Günstiger Wohnraum

30. November 2015 17:50; Akt: 30.11.2015 17:50 Print

«Am Ende bleibt nur noch die Notschlafstelle»

Die IG Wohnen schlägt Alarm: Es gibt kaum noch billige Wohnungen in Basel, Sanierungen führen für viele Mieter in die Obdachlosigkeit. Betroffen sind vor allem Familien.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Zahlbarer Wohnraum hat in der Vergangenheit massiv abgenommen. Der Markt ist ausgetrocknet», sagt Anne Plattner, Geschäftsleiterin der IG Wohnen und Leiterin Soziale Wohnungsvermittlung. Gerade mal 0,3 % beträgt die Leerstandsquote des städtischen Wohnungsmarktes – Leidtragende der Wohnungsnot sind vorwiegend Jugendliche, Familien mit Kindern, Alleinerziehende und Betagte.

Während die IG Wohnen vor 2013 noch der Hälfte der Suchenden eine Wohnung vermitteln konnte, seien es heute nur noch 35 %, weiss Plattner. Und günstiger Wohnraum in Basel werde ständig weniger: Zahlbare Wohnungen würden renoviert und die Mietpreise danach um mehrere hundert Franken erhöht. Mieter mit einem kleinen Budget stelle dies vor emorme Probleme. «Wir verzeichnen eine wahnsinnige Zunahme von Klienten, die aufgrund einer Sanierung die Kündigung erhalten», so Plattner.

Billiger Wohnraum wird abgerissen

In einer noch extremeren Situation sind Personen, deren Heim abgerissen wird. So etwa die Bewohner der vier Jugendstil-Villen am Steinengraben. Die 150-jährigen Häuser sollen bis im Febraur Neubauten mit Büroflächen und «Luxus-Lofts» weichen, kritisiert der Mietverband. Im Moment wohnen über 20 Personen in den Stadthäusern. Die meisten sind jung und haben finanziell begrenzte Möglichkeiten: Es sind Studenten, junge Familien oder Freischaffende. Die neuen Wohnungen könnten sie sich kaum leisten – so kämpfen sie mit allen Mitteln gegen die drohende Abrissbirne. Die Versicherung Helvetia, die die Immobilien besitzt, will aber nicht vom Neubauprojekt abweichen.

«Am Ende bleibt die Notschlafstelle»

In der Vergangenheit blieb vielen Familien, die Plattner betreute nur noch die Möglichkeit in eine Notwohnung zu ziehen. «Für die Kinder sind diese Umstände enorm belastend. Sie werden mit einem neuen Quartier konfrontiert und müssen die Schule wechseln», erzählt Plattner. Das Angebot gelte nur für Familien. Alleinstehende landen auf der Strasse. «Am Ende bleibt nur noch die Notschlafstelle», konstatiert Plattner.

Kostengünstiger Wohnraum ist auch bei Studenten ein ständig brandaktuelles Thema. «Wären wir dieses Jahr nicht so kreativ vorgegangen, hätten wir eine massive Katastrophe erlebt», sagt Chaim Howald vom Verein für Studentisches Wohnen (Wove). Mit viel Engagement und Fantasie habe Wove «verrückte» Immobilien mild saniert, um möglichst viele Studenten unterbringen zu können. «Das Parade-Beispiel ist sicherlich der ehemalige Gasthof Schützengarten, den wir zurzeit in Riehen zwischennutzen», freut er sich.

Den Behörden sind ob der aktuellen Lage die Hände gebunden. Mit der Annahme des Wohnraumfördergesetzes im Herbst 2014 wurde der Sozialhilfe Basel der Auftrag zugewiesen, benachteiligten Personen Wohnungen zuteilen zu können. «Mangels freiem Wohnraum konnte dieser Auftrag noch nicht umgesetzt werden», sagt Nicole Wagner, Leiterin der Basler Sozialhilfe.

1000 neue Wohnungen

Rein statistisch gesehen könnten rund 60% der Wohnungen durch Menschen mit Sozialhilfe bezahlt werden, sofern sie diese entsprechend belegen, weiss Regula Küng, Leiterin Fachstelle Wohnraumentwicklung. Der Kanton prüft derzeit alle Möglichkeiten, diesen Wohnraum anzubieten. «Kostengünstige Wohnungen sind beispielsweise in der kantonseigenen Überbauung in Volta Ost geplant», sagt Küng. Zudem befinden sich verschiedene Projekte von Wohnbaugenossenschaften in der Planung oder bereits im Bau – so werden in den nächsten Jahren insgesamt über 1000 neue Genossenschaftswohnungen entstehen.

(jd)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Raggi am 30.11.2015 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld

    Machen wir unsere Grenzen doch noch weiter auf und lassen jeden rein, der will. Dann kann sich bald niemand mehr eine Wohnung in der Stadt leisten. Aber man muss auch einsehen, dass man mit einer Familie nunmal eine grosse Wohnung braucht und deshalb vielleicht nicht unbedingt in der Stadt wohnen muss.

    einklappen einklappen
  • citoyen am 30.11.2015 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Sozialistischer Filz

    Günstig wohnen im Stadtzentrum und die andern dafür bezahlen lassen. Genossenschaftswohnungen ohne Belegungs-und Einkommenskontrolle. Bevorzugte pittoreske Wohnlagen am Fluss unter der Hand vergeben. Ich spreche von Zürich. In Basel ist natürlich alles ganz anders.

    einklappen einklappen
  • T. Lindemann am 30.11.2015 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zwischennutzung

    Wichtig ist noch anzumerken, dass diese Bewohner nur einen Zwischennutzungsvertrag hatten und wussten, dass nur für eine beschränkte Zeit dort wohnen können. (Und das für ca. 150.- pro Person)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nadine am 02.12.2015 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Wohnungen am Steinengraben

    Auf der Webseite, die den Erhalt der Häuser am Steinengraben fordert, sind Fotos vom Inneren der Wohnungen zu sehen. Sehr luxuriös und sehr gross. Wenn das nur Zwischennutzung war und die Mieter günstig drin wohnen durften, hatten die eine viel bessere Zeit als andere Bewohner, daher sollen die jetzt nicht so nörgeln.

  • Grenzgänger am 02.12.2015 01:01 Report Diesen Beitrag melden

    Grenzgänger werden

    Ich selber bin Grenzgänger und kenne auch Schweizer die im Elsass oder im badischen leben. Das ist für viele Menschen durchaus eine gute Option und wer nicht so viel verdient, zahlt nicht mal unbedingt mehr Abgaben. Insbesondere die unteren Einkommensschichten würden davon profitieren, weil zB. der Zahnarzt in der deutschen Krankenversicherung inklusive und Kinderbetreuung erheblich günstiger ist als in der Schweiz. Zur PFZ: Diese gilt auch für Schweizer, daher können dank der PFZ auch Schweizer viel einfacher sich im benachbarten Ausland niederlassen und weiterhin in der Schweiz arbeiten.

  • Lars M-F am 02.12.2015 00:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Immobilie... 

    Also sorry bitteschön, wenn mir eine Immobilie gehört, dann kann ich doch damit machen was ich will.

  • Noldi Schumacher am 01.12.2015 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Thomas Kessler

    Warum leisten sie hier nichts? Immer alles schön reden, aber einmal wirklich etwas für weniger Verdienende tun, dass wäre doch einmal etwas für ihr mieses Image in Basel! Es braucht Wohnungen, für solche die bis Fr. 4000.- mit Familie im Mt. verdienen! Ja Herr Kessler die gibt es in Basel!!!

    • Peter Pfister am 01.12.2015 22:54 Report Diesen Beitrag melden

      Schön reden

      Herr Schumacher, das hat nicht nur mit der Stadt zu tun, in Reinach werden nur noch eigentumswohnungen gebaut, eine Million aufwärts. Der günstige Wohnraum wird für Flüchtlinge gebraucht, also was kann man hier noch schön reden, die Politik versagt auf der ganzen Linie, ein Schweizer der nicht 10000 chf verdient hat bei der Berufswahl die Augen nicht aufgemacht, so klingt es von Politikern. Flüchtlinge ziehen in Wohnungen, Schweizer in die Notschlafstelle, tolle Schweiz, Bravo.

    einklappen einklappen
  • Paul am 01.12.2015 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Zwischennutzung

    Klar ist das eine Zwischenutzung! Das ist auch gut, allerdings hat die nationale die Häuser erst nach einer Bestzung vermietet um "Stress" zu vermeiden. Vorher standen die Häuser leer. Sie wären ohne Besetzung wohl einfach leer geblieben. Soviel zur Wohltätigkeit von Versicherungen. Auch wurden nie alle Wohnungen zur Zwischennutzung freigegeben. Ausserdem spielt Überhaupt keine Rolle ob die Leute Zwischenutzer sind oder nicht, an der Sinnlosigkeit des Bürobauprojekts ändert es nichts und jeder Bürger hat ein Recht eine Einsprache gegen ein Bauprojekt zu schreiben (wenn auch chancenlos)