Soziales Engagement

21. Mai 2015 08:57; Akt: 21.05.2015 17:16 Print

«Auch Obdachlose haben Anrecht auf gute Frisuren»

Die Basler Coiffeuse Anna Tschannen (38) schneidet Obdachlosen und Süchtigen umsonst die Haare. Dafür bekommt sie deren spannende Geschichten vom Leben am Abgrund zu hören.

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Wo andere Menschen wegschauen, sieht Anna Tschannen genau hin: Die 38-Jährige verpasst Menschen, die auf der Strasse leben und alkohol- oder drogensüchtig sind, einen neuen Haarschnitt. Sie schenkt ihren Kunden somit nicht nur einen neuen Look, sondern auch eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft. «Auch Obdachlose haben das Recht auf eine gut sitzende Frisur», sagt sie bestimmt.

Die Lust, etwas für das Leben von Bedürftigen zu tun, verspürte Tschannen schon sehr früh. Nach einer absolvierten Tanzausbildung wollte sie Drogenabhängigen Freude an der Bewegung vermitteln. «Dieses Projekt stellte sich jedoch als eher schwierig heraus», sagt sie. So besann sich die gelernte Friseurin auf ihren zweiten Beruf und zaubert seither Menschen mit einen frischen Haarschnitt ein Lächeln ins Gesicht.

Kunden nicken auf dem Coiffeurstuhl ein

«Wenn man mit seinem Äusseren im Reinen ist, steigt das Selbstbewusstsein», erklärt sie. Diese «Portion Leichtigkeit» möchte sie jenen Baslern auf den Weg geben, die auf der Strasse leben oder nur mit Hilfe von Drogen oder Methadon ihren Alltag meistern können. «Während eines Coiffeur-Besuches findet bei meinen Kunden eine Verwandlung statt. Sie bekommen ein neues Selbstwertgefühl», berichtet Tschannen. Sie hält den Moment vor und nach der Verwandlung mit einem Schnappschuss fest, um ihre Arbeit zu dokumentieren. «Die Nachher-Bilder zeigen Menschen mit glänzenden Augen und einem lebendigeren Wesen», erzählt die Baslerin.

Seit acht Jahren ist sie mit ihrem «Köfferli» unterwegs und stattet in regelmässigen Abständen dem Tageshaus für Obdachlose, dem Männerwohnheim und der Sucht-Abteilung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Besuche ab. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie klar meine Kunden Gedanken in Worte fassen können und wie sie trotz ihrer schwierigen Lebensumstände den Tagesablauf meistern – so etwa Menschen, die Methadon konsumieren, um von den Drogen loszukommen.» Selbstverständlich gebe es auch einige, die auf dem Coiffeurstuhl einnickten, da sie zugedröhnt seien. Aber die meisten belohnen Tschannen mit bewegenden Geschichten, die sie ihr anvertrauen.

Es sind Erzählungen von verlorenen Seelen, die zum falschen Zeitpunkt den falschen Weg eingeschlagen haben: «Ein Mann etwa lebte während sieben Jahren in einer Nische in der Stadtmauer beim St. Alban-Tor am Rhein.» Sie habe mit ihm nach dem Absprung in ein geregeltes Leben, weg von der Strasse, diese Stelle besucht, wo er beinahe ein Jahrzehnt gelebt habe.

(jd)