Grossbrand in Basel

23. August 2019 04:57; Akt: 23.08.2019 04:57 Print

«Ämter haben Probleme im Haus ignoriert»

Die IG Rheingasse nimmt die Behörden in die Pflicht. Diese hätten vom schlechten Zustand der Brandliegenschaft gewusst. Nun wollen Mitglieder das Haus kaufen.

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Am Donnerstag, 26. August lud die IG Rheingasse zur Medienkonferenz ein. Ziel war es, über den aktuellen Stand und die Zukunftsplanung in der Rheingasse zu informieren, sowie an Behörden und Politik zu appellieren. Seit Tagen messen Statiker den Rheinhof aus. Noch immer darf das Gebäude nicht betreten werden. Anwohner und Gastronomen kritisieren, dass die Behörden die Sozialwohnungen, über denen der Brand ausbrach, nicht genügend kontrolliert hätten. Die Situation in den möblierten Zimmern sei desaströs gewesen. Die letzten Feuernester hätten fünf Tage lang gebrannt. Der Brand war am Freitagmorgen, 16. August ausgebrochen. Die Flammen schlugen aus dem Dachstock. Dieser wurde vollständig zerstört. Ein 35-jähriger Schweizer wurde wegen Verdachts auf fahrlässige Brandstiftung festgenommen. Der zerstörte Dachstock. An der Fassade sind zudem zahlreiche Risse entstanden. Am Freitagnachmittag war die Rheingasse immer noch gesperrt. Die Feuerwehr war mit Nachlöscharbeiten beschäftigt. Wegen Einsturzgefahr mussten die Hauswände gesichert werden. Auch benachbarte Liegenschaften wurden von den Flammen nicht verschont, die Feuerwehr konnte eine weitgreifende Zerstörung durch eine Ausbreitung des Feuers aber verhindern. Im Einsatz standen die Polizei, die Sanität, der Notarzt und verschiedenste Feuerwehren. Der Brand breitete sich rasch aus und griff auch auf Nachbarshäuser über. Der Feuerwehr gelang es dennoch, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Auch verschiedene Chemiefeuerwehren standen im Einsatz. Die Löscharbeiten zogen sich über Stunden hin. In den frühen Morgenstunden war die Strecke für den Verkehr gesperrt. Feuerwehrkräfte begaben sich zum Einsatzort. Laufend traf Unterstützung ein. Bei der Evakuierung des brennenden Hauses wurde eine Person verletzt und musste durch die Sanität ins Spital gebracht werden. Eine weitere Person begab sich wegen Atemwegbeschwerden in Behandlung. Stunden später lag noch Rauch in der Luft. Die Strasse konnte für den Verkehr wieder freigegeben werden. So präsentierte sich die Lage am Freitagmorgen gegen 7.30 Uhr.

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Bei den Anwohnern und Gastronomen der Basler Rheingasse sitzt der Schock immer noch tief. Am Donnerstag, 22. August, sechs Tage nach dem Brand, lud die Interessensgemeinschaft (IG) Rheingasse zur Medienkonferenz. Die Veranstalter wollten über die aktuelle Situation und die Zukunft der Rheingasse sprechen.

Franz-Xaver Leonhardt, CEO des Hotel Krafft, das gegenüber des Brandortes liegt, schilderte die Dramatik der Brandnacht: «Als die Einsatzkräfte der Feuerwehr den Brand von weitem gesehen haben, lösten sie sofort den Grossalarm aus». «Vor 90 Jahren wäre das ganze Viertel niedergebrannt», doppelte Anwohner Tino Krattiger nach.

«Die letzten Brandnester konnten erst am Dienstag gelöscht werden», so Leonhardt. Es sei erschütternd, dass so etwas mitten in der Stadt passieren konnte.

«Sie brachen unsere Wände ein»

Eine Frau, die mit ihrer Familie direkt neben der Brandruine lebte, schilderte den Einsatz der Feuerwehr: «Sie brachen in unserer Wohnung Wände ein, um gegen das Feuer ankämpfen zu können». Ihre Wohnung müsse nun mehrere Monate lang renoviert werden. Die Familie suche nun aber ohnehin ein neues Zuhause. Sie betonte auch, wie sich die Feuerwehr in der Extremsituation bemüht habe, das Wohnungsmobiliar zu schützen.

Cécile Grieder, die Betreiberin der Grenzwert-Bar im Erdgeschoss des Gebäudes, berichtete von nagender Ungewissheit: «Wir schweben im luftleeren Raum und wissen nicht, ob oder wann wir das Gebäude nochmals betreten können». Auch der Ablauf des Brandes beschäftige sie: «Ich kann nicht verstehen, wie das Haus so rasch brennen konnte, ohne dass etwas davon bemerkt wurde.»

Darüber rätselt auch Leonhardt: «Wie kann es so schnell und so lange brennen?», sagte er. Ihn treibt auch eine andere Frage um: «Haben wir genug getan?»

«Man muss genauer hinschauen»

Mit dieser Frage spielt Leonhardt auf die möblierten Zimmer im dritten Stock an. Diese wurden vermietet, vor allem an Sozialhilfebezüger und befanden sich in einem miserablen Zustand. Zwei Monate lang lag einmal ein toter Mann in so einem Zimmer, der Verwesungsgestank sei noch auf der Strasse so stark gewesen, dass die Leute den Ort mieden.

Auch die Hygienesituation sei dramatisch gewesen. «Man muss genauer hinschauen. Wir haben die Ämter informiert, das Problem wurde nicht ernst genommen», so Grieder. Eine Frau, die in einer ähnlichen Situation in der Rheingasse lebe, habe ihnen gegenüber geäussert, dass sie sich nicht mehr sicher fühle.

«Geldbeträge für sozial benachteiligte Personen zu sprechen, ohne die Lebensumstände und die Situation vor Ort zu prüfen, reicht nicht. Damit die Menschen wirklich die Unterstützung erhalten, die sie dringend benötigen, ist in der Umsetzung genaue Prüfung und Kontrolle vonnöten» betonte die IG Rheingasse. Ausserdem appelliere man an Behörden und Politik, die «Wunde in der Rheingasse» möglichst bald wieder zu schliessen.

Gastronomen wollen Rheinhof kaufen

«Der Inhaber war mit der Situation überfordert, das sieht man dem Haus an.» Leonhardt und Grieder hingegen wollten die Liegenschaft schon seit längerem kaufen. Sie können sich auch vorstellen, die Brandruine zu übernehmen und gastronomisch zu nutzen. Vorschläge für eine Übernahme des Rheinhofs sind seit mehreren Jahren Thema. Die IG Rheingasse strebt eine gemeinsame Lösung an, die für alle involvierten Parteien stimmt.

Ob und wann es dazu kommt und ob das Haus überhaupt stehenbleibt, ist derzeit völlig unklar. Die Liegenschaft wird seit Tagen durch Statiker vermessen. Unabhängig davon soll in Kürze ein Solidaritätsfest für die ehemaligen Bewohner und die Grenzwert-Bar stattfinden. Der Erlös wird den Betroffenen gespendet.

Der Eigentümer des Rheinhofs war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

(kom)