ICE entgleist

20. Februar 2019 18:46; Akt: 20.02.2019 19:05 Print

«Ich reagierte schnell und drückte die Notbremse»

Ein 55-Jähriger, der bei der Zugentgleisung am 17. Februar in Basel im verunglückten Wagen sass, ist entsetzt: Zwei Notbremsen musste er auslösen, bis der Zug zum Halten kam.

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Die Strecke zwischen Badischer Bahnhof und Basel ist mittlerweile wieder befahrbar. Nur knapp vor einer Betonwand kam ein entgleister ICE am 17. Februar zum Stehen. Ein 55-Jähriger Deutscher betätigte nach der Entgleisung gleich zwei Notbremsen, weil der Zug beim ersten Mal nicht stoppte, wie er gegenüber 20 Minuten erzählt. Der Zug entgleiste am frühen Abend bei der Einfahrt in den Bahnhof SBB. Die Passagiere wurden von SBB-Angestellten evakuiert. So sah der entgleiste Wagon aus. Das Unglück ereignete sich auf der kurzen Strecke zwischen den Bahnhöfen Basel-Badischer Bahnhof und Basel-SBB. Die Passagiere wurden mit einem Ersatzzug nach Basel SBB gebracht. Dort wartet der Sanitätsdienst auf allfällige Verletzte. Insassen warten auf die Evakuierung. Die SBB meldete auf ihrer Webseite eine Zugentgleisung in Basel. Reisenden von Basel SBB nach Basel Bad Bf sollten auf die Tram 1 und 2. ausweichen. Die Trams waren wegen des Vorfalls überfüllt. Die Strecke blieb bis Dienstag gesperrt. Der mit rund 240 Reisenden besetzte ICE 373 war auf dem Weg von Berlin nach Interlaken. Der Triebkopf sowie ein Wagen sprangen aus den Schienen. Ernsthaft verletzt wurde beim Unfall niemand. Die Reisenden wurden am Abend von der Feuerwehr aus dem Zug evakuiert. Nach dem Unfall blieb die Bahnstrecke zwischen der Schweiz und Deutschland in beiden Richtungen gesperrt. SBB entschuldigten sich für die Unannehmlichkeiten. Die Unfallursache ist laut Angaben des baselstädtischen Justiz- und Sicherheitsdepartements unklar. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet. Auch die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) des Bundes nahm Ermittlungen auf. Bereits Ende November 2017 war bei der Entgleisung eines deutschen ICEs in Basel grosser Sachschaden entstanden. Damals waren drei Waggons des Zugs aus Hamburg entgleist.

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Am 17. Februar entgleiste auf der Strecke Badischer Bahnhof–Basel SBB ein ICE. Die Passagiere hatten Glück im Unglück, wie die SBB einen Tag danach kommunizierte. Denn die Lok kam nur wenige Meter vor einer Betonwand zum Stehen. M.V.* sass im Wagen hinter der Lok und zog nur wenige Sekunden, bevor es zum Crash gekommen wäre, die Notbremse. M.V., der die Zug-Strecke München–Bern regelmässig aus beruflichen Gründen fährt, schildert den dramatischen Moment der Entgleisung. «Es hat wahnsinnig gerüttelt, der Zug neigte sich von links nach rechts und es roch nach verbrannten Kabel», erzählt er gegenüber 20 Minuten.

«Die Leute standen teilweise unter Schock.»

Aufgrund seines technischen Berufes sei er mit den Feinheiten der Strecke bestens vertraut. Er ist sich sicher: Im Bereich der Weiche sei der Zug aus dem Gleis gesprungen. «Die anderen Fahrgäste haben nicht reagiert. Die Leute standen teilweise unter Schock», schildert er. Geistesgegenwärtig löste er die Notbremse in seinem Wagen aus. Doch nichts geschah: Der Zug fuhr mehrere hundert Meter weiter, als wäre nichts passiert. «Da wusste ich, dass ich jetzt schnell reagieren muss», erzählt der 55-Jährige.

«Was wäre passiert, wenn ich nicht gedrückt hätte?»

Er sei zur Wagentür gerannt, habe den Glas-Schutz eingeschlagen und eine zweite Notbremse gezogen: Der Zug stoppte. «Dass wir so lange weitergefahren sind, hat mir ehrlich Angst gemacht. Und ich muss die Frage stellen: Was wäre passiert, wenn ich nicht gedrückt hätte?»

Eineinhalb Stunden auf Hilfe gewartet

Wieso die erste Notbremse, die von M.V. betätigt wurde, nicht zum sofortigen Stopp des Zuges führte, kommuniziert die Deutsche Bahn aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht. «Alle ICE-Züge der Deutschen Bahn verfügen über Fahrgastnotbremsen, mit denen der Zug zum Halten gebracht werden kann. Dieses System kann durch den Lokführer überbrückt werden», so ein Bahnsprecher.

Nach dem Not-Halt begann das lange Warten im entgleisten Zug. «Man sagte uns, da wir auf Schweizer Boden seien, könne uns das deutsche Personal nicht aus dem Zug geleiten.» Die SBB bestätigt gegenüber 20 Minuten: «In diesem Fall wurde entschieden, dass die SBB Intervention die Evakuation der Reisenden durchführt.»

«Das ist unverschämt und unprofessionell»

Eineinhalb Stunden, von 21 bis 22.30 Uhr, seien verstrichen, bis die Schweizer Rettungskräfte eintrafen und die Passagiere dabei unterstützten, den Zug zu verlassen. Viele ältere Leute und Eltern mit kleinen Kindern hätten im Zug gesessen und auf Hilfe gewartet. Niemand wurde vom anwesenden Zug- oder Rettungspersonal gefragt, ob jemand verletzt sei oder etwas brauche, beispielsweise ein Glas Wasser. «Das ist unverschämt und unprofessionell», ärgert sich der 55-Jährige.

Untersuchung kann bis zu einem Jahr dauern

Im Bahnhof SBB angekommen, sei lediglich eine Angestellte für die rund 240 Reisenden zuständig gewesen, um die Gestrandeten in Empfang zu nehmen und über Anschlüsse und das weitere Vorgehen zu informieren. «Ich war froh, als ich dann mal um 1.30 Uhr in Bern angekommen bin», so M.V.

Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) des Bundes untersucht zurzeit, wie es zur Entgleisung kommen konnte. Es könne bis zu einem Jahr gehen, bis die Ergebnisse der Ermittlungen kommuniziert werden, so ein Sust-Mitarbeiter am Mittwoch gegenüber 20 Minuten.

*Name der Redaktion bekannt

(jd)