Expertin zu Mobbing-Video

10. Januar 2020 04:48; Akt: 10.01.2020 04:59 Print

«Dieses Video wird nicht mehr verschwinden»

Auf Whatsapp kursiert ein Video, auf dem Mädchen einen Buben bedrängen und schlagen. Solche Videos liessen sich nicht kontrollieren, warnt Simone Brunner von Pro Juventute.

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Frau Brunner, ein Video, das zeigt, wie Mädchen einen Buben bedrängen und tätlich angreifen, wird auf Whatsapp und anderen Social-Media-Plattformen verbreitet. Der Vorfall ist zwar schon fast zwei Jahre her, geht aber jetzt viral. Kennen Sie solche Fälle?
Das ist kein Einzelfall. Das passiert immer wieder, teilweise gehen solche Videos viral, wenn sie frisch sind, aber manchmal auch, wenn sie älter sind. Das ist das Problem, wenn etwas im Netz ist, man verliert man die Kontrolle darüber. Dann passiert genau das. Das wird immer im Netz sein. Das kann für die Betroffenen Konsequenzen haben, auch wenn alles schon ‹vorbei› ist. Indem so etwas öffentlich wird, gerät auch die Täterin auf dem Video in eine Doppelrolle und kann zum Opfer werden.

Was bedeutet das für die Betroffenen?
Für die Betroffenen kann das schwere psychische Folgen haben, wenn ihr Umfeld negativ darauf reagiert. Das kann Folgen für ihre Biografie haben. Dieses Video werden die involvierten Jugendlichen nicht mehr aus der Welt schaffen können. Es kann sein, dass es in der Versenkung verschwindet, aber es kann auch immer wieder auftauchen. Auch für die Täterin kann das verheerende Auswirkungen haben, etwa wenn sie in einer Lehre ist und diese gewalttätigen Seiten von ihr dann zum Vorschein kommen. Man kann es einfach nicht oft genug sagen: Was im Netz ist, bleibt dort für immer. Auch wenn ein Video selbst noch kein Mobbing darstellt, kann daraus sehr schnell Mobbing werden, indem es verbreitet wird.

Sind sich die Teenager der Folgen bewusst, wenn sie solche Videos machen?
Nein, davon ist auch aus entwicklungspsychologische Sicht nicht auszugehen. In diesem Moment, in dieser impulsiven Situation hat niemand an die langfristigen Folgen gedacht. Darum ist es wichtig, dass man Medienkompetenz früh genug und mantrahaft vermittelt. Ein Workshop zu Regeln im Internet in der Schule reicht nicht, damit ist es einfach nicht getan. Es braucht fortwährend Medienkopetenzbildung, die Konsequenzen sind einfach zu gravierend.

Wie können die Betroffenen damit umgehen, wenn so eine Situation eintritt?
Wichtig ist, dass die Betroffenen sich möglichst früh an eine Vertrauensperson wenden, die sie unterstützt und in so einer Situation begleiten kann. Auch die Polizei bietet übrigens anonyme Beratungsgespräche an. Den Betroffenen bleibt aber letztlich nichts anderes übrig als zu akzeptieren, dass dieser digitale Fussabdruck vorhanden ist. Man kann damit an die Öffentlichkeit gehen und Stellung beziehen zum Vorfall und einen Kontext liefern. Im Idealfall ist es ein Lernfeld für viele Jugendliche, die das dann als abschreckendes Beispiel erkennen, mit dem auch Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen arbeiten können.

Was soll man tun, wenn man so ein Video zugeschickt bekommt?
Auch als Zuschauer habe ich eine Verantwortung und muss mir überlegen, was das bedeutet für das Opfer. Darum: Nicht weiterschicken ist ein wichtiger Beitrag zur Schadensverminderung. Und solche Inhalte sollte man auch den Anbietern der jeweiligen Plattformen melden.

(lha)