Strafgericht Basel-Stadt

05. Februar 2019 18:59; Akt: 05.02.2019 19:08 Print

«Abtreibung ist kein Verhütungsmittel, Herr S.»

Wurde T.S.* in der Wohnung eingesperrt, geschlagen und ihr Kind gegen ihren Willen abgetrieben? Am Dienstag standen ihre mutmasslichen Peiniger vor Gericht.

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Der 26-jährige A.S.* und seine 48-jährige Mutter M.S.* mussten sich am Dienstag, 5. Februar unter anderem wegen strafbarem Schwangerschaftsabbruch vor dem Basler Strafgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf den Kosovaren vor, T.S., die ebenfalls 26-jährige Frau von A., in der gemeinsamen Wohnung eingesperrt und ihr Kind ohne ihr Wissen abgetrieben zu haben.

Dabei kamen zum Teil haarsträubende Fakten zu Tage und es wurden schwerwiegende Anschuldigungen laut. Die Eheleute A. und T. hatten über Monate hinweg Geschlechtsverkehr, ohne zu verhüten, obwohl zumindest A. kein Kind wollte. Es stellte sich heraus, dass er auch eine Geliebte hatte, die selbst zweimal abtreiben musste – ebenfalls nach ungeschütztem Sex mit ihm. «Abtreibung ist kein Verhütungsmittel, Herr S.,» sagte Opfervertreterin Béatrice Müller am Rande der Fassungslosigkeit.

Im Herbst 2014 wurde T. dann schwanger. Fest steht, dass das Kind medikamentös abgetrieben wurde. Die genauen Umstände sind aber umstritten. T. sagte aus, dass sie nicht wusste, dass sie schwanger war. Als sie von ihrem Mann zur Gynäkologin gebracht worden sei, habe er das Reden übernommen und die Abtreibung mit der Ärztin arrangiert. Ob er dies eigenmächtig tat oder lediglich für seine nur albanischsprachige Frau übersetzte, blieb ein Streitpunkt.

Ehe unter schlechtem Stern

Staatsanwältin Simone Lustenberger gab zu, dass T. und ihre Familie im Kosovo die Ehe wohl ausnutzen wollten, um T.s Bleiberecht zu sichern, denn A. verfügte bereits über eine Aufenthaltsbewilligung. Jedoch habe sich alles zum Schlechten gewandt. «T. wollte Deutsch lernen und hier arbeiten, nicht in der Wohnung festsitzen und den Haushalt machen», so Lustenberger. Um T.s Gehorsam zu erzwingen, habe die Familie S. der jungen Frau damit gedroht, sie zurück in den Kosovo zu bringen.

In dieser Konstellation kam die Schwangerschaft sehr ungelegen: Für die Staatsanwaltschaft ein klares Motiv, um das Kind loszuwerden. Auch die Verteidiger der beiden Beschuldigten anerkannten die düsteren Umstände der Ehe. Sie sahen allerdings keine Beweise, dass die Abtreibung gegen den Willen oder gar ohne das Wissen von T. vorgenommen worden sei. Zudem hatte sich T. bei ihren Aussagen wiederholt in Widersprüche verstrickt.

«Es ist ein klassischer Fall arrangierter Heirat», konstatierte A.s Verteidiger Christoph Dumartheray. Die Eheleute seien dadurch unter Druck gesetzt worden. Sein Mandant machte gar geltend, von Seiten der Familie seiner Frau bedroht worden zu sein. «Ihr Vater ist ein Kontroll-Freak. So etwas habe ich noch nie erlebt», sagte er.

Das Ende eines leidvollen Kapitels

A. möchte den Fall so schnell wie möglich hinter sich bringen. Und auch T. wird wohl froh sein, wenn die Sache vorüber ist. Trotz denkbar schlechter Voraussetzungen hat es die Kosovarin geschafft, in der Schweiz aus eigener Kraft Fuss zu fassen: Sie hat eine Arbeitsstelle und eine eigene Aufenthaltsbewilligung. «Ich bin stolz auf sie», hielt ihre Vertreterin Müller fest.

Dennoch werde T. mit dem Leid, das ihr widerfuhr, leben müssen. Ungeachtet der Umstände sei der Verlust eines Kindes ein schwerwiegendes Ereignis. Von A. hätte sich Müller zudem irgendeine Gefühlsregung gewünscht, die aber ausblieb. Zum Ende der Verhandlung liess er lediglich eine Entschuldigung für die Schläge ausrichten, die er seiner Frau verabreicht und auch eingestanden hatte.

Die beiden Verteidiger kritisierten auch die lange Dauer des Verfahrens. Es könne nicht sein, dass ein Delikt aus dem Jahr 2014, das weder gross noch komplex sei, erst 2019 verhandelt werde. Die Strafverfolgungsbehörden hätten so lange gewartet, bis objektive Beweise wie elektronische Daten längst weg waren.

Vorerst muss niemand ins Gefängnis

A. und seine Mutter M. sind beide vorbestraft, aber nicht einschlägig. Sollte das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft nachkommen, würden die beiden zu bedingten Freiheitsstrafen 22 respektive 20 Monaten verurteilt.

In dem Fall könnte die Angelegenheit auch teuer für die beiden werden. Müller fordert für ihre Mandantin eine Schadenersatz von rund 1500 sowie eine Genugtuung von 9000 respektive 6000 Franken. Zudem würden ihnen die Verfahrens- und Urteilskosten belastet.

Die Urteilsverkündung ist für Mittwoch, 17 Uhr angesetzt.

*Namen geändert

(lha/las)