«Ich muss da durch»

19. Juni 2019 09:35; Akt: 19.06.2019 09:35 Print

Stress spricht über seine psychischen Probleme

von Martin Fischer - Stress rechnet in seinem neuen Video mit sich selbst ab. Der Rapper geht offen mit seinen psychischen Problemen um – und erklärt, wie er sich aus seinem persönlichen Tief kämpft.

Stress spricht mit seiner Psychotherapeutin über sein persönliches Tief. (Video: Omar Manai)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Das Video

Nach Minute 1:21 in seinem neuen Video zum Song «Terre brûlée» passiert es: Stress steht vor einem Spiegel, hält sich eine Waffe an den Kopf und drückt ab. Wenig später schaufelt er sich sein eigenes Grab.

Umfrage
Wie gefällt dir Stress' aktuelle Single «Terre brûlée»?

Es ist das erste Video seit über einem Jahr. Eine deftige Rückkehr. Was will der Musiker damit zeigen? Die Szene sei symbolisch zu verstehen, erklärt er. «Ich zerstöre damit meine Vergangenheit – alles, was mich zurückhält und mir nicht guttut.»


Das Video zu «Terre brûlée». (Video: Youtube/Stress)

Die Therapie

Ein paar Wochen zuvor hat Stress ein Video auf Instagram hochgeladen. Aufgenommen wurde es im Sprechzimmer seiner Psychotherapeutin. Über sechs Minuten lang schildert er darin, wie er gerade zu kämpfen hat – mit seiner Arbeit als Musiker und, viel mehr, mit sich selbst.

Seit zwei Jahren geht der Lausanner zu seiner Therapeutin, einmal die Woche. «Ich sage jedem und jeder: Mach eine Therapie!», so Stress. «Belaste nicht deine Freunde oder Familie mit deinen Problemen. Das ist egoistisch.»

Die Vorgeschichte

Stress ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Musiker der Schweiz. Seinen Durchbruch hat er 2003 mit dem Debütwerk «Billy Bear». Er veröffentlicht sechs Soloalben, holt mehrfach Platin, hält den Rekord mit neun Swiss Music Awards. Daneben lanciert er eine eigene Modelinie.

2008 heiratet er die Schauspielerin Melanie Winiger (40), nach der Trennung 2011 übernimmt er ihr Haus in einem Vorort von Zürich. Seit 2012 ist er mit dem Model Ronja Furrer (27) zusammen.

«Ich kam in die Schweiz und ich hatte nichts. Ausser Hoffnung und Träume», sagt er. Als 12-Jähriger ist er mit Mutter und Schwester aus Estland hierher gezogen. Er hat viel erreicht – und plötzlich viel zu verlieren. Nach dem Release seines letzten Albums fällt Stress in ein Loch. «Ich war unzufrieden.»

Der Aufbruch

Der Musiker realisiert: Er hat Angst, zu verlieren, was er hat. Bloss: «Das ist kein guter Antrieb, Musik zu machen.» Viele Künstler würden genau deshalb an ihren Erfolgsformeln festhalten.

«Es hat mich in die falsche Richtung gelenkt. Angst und Kunst passen nicht zusammen», sagt Stress. «Ich wäre zu einer Kopie meiner selbst geworden.»

Die Lösung: Er musste alte Sicherheiten hinter sich lassen, um etwas Neues aufzubauen, wie er in «Terre brûlée» singt. Und zwar nicht nur als Musiker, sondern als Mensch, betont Stress. «Ich muss da durch, auch wenn es wehtut.»

Der Alltag

Auch seine Beziehung zu Ronja wird in dem Prozess gefordert. «Ich sage nur so viel: Wenn es jemandem so geht wie mir, ist das nicht schön für alle, die einem nahestehen.» Wenn es einem selbst schlecht gehe, dann könne man anderen auch nichts Gutes geben.

Er habe schlechte Tage. Manchmal fühle er sich antriebslos, deprimiert, sei aggressiv gegenüber Mitmenschen. Er habe Suizidgedanken, «immer wieder», sagt Stress. Neben der Therapie hilft ihm auch das Boxtraining. Und: «Ich trinke kaum mehr Alkohol.»

Die Zukunft

Noch arbeitet Stress an seinem neuen Album, zusammen mit Gabriel Spahni (30) von Pegasus. Entstanden ist alles zu Hause in Zollikerberg, zwei Jahre lang haben sie Songs geschrieben, «fast jeden Tag». Welche auf die Platte kommen, ist noch offen. Vor der Festivalsaison hat er auch seine Band neu besetzt.

Wie geht es ihm heute? «Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen Menschen, der versucht, eine bessere Version von sich selbst zu sein. Ich arbeite daran», erklärt Stress. Er hat wieder Bock auf das, was er macht. Und er hat wieder etwas zu sagen. «Musik bedeutet mir alles. Da will ich nicht bescheissen.»