«DGST»

01. Februar 2011 20:40; Akt: 02.02.2011 12:41 Print

So inszeniert das SF seine Talente

Ein Drehbuch soll es bei «Die grössten Schweizer Talente» nicht geben. Trotzdem werden gängige Casting-Klischees nach aller Kunst inszeniert.

Die grössten Schweizer Talente vom 29.01.2011

Quelle: SRF

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Bei der ersten Folge von «Die grössten Schweizer Talente» hatte wohl so mancher TV-Zuschauer ein Déjà-vu: Hartnäckig trällert eine selbst ernannte Profi-Sängerin und lässt sich selbst nach Buh-Rufen und mehrmaligem Auffordern kaum von der Bühne holen. So gesehen am Samstag im Schweizer Fernsehen beim Auftritt von Clarissa Ferenczi – und im November, als Anna Maria Cerna beim «Supertalent» auf RTL die Ohren malträtierte. Die Ähnlichkeit der Szenen kommt nicht von ungefähr: Produziert werden beide Sendungen von der deutschen Firma Grundy Light Entertainment.

«Dem Publikum wird etwas vorgegaukelt»

«Bei einem übernommenen Format hält man sich an Richtlinien, die in der so genannten Produktionsbibel festgehalten sind», erklärt deren Sprecherin Simone Lenzen. Auch Martin Reichlin, Mediensprecher beim Schweizer Fernsehen, bestätigt: Es gab keine speziellen Format-Anpassungen für die Schweiz. Sieht man deshalb auch die immer gleichen Klischees? «Es gibt keine fix definierten Rollen», so Lenzen. Medienwissenschaftler Matthias von der Uni Zürich sieht das etwas anders: «In solchen Shows tauchen immer wieder die gleichen Rollen auf», sagt er. Für ihn ist klar: «Bei 'DGST' ist vieles inszeniert. Dem Publikum wird bis zu einem gewissen Grad etwas vorgegaukelt.»

«Dass man nicht die ganze Wahrheit erzählt, ist Kalkül»

Von Inszenierung will man beim SF jedoch nicht sprechen: «Es gibt kein Drehbuch», so Martin Reichlin, «die Jury hat frei und ohne Anweisungen bewertet». Simone Lenzen von Grundy ergänzt: «Es gibt einen Sendungsablauf, der mit den Kandidaten besprochen wird. Schliesslich muss die Produktion koordiniert werden», ergänzt. Wie die Teilnehmer am Ende in der Show dargestellt werden, das wird mit ihnen hingegen nicht besprochen: «Bei den Castings zeichnen wir mit zehn Kameras auf. Erst nach Ablauf aller Auftritte können wir entscheiden, an welchen Stellen wir das Gesamtmaterial kürzen.» So war es auch bei der «Schweizer Susan Boyle»: Die Gesangsausbildung von Maya Wirz wurde unterschlagen. So war es schon bei ihrem britischen Vorbild und dem Sänger Paul Potts. Sie beide wurden durch die «DGST»-Vorlage «Britain's Got Talent» bekannt. «Dass man nicht die ganze Wahrheit erzählt, ist Kalkül», sagt Medienexperte Gerth. «Ob es legitim ist, dem Publikum ganz bewusst bestimmte Informationen vorzuenthalten, ist streitbar, es gehört aber zum Showbusiness dazu», meint er.

Die grössten Schweizer Talente vom 29.01.2011

Das SF hat auch gezielt Künstler für die Teilnahme an der Show angefragt. «Das Format sieht ausdrücklich vor, dass auch bestehende Künstler angefragt werden können. Wir wollten auch Künstler ansprechen, die über die herkömmlichen Kommunikationswege nicht erreicht werden», sagte Sven Sarbach, Chef Show & Events beim Schweizer Fernsehen dazu gegenüber der Zeitung Sonntag. «Damit ist das Geschehen vor der Kamera gewissermassen vorgegeben», so Medienexperte Gerth. Man geht beim SF sogar so weit, Kandidaten von «Das Supertalent» zu rezyklieren: Am Samstag wird es beispielsweise zu einem Wiedersehen mit dem Davoser Highspeed-Jodler René Wiedmer kommen. Und auch Jungsängerin Julia Star und die Artistin Natalia Macauley werden im Schweizer Fernsehen für weitere Déjà-vus sorgen.

(sei)