70 Jahre Ganz

22. März 2011 07:18; Akt: 22.03.2011 13:28 Print

Zürcher Eminenz des europäischen Kinos

von Birgit Roschy, AP - Er ist Engel und Hitler: Der diskrete Schauspielergigant Bruno Ganz feiert seinen 70. Geburtstag. Mit «Der Himmel über Berlin» und «Der Untergang» schrieb der Zürcher Filmgeschichte.

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Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz mimte Adolf Hitler in «Der Untergang» (2004). Vor Bruno Ganz verkörperte schon mal ein deutschsprachiger Schauspieler den Diktator: Udo Kier übernahm die Hauptrolle in «100 Jahre Adolf Hitler - die letzte Stunde im Führerbunker» (1989). Man kennt ihn als Leipziger «Tatort»-Komissar, doch im Tarantino-Film «Inglourious Basterds» mimt er den Führer: Martin Wuttke. Mit Tom Schilling als jungem Hitler (Bild) und Götz George in der Rolle eines Juden wurde 2008 die Filmgroteske «Mein Kampf» unter der Regie des Schweizer Regisseurs Urs Odermatt veröffentlicht. Der britische Schauspieler David Bamber mimt den Diktator in «Valkyrie», dem Hollywood-Thriller über das gescheiterte Hitler-Attentat. Tom Cruise spielt den Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Helge Schneider spielte 2007 in der Komödie «Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler» vom Schweizer Regisseur Dani Levy. 2003 verkörperte «Trainspotting»- und «The Full Monty»-Star Robert Carlyle in «Hitler: The Rise of Evil» den Diktator. Der Film handelt von Hitlers Jugendjahren und seinem Aufstieg bis vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Der Klassiker unter den Diktatoren auf Zelluloid: Charlie Chaplin in «The Great Dictator» (1940). Mel Brooks beglückte nicht nur die Filmwelt mit der Hitler-Komödie «To Be Or Not To Be» (1983): Perfekt machte der Komödiant das Gesamtkunstwerk mit der gleichnamigen Single. Albin Skoda in der österreichischen Hitler-Dokumentation «Der letzte Akt» aus dem Jahr 1955. In der legendären Comedy-Serie «Monty Python's Flying Circus» spielte John Cleese einen gewissen 'Mr. Hilter', der mit Hilfe von 'Heinrich Bimmler' und 'Ron Vibbentrop' die Gemeindewahl im englischen Örtchen Minehead gewinnen will.

Bruno Ganz, Helge Schneider, Robert Carlyle: Viele Schauspieler versuchten sich in der Rolle des Jahrhundertverbrechers Adolf Hitler.

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Allein in Deutschland sahen 2004 fünf Millionen Zuschauer den Film «Der Untergang». Im Zentrum stand, mit angeklebtem Hitler-Bärtchen, Bruno Ganz. Wie üblich verschmolz der diskrete Schweizer so nahtlos mit seiner Rolle, dass Kritiker und Zuschauer begeistert waren. Und wie üblich hat auch diese Darstellung, wie zuvor im Erfolgsfilm «Der Himmel über Berlin» 1987, den Gefeierten seinem Publikum kaum nähergebracht. Bruno Ganz, der am 22. März seinen 70. Geburtstag feiert, ist der unbekannteste bedeutendste deutschsprachige Schauspieler.

Es gibt keinen grossen Theater- oder Filmpreis im deutschsprachigen Raum, den der 1941 geborene Zürcher im Laufe seiner Karriere nicht in den Händen gehalten hat. Obendrein ist er seit 1996 der Träger des Iffland-Ringes, den ihm Josef Meinrad vermachte; die Auszeichnung wird dem «würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters» auf Lebenszeit verliehen. Die Ironie dabei: Vom Theater hat sich Bruno Ganz seit vielen Jahren abgewandt. Für ihn gibt es «keine Magie, die so gross ist wie die in einem Kino, wenn das Licht ausgeht und die Leinwand zu leuchten anfängt. Das ist für mich der magischste Moment überhaupt, der mit diesem Beruf erreichbar ist».

Gesicht des neuen deutschen Films

Dabei zog es den schüchternen Schweizer, Sohn eines Fabrikarbeiters und einer Norditalienerin, magisch zur Bühne, seit er als Teenager ein Theaterstück besucht hatte. Nachdem er das Gymnasium ohne Abschluss verlassen und beim Schweizer Heer eine Sanitäter-Ausbildung absolviert hatte, ging er 1962 nach Deutschland. Vom Jungen Theater Göttingen über das Bremer Theater und schliesslich mit der Berliner Schaubühne wurde er Teil des intellektuellen Aufbruchs der 68er-Generation. Mit Theaterregisseuren wie Kurt Hübner, Peter Zadek, Peter Stein und Klaus Maria Grüber schrieb Bruno Ganz Theatergeschichte und machte die Schaubühne zu einem Mittelpunkt des europäischen Theaters.

In den 70ern wurde der unauffällige Charakterkopf auch zum Gesicht des neuen deutschen Films. Mit Wim Wenders drehte er unter anderem «Der amerikanische Freund» und «Der Himmel über Berlin». Furore machte er auch mit «Die Marquise von O…» vom Franzosen Erich Rohmer, «Die linkshändige Frau» von Peter Handke, Werner Herzogs «Nosferatu» und Volker Schöndorffs «Die Fälschung». Später wurde Ganz vom melancholietrunkenen griechischen Regisseur Theo Angelopoulos entdeckt, mit dem er «Die Ewigkeit und ein Tag» drehte. Seinen schönsten Kurzauftritt hatte er damals im isländischen Drama «Children of Nature», in dem er nach «Der Himmel über Berlin» zum zweiten Mal einen Engel spielte.

Grüblerischer Star ohne Allüren

Waren diese Filme oft auf ein Insiderpublikum beschränkt, so setzte der stille Gigant im neuen Jahrtausend zu einem unerwarteten Höhenflug an, als er im italienischen Komödiendauerbrenner «Brot und Tulpen» (2000) sein Image des grüblerischen Nordmannes und Trauerklosses auf die Schippe nahm. Und während sich der Theaterstar zunehmend ärgerlich über das Bühnengeschehen äusserte - «einen gewissen Abstand nehme ich da ein, um es mal nett zu sagen» - schien er mit der Hitler-Rolle in «Der Untergang» 2004 den Darsteller-Jackpot gewonnen zu haben. Doch Ganz, der die mediale Selbstdarstellung wie der Teufel das Weihwasser scheut, blieb im Hintergrund.

So hat sich Hollywood bisher wenig bemüht um den «traurig blickenden» Mimen, «berühmt für die Darstellung selbstquälerischer Protagonisten», wie ein US-Lexikon schreibt. Dennoch war Ganz zuletzt oft markantes Beiwerk in US-Filmen wie in «Der Vorleser» und in Francis Ford Coppolas «Jugend ohne Jugend». Ganz, der mit seiner Lebenspartnerin, der Fotografin Ruth Walz, in Zürich und Venedig lebt, scheint mit dem Beginn des siebten Lebensjahrzehnts begehrter als je zuvor. Vor kurzem war er in «Das Ende ist mein Anfang» und «Satte Farben vor schwarz» als Sterbender zu sehen. Einen aufregenden Auftritt hat er zurzeit als Ex-Stasioffizier im Actionthriller «Unknown Identity» - was zeigt, dass das Rollenspektrum dieser grauen Eminenz des europäischen Kinos noch längst nicht ausgetestet ist.


Bruno Ganz über seine Hilter-Rolle. Quelle: YouTube


Ein Bericht des ARD-Kulturmagazins «titel thesen temperamente» über den letzten Ganz-Film «Satte Farben vor schwarz». Quelle: YouTube