Sexuelle Übergriffe an Doktorandin

20. Dezember 2019 04:54; Akt: 20.12.2019 10:26 Print

«Der Professor wollte meine Jeans öffnen»

Esther Uzar brach nach sieben Jahren ihr Doktorat an der Universität Basel ab, nachdem sie anhaltend sexuellen Übergriffen ihres Professors ausgesetzt gewesen sein soll.

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«Plötzlich stand er auf und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Er ging wieder zu seinem Platz und arbeitete weiter. Ich konnte es kaum glauben. Ich sagte nichts», schreibt Esther Uzar in einem persönlichen Erfahrungsbericht, den sie am Mittwoch als Gastbeitrag in einem Studierenden-Blog veröffentlichte. Sie veröffentlichte den Text unter ihrem richtigen Namen, am Anfang schreibt sie: «Es ist Zeit, zu erzählen.»

Nachdem sie nun schon ein Jahr darüber nachgedacht habe, möchte sie nun mit Namen an die Öffentlichkeit treten. «Die Situation von Betroffenen ist so schwach, weil wir gesichtslose Anonyme sind», begründet sie ihre Motivation dafür gegenüber 20 Minuten am Donnerstag.

Die ehemalige Doktorandin der Universität Basel soll über fünf Jahre sexuellen Übergriffen durch ihren Professor ausgesetzt gewesen sein. Für die Uni, die beide Parteien angehört hat, ist der Fall seit November 2018 abgeschlossen. Der beschuldigte Professor wurde verwarnt, gab seine Leitungsfunktion ab, hält seinen Lehrstuhl aber weiter und betreut auch wieder Doktorandinnen, wie die Universität dem «Tages Anzeiger» bestätigte.

Die Universität bezeichnete bei Telebasel das Vorgefallene öffentlich als «nicht so drastisch». Für Uzar ein Affront.

«Ich sagte Nein. Er küsste mich dennoch. Ich war völlig überrumpelt. (...) Ich ging in mein Zimmer. Ich konnte nicht schlafen. Es gab niemanden, mit dem ich hätte sprechen können.»

Die sexuellen Übergriffe hätten auf einer Forschungsreise im Ausland angefangen. Es seien sexuelle Aufforderungen gefolgt, schreibt Uzar im Blog. Er habe Bemerkungen über ihren Körper gemacht und intime Fantasien geschildert. Er habe gedrängt und jede Zurückweisung ignoriert und sei sogar in ihr Zimmer gekommen. «Er wollte meine Jeans aufmachen. Ich widersprach und schob seine Hände weg», so Uzar.

Auch nach der Forschungsreise hätten die sexuellen Avancen nicht aufgehört: «Er schrieb mir E-Mails. Er rief mich an. Er fragte im Büro, auf Konferenzen, bei Institutsveranstaltungen und bei Besprechung meiner Dissertation», schildert Uzar im Blog.

«Zwölfmal hatte ich den Professor zurückgewiesen. Dann schlief ich mit ihm. (...) Ich schlief einige Male mit ihm. 24 weitere Male sagte ich Nein. Ohne Effekt.»

Im dritten PhD-Jahr habe sich Uzar entschieden, sich vom Institut fernzuhalten. Im Mai 2018 hat sie Beschwerde eingereicht. Die Universität Basel leitete ein Verfahren ein. Ende November 2018 erfährt sie, dass das Verfahren abgeschlossen ist – das Ergebnis wird ihr vorenthalten. Grund: Persönlichkeitsschutz.

Drei Monate später, im Februar 2019, berichtete der «Tages-Anzeiger» über den Fall. Und Uzar erfährt, welche Massnahmen die Universität ergriffen hat: eine schriftliche Verwarnung. Sechs Monate hatte es dafür gedauert.

«Ich empfand so viel Wut, Kränkung, Entwürdigung, Ohnmacht und Enttäuschung. Ich empfand Hass und Schmerz.»

Sie habe sich unendlich geschämt und fünf Jahre mit niemandem über die Geschehnisse gesprochen. Nachdem sie sich im Juni 2017 überwunden habe, habe es bei einem Beratungsgespräch der Uni geheissen: Sie solle die Erlebnisse für sich persönlich aufarbeiten. Es habe schon mehrfach solche Fälle gegeben und nie habe eine Doktorantin das Verfahren gewonnen.

Ein Jahr später beschwerte sich Uzar erneut: Dieses Mal beim Institutskoordinator, der Forschungsdekanin und dem Leiter Human Resources. Und der Professor reagierte mit einer Entschuldigung. In einer Stellungnahme habe er ihr am 24. April 2018 geschrieben: «Wenn die Universität mich rauswirft, und dazu wäre sie berechtigt, muss ich diese Entscheidung akzeptieren und respektieren. Dich trifft keine Schuld. Du bist ein Opfer.»

Eine Woche darauf habe sie die schriftliche Stellungnahme von der Anwältin zugeschickt bekommen. Dann traf sie der Schock: «Er leugnete alles. Es waren sechs Seiten Herabwertungen über mich. Ich stand drei Tage unter Schock. Der Professor hatte seine Stellungnahme nicht allein geschrieben.» Ein Angehöriger des Instituts habe ihm geholfen.

«Da zerbrach etwas in mir. Ich dachte, ich verliere den Glauben in die Menschen.»

Noch einmal habe sie das Gespräch mit dem Institut gesucht. Doch der Geschäftsführer habe abgelehnt und geschrieben: «Ich muss mich auch schützen. (...) Details, wie du sie unten beschreibst, möchte ich nicht kennen.»

Der beschuldigte Professor hat auf eine Anfrage von 20 Minuten für eine Stellungnahme nicht reagiert. Da er zurzeit schweigt, ist seine Version der im Blog geschilderten Vorfälle nicht bekannt. Und bei der Uni hiess es auf Anfrage, an ihrer Haltung zum Fall habe sich nichts geändert, seit der Blog öffentlich sei.

Er soll aber Bereitschaft gezeigt haben, Uzar eine Entschädigung zu bezahlen. Das teilte er selbst gegenüber der Journalistin des «Tages-Anzeigers» mit, die über den Fall berichtet hatte.

Esther Uzar exmatrikulierte sich im Februar 2019 von der Universität Basel und lebt seither im Ausland. Ihr Doktorat hat sie abgebrochen. «Wohin mein Leben führt? Keine Ahnung.»

(mhu)