden Häppchen serviert. Nach der Vorstellung des Jurorentrios um DJ Bobo, Christa Rigozzi und Roman Kilchsperger geht es gleich los mit der ersten Kandidatin.

Die erste Kandidatin ist eine 55-jährige Hausfrau, die sich an «Don't Cry for Me Argentina» wagt - und scheitert. Ein wenig beflügelnder Anfang. Doch Abhilfe kommt in Form der Pflichtkategorie 'putzige Kinder'. Jan und Giannina – beide 11 – werden von Christa gefragt: «Seid ihr ein Liebespaar?» «Nein!», so die entsetzte Antwort von Jan. Die beiden tanzen in der Folge einen Boogie komplett mit Anmachgesten gen Christa. Das Publikum tobt vor Begeisterung.

Solide Motorsägen und herzerweichende Schicksale

Mit der Coiffeuse Allison aus Schaffhausen kommt die erste obligate Uuuuuuuuh-Uuh-Oooooo-Yaaaayy-Soulsängerin. Sehr solid, ihre Leistung, sehr solid auch der Zuspruch des Publikums und der Jury. Ebenfalls solid ist die Leistung des ersten Vertreters der Abteilung «urchig». Der Motorsägenkünstler aus dem Emmental macht sich zu den Punkrock-Klängen von Billy Talent an einem Baumstamm zu schaffen. Innert Windeseile hat er einen lebensgrossen Steinbock geschnitzt.

Bei «Britain's Got Talent» und seinen internationalen Ablegern (zu denen «DGST» auch gehört) geht es aber nicht nur um reines Talent. Herzerweichende Schicksale sind hier gefragt. Letzteres bedient die elfjährige Shania, die ihren gehörlosen Eltern einen selbstgeschriebenen Song widmet. Angesichts eines solchen Vorschlaghammers an Rührpotential bekunden die Juroren Mühe, der Kleinen zu bedeuten, dass der Song und die Darbietung leider etwas mickrig geraten sind. Zum Glück kann man Kinder auf nächstes Jahr vertrösten! Danke, Shania, bis zur nächsten Staffel!

Nach Lucio, dem Heizungsmotor, der komplett daran scheitert, Luftblasen mit seiner Spucke zu machen, ist es Zeit für einen weiteren Fixpunkt von Talentshows: Der inbrünstige Opernsänger. Seit Handyverkäufer Paul Potts in der ersten Staffel von «Britain's Got Talent» abräumte, sucht jedes Land sein entsprechendes Pendant. Alessandro aus dem Tessin gibt der Rolle aber einen zusätzlichen, reichlich schrägen Dreh. Nach ein paar Strophen Arie reisst er sich die Hosen vom Leib und legt eine Luftgitarrenperformance zu Heavy-Metal-Musik hin. «Deine Unterhosen haben mich abgelenkt», so die sichtlich verwirrte Christa. Doch letztendlich begeistert Alessandro Jury wie Publikum gleichermassen.

Jury-Kompetenz in Frage gestellt

Mit Clarissa aus Rumänien fängt die Sendung so richtig an, Spass zu machen. Ihre Voraussetzung birgt einiges an Zündstoff. So vertritt die selbsternannte «Opernsängerin und Philosophin» die Meinung, dass echte, richtige Profi-Sänger so gut wie nie live singen würden. Dementsprechend trägt sie ihre Songs Playback vor. Der anschliessenden Aufforderung DJ Bobos, das Ganze nun doch bitte trotzdem live vorzutragen, kommt Clarissa nach und siehe da: Sie singt ganz ordentlich. Doch sie hat die Sympathie des Publikums längst verspielt. Unter Buhrufen muss sie aufhören.

So richtig unterhaltsam wird es, als Clarissa die Kompetenz der Jury in Frage stellt. Nicht gänzlich zu Unrecht fragt sie, was denn ein Konditor-Lehrling, eine ehemalige Miss und ein Sportjournalist von Gesang verstehen würden.

Weiter gehts mit einer hektischen Bodenturntruppe, die zu etwas, das sich verdächtig nach DJ Bobo anhört, hüpft und springt, was das Zeug hält. Das Publikum ist begeistert. DJ Bobo selbst weniger. Doch zweimal ein Ja von den anderen Juroren reicht, um weiterzukommen.

Der Geist von Gunvor

Und wieder ist es ein persönliches Schicksal, das die Talentshow beflügeln soll. Sandra aus Rheinfelden war 1998 Backgroundsängerin für Gunvor. Ja, genau: Die Nullpunktblamage bei der Eurovision. Dieses Erlebnis hatte der Performerin so zu schaffen gemacht, dass sie drauf und dran war, das Singen ein für alle Mal zu vergessen. Doch Sandra raffte sich auf und tritt nun an, den Schaden wieder zu beheben. Wenn das keine Comeback-Story erster Güte ist!

Das Publikum liebt ihren Auftritt. Dabei ist Sandra bestenfalls gehobenes Mittelmass: Eine typische Schweizer-Jazzschule-Stimme, eben, technisch ganz okay, aber stilistisch grauenhaft. «I've got a right to be wrong, I might be singing out of key», heisst es im Song. Doch angesichts ihrer Vorgeschichte und ihrer herzzerreissend mitfiebernden Tochter am Bühnenrand geht die fehlende Brillanz vergessen. Wieder ist es DJ Bobo, der als Einziger es wagt, Klartext zu reden: «Du bist gut, du hast Personality ... Ich bin mir aber nicht sicher, ob es reicht.»

Bobo rules!

Ohnehin ist es DJ Bobo, der als Juror die beste Figur abgibt. Vielen mag es absurd erscheinen, doch der Musiker, der für einige der schlimmsten Songs aller Zeiten verantwortlich ist, liefert bei «DGST» stets fundierte und relevante Kritik. Während Kilchspergers Sprüche bei aller Jovialität öfters einen despektierlichen Unterton haben («Dass du dich trotz deiner anatomischen Voraussetzungen so bewegen kannst!»), bleibt Bobo respektvoll. Erfüllt Christa ihre Rolle als warmherzige Sauglatt-Tessinerin wunderbar («Herzige Schatzeli, du bist so knackige!»), ist es am Ende doch der Aargauer Konditor, der die professionelle Sicht der Dinge wahrt.

Der 14-jährige Schgelkin aus Zürich, will allen Voraussetzungen zum Trotz als Tänzer reüssieren und wackelt erstaunlich selbstbewusst zu den Klängen von Lady Gaga mit dem Allerwertesten. «Ganz ein feiner Typ», so das Juryverdikt, doch leider nein. Letzteres muss Daniel Iskandar aus Glattfelden via Indonesien auch zu hören bekommen, hat er doch keinen, aber nun wirklich keinen Ton getroffen.

Muskulöser Schlangentanz und schwuler Gesang

«Seid ihr auch ein Liebespaar?» Zum zweiten Mal stellt Christa die Frage. Diesmal ist sie an die durchtrainierten Hünen Rauf und Oli aus Zürich gerichtet, die eine umwerfende Performance zwischen Ausdruckstanz und Akrobatik hinlegen. Problemlos kommen die Schlangentänzer weiter - anders als der St. Galler Gilbert Rene, der mit der wohl unlustigsten Bauchredner-Nummer der Welt keine, nicht einmal unfreiwillige, Lacher auf seiner Seite hatte.

«Schwulsein ist kein Talent, darum bin ich wegen der Musik da», so Mr. Gay Dominic Hunziker. Sichtbar und hörbar nervös trägt er am Klavier «Hemmigslos liebe» vor. Von der mittelprächtigen Leistung ist einzig Bobo unbeeindruckt. Die restliche Juroren und das Publikum lieben Dominics Charme und lassen ihn weiterhoffen.

Danach geht es Schlag auf Schlag: Jasmin und Remo (ja Christa, die sind tatsächlich ein Liebespaar!) singen «Heaven» von Gotthard. Fürs SF ist es eine willkommene Gelegenheit, an den Tod von Steve Lee zu erinnern. Für Bobo ist es zu viel. Aus der Abteilung Alternativkultur folgen dann die Pädagogen Martin und «Hanna» Wildi, die mit einer merkwürdigen Leuchtseil-Performance Publikum wie Jury so sehr verwirren, dass sie zur nächsten Runde durchgewunken werden.

Maya macht alle platt

Und dann kommt sie: Der Act, den die Regie bewusst bis zum Schluss gespart hat. Spannend war die Frage, wie die Schweizer Susanne Boyle aussieht. Seit dem 29. Januar wissen wir es. Maya Wirz, 49-jährige Buschauffeuse aus dem Baselland, ist ein Talentshow-Jackpot. Ihrem Aussehen und Auftreten nach zu urteilen, würde niemand von ihr Grosses erwarten. Doch die Stimme, die nach wenigen Sekunden ertönt, macht alle platt. Nach ihrer Darbietung von «O mio babbino caro» aus der Oper «Gianni Schicchi» von Giacomo Puccini erntet sie stehende Ovationen. Und eine Verneigung von Roman Kilchsperger. «Läck mi am Arsch, dass es so was in der Schweiz gibt!», entfährt es Bobo. Wir wagen die Prognose. Maya ist das grösste Schweizer Talent.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gaby Weis Stiefvater am 30.01.2011 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    ganz grosse Klasse!!!

    Maya dein Vortrag war super. Hoffentlich sehe ich dich mal wieder - ist ja eine Ewigkeit her! Wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Weg.

  • Martin 1971 am 30.01.2011 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Mindestalter

    Warum um alles in der Welt müssen die Kinder zulassen? Eine Absage vor all den Leuten ist eine schallende Ohrfeige für die kleinen, ein Weiterkommen oder gar gewinnen wohl eher ausgeschlossen. Ich wünsche mir ein Mindestalter.

  • Markus am 30.01.2011 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    Kopie oder Fake?

    Erstens finde ich es vom SF mutig (oder leichtsinnig), DGST zeitgleich mit DSDS auszustrahlen. Damit erreichen sie die Senioren, die Jüngeren jedoch wandern zu RTL ab. Sonntag wäre der bessere Termin gewesen. Zweitens ist die - zweifelsfrei begabte - Maya Wirz ein gutes Beispiel dafür, wie krampfhaft das Original "Britain's got talent" kopiert wird. Man bucht eine professionelle Sängerin und impliziert dem Publikum, dass da eine blutige Anfängerin mit Naturtalent am Werk ist. Vergleicht mal ihre Kleidung und Makeup von gestern mit den Fotos auf ihrer Website ;-)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi Hartmeier am 31.01.2011 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Medieninszenierung

    Die Sache ist doch ganz einfach: Die Medien haben einfach viel zu viel Beachtung und Gewicht. Es ist eine Samstagabendsendung, wer will kann hinschauen, freiwillig, fertig. Nehmt die Medien weniger wichtig und setzt Eure Zeit für wichtigere Sachen ein.

  • Laurent Bertrandt am 31.01.2011 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Vergleich zum Supertalent

    Also diese Sendung war ja sowas von gruselig. Die ganzen Requisiten wirkten sehr billig. Auch peinlich war, dass das Studio nicht komplett mit Publikum belegt war. Man sah überall eine grosse Anzahl an freien Plätzen. Ein kleineres Studio hätte bestimmt eine bessere Atmosphäre gebracht. Man kann nur hoffen, das es besser wird. An das Supertalent von RTL reicht diese Show bei weitem nicht ran. Da fehlt es einfach an der Professionalität.

  • Noro elle am 31.01.2011 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist euer Problem?

    Ich verstehe das Problem nicht. Jetzt schreien alle sie sei eine professionelle Sängerin,weil sie ein paar Auftritte hatte. Da sieht man mal wieder, wie leicht sich Menschen blenden lassen. Eine Homepage ist im nu erstellt und bedeutet nicht, dass man professionell ist. Ja, sie hatte Auftritte-in irgendwelche Bistros, dass sind aber keine grossen Bühnen. Klar ist sie nicht gestern aufgestanden,dachte sich sie wolle jetzt singen und hat so losgelegt. Da liegt jahrelanges Training dahinter. Mit einer untrainierten Stimme geht so was nicht. Sie ist ein Talent und daran ändert sich auch nichts

    • obourbank@yahoo.de am 02.02.2011 07:19 Report Diesen Beitrag melden

      Sie hat uns zu Tränen gerührt - Sie hat den richti

      Also lasst sie in Ruhe Es ist mir lieber es kommt jemand wie Maya Wirz die sich anständig auf einen solchen Contest vorbereitet hat als all die ungepflegten Schlabberloock Idioten die vor Selbstüberschätzung strotzen und unsere Ohren strapazieren. Die Juri hat genau richtig gehandelt. Bravo ihr drei. Und DJ Bobo macht das ganz besonders brillant und erst noch besser als Bohlen Auch Signora Christa Rigozzi hat Tessinert

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  • Andy am 31.01.2011 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Phantom Of The Opera

    Ich fand sie auch richtig gut. Finde es aber extrem Bedenklich, wenn man im Nachhinein herausfindet, dass sie u.a. bereits im "Phantom Of The Opera" gesungen hat. Das ist bewusste Täuschung des Publikums. Aber es macht sich ja auch besser die Maya als Busfahrerin anzupreisen, statt als Semiprofessionelle Musicalsängerin. Schade :-/

  • Georges Schrepfer am 31.01.2011 00:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ein dreifaches Hip Hip Hura!!!

    Herzliche Gratulation Maya, sing sing und berühre die Herzen der Menschen...ich wünsche dir alles gute für deine neue Karriere.