Schicksalsschlag

26. Januar 2017 06:00; Akt: 26.01.2017 08:38 Print

«Als Vollwaise fühlt man sich oft sehr allein»

A.S. (26) aus Basel hat mit neun Jahren ihren Vater und mit 18 Jahren ihre Mutter verloren. Sie fühlt sich oft allein, weshalb sie nun eine Selbsthilfegruppe für Waisen lancieren will.

Zusammen mit dem Zentrum Selbsthilfe Basel will A.S eine Selbsthilfegruppe für Vollwaisen gründen. (Video: fh)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein Leben ohne Eltern – für viele unvorstellbar. Seit ihrem 18. Lebensjahr ist dies für A.S. aus Basel jedoch Realität. Ihren Vater hat die 26-Jährige mit neun Jahren verloren – er starb bei einem Unfall. «Meine Mutter ist dann neun Jahre später an einer Krebserkrankung gestorben», so A.S. Aufgewachsen ist sie im Thurgau, wo sie eine glückliche Kindheit verbrachte. Nach ihrer Lehre als Schneiderin, die sie in St. Gallen abgeschlossen hat, ist sie für ihr Studium an der Fachhochschule Nordwestschweiz nach Basel gezogen und lebt nun seit drei Jahren im Wohnquartier Gundeldingen in einer Wohngemeinschaft.

Umfrage
Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern?
58 %
24 %
12 %
6 %
Insgesamt 1488 Teilnehmer

«Hier fühle ich mich sehr wohl», sagt die FHNW-Studentin. Mit ihren Mitbewohnern pflegt sie ein freundschaftliches Verhältnis – sie kennen das Schicksal der 26-Jährigen. Obwohl sie viele Freunde hat und ihre WG-Mitbewohner zu einer Art «Ersatz-Familie» geworden sind, fühlt sich A. manchmal allein. Jemand, der nicht dasselbe durchgemacht habe, könne nicht verstehen, was es heisst, Vollwaise zu sein, sagt sie. «Es wäre einfach schön zu wissen, dass man mit dieser Situation nicht alleine ist.»

Zusammen das Erlebte verarbeiten

Seit längerer Zeit beschäftigt sie sich schon mit der Frage, ob es in Basel und Umgebung noch mehr Menschen in ihrer Situation gibt. Um sich mit Schicksalsgenossen auszutauschen und das Erlebte besser verarbeiten zu können, will A. nun eine Selbsthilfegruppe für Vollwaisen lancieren. Unterstützung erhält sie vom Zentrum Selbsthilfe Basel. Zuammen mit Beraterin Caroline Palffy hat A. recherchiert und sich auf die Suche nach anderen Betroffenen gemacht. «Eine entsprechende Gruppe gibt es in der Schweiz aber noch nicht», sagt sie.

Mit einem Flyer, der an ausgewählte Fachstellen verschickt wird, will A. auf ihre Selbsthilfegruppe aufmerksam machen. «Ich bin auf der Suche nach Frauen und Männern, die zwischen 16 und 35 Jahre alt sind und ihre Eltern schon als Kind verloren haben», erklärt sie. Sobald sich sechs bis acht Interessierte melden, könne man mit dem Gruppenaufbau beginnen, so Palffy. Die ersten drei Treffen sollen in den Räumlichkeiten des Zentrums stattfinden und von ihr begleitet werden. «Danach trifft sich die Gruppe selbstständig», sagt die Beraterin.

Waisen aus der ganzen Schweiz sind willkommen

Mit ihrer Gruppe möchte A. nicht nur Basler, sondern Waisen aus der ganzen Schweiz ansprechen. «Mich interessiert es sehr, wie andere Betroffene mit ihrem Schicksal umgegangen sind», erzählt sie. «Ich selber hatte eine sehr schöne Zeit mit meinen Eltern und denke auch gerne daran zurück», fügt sie an. Es werde jedoch immer Momente geben, in denen sie ihre Eltern vermissen wird. «Gerade in solchen Momenten soll der Austausch in der Selbsthilfegruppe helfen.»

* Name der Redaktion bekannt

(fh)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • vollmond am 26.01.2017 06:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schöner Gedanke

    Das Schmerzende als Waise ist, man ist niemandes Kind mehr ist...

    einklappen einklappen
  • Marco100 am 26.01.2017 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guter artikel

    Falls es gleichgesinnte gibt die sich ebenfalls austauschen wollen, gute werbung :-)

  • Gotthard am 26.01.2017 07:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut das es so etwas geben soll

    Es gibt immer Schicksalsschläge die grausam sind im Leben. Bei mir sind beide Elternteile vor 5 Jahren, innerhalb 3 Monaten verstorben meine Partnerin nach dreimonatiger schwerer Krankheit 1 Jahr danach. Letztes Jahr ist auch noch mein Bruder Bruder ausgewandert. Ich finde es gut dass sie eine Selbsthilfegruppe gründen will

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lill am 26.01.2017 09:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute idee

    Finde ich eine gute Idee, wäre damals auch Froh drum gewesen zu wissen das man nicht die einzige Person ist der es so geht...

  • Mokka am 26.01.2017 09:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gründe deine ...

    ...eigene Familie und sei eine gute Mutter. Dann fühlst du dich nicht mehr alleine.

  • Layana am 26.01.2017 09:26 Report Diesen Beitrag melden

    so ist es

    Kann ich gut nachvollziehen. Ich habe meine Eltern als kleines Kind verloren, habe keine Geschwister und die Verwandten haben sich in Ausland verzogen... Man ist sehr sehr einsam. Dazu kommt, dass man nicht mal genau weiss, wie/wer die Eltern gewesen sind, respektive woher man eigentlich genau kommt. Aber es hat einen Vorteil: man wird stark durch diese Erfahrung, glaube ich. So schnell kann einen im weiteren Leben nichts mehr erschüttern...

  • Selbst Betroffen am 26.01.2017 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Sache, aber...

    Okey, aber es gibt sooooo viele, die keine Eltern haben i d dazu unter schlimmsten Bedingungen aufgewachsen sind. Diese landen dann meist in der Psychiateie irgenwann weil sie mit Drogen,Alkohol usw. Ihren Schmerz lindern! Es gibt sehr viele Menschen mit Schicksalsschlägen!

  • Sheryl am 26.01.2017 09:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Betrifft auch mich!

    Ich bin in Amerika geboren worden, da meine Eltern dorthin gezogen sind. Mit 15 Jahren verlor ich beide Elternteile durch einen Unfall. Plötzlich alleine auf der Welt zu sein ist unglaublich traumatisierend. Was mit mir geschieht wusste ich nicht, da wir keine Angehörige in Amerika hatten. Zu meinem grossen Glück nahm mich meine Grossmutter in der Schweiz hier auf. Das war vor 8 Jahren und inzwischen ist auch sie verstorben. Die Tränen des ersten Verlustes sind noch nicht getrocknet und die neuen überdecken diese nun.