Strafgericht BL

17. Juli 2019 16:32; Akt: 17.07.2019 16:32 Print

«Er drückte ihren Kopf runter, wenn sie aufhörte»

Sie wollte eine Ersatzfamilie und soll mit Oralsex gegen ihren Willen dafür bezahlt haben. Die Anklage fordert für den Peiniger des damals minderjährigen Opfers vier Jahre Gefängnis.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein 55-jähriger Deutscher musste sich am Mittwoch, 17. Juli vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten, weil er über Jahre hinweg eine 30 Jahre jüngere Schweizerin, die an einer Entwicklungsstörung leidet, zu Oralsex genötigt haben soll.

Vor dem Dreiergericht beteuerte der Mann seine Unschuld. «Ich war zu der Zeit gar nicht fähig, Sex zu haben», sagte er im Bezug auf seine Diabetes-Erkrankung. Kleine Anstrengungen hätten schon zu Bewusstlosigkeit führen können. Zudem beteuerte er, ohnehin kein sexuelles Interesse an «molligeren Frauen» zu haben.

Auch beklagte er, dass er und seine Familie sehr unter dem Verfahren leiden würden. «Ich werde als Vergewaltiger bezeichnet. Es ist grausam», monierte er.

«Vertrauen aufs Schändlichste ausgenutzt»

Das mutmassliche Opfer, eine heute 26-jährige Baselbieterin, soll im Alter von 17 Jahren erstmals von dem Mann genötigt worden sein. Vor Gericht gab sie an, dass sie in ihrem damaligen Arbeitskollegen eine Vaterfigur sah und bei ihm zu Hause eine Ersatzfamilie suchte.

«Ich habe ihm einfach vertraut», sagte sie. Dieses Vertrauen habe der Beschuldigte «aufs Schändlichste» ausgenutzt, so die Anwältin der Frau. Unter der Drohung, dass er ihre Beziehung zu seiner Familie kappt und in der Angst, dass sie ihre Lehrstelle verliert, habe sie die Handlungen über sich ergehen lassen.

«Er hat ein unsicheres und von Selbstzweifeln geplagtes Mädchen zermürbt», konstatierte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Bewusst habe er eine ausweglose Zwangslage geschaffen, um seine Fantasien zu befriedigen. «Er drückte ihren Kopf herunter, wenn sie aufhörte, ihn oral zu befriedigen», hiess es.

Zweifel an Gutachten

Ein Gutachten attestiert den Aussagen der Frau mit «überwiegender Wahrscheinlichkeit» einen Erlebnishintergrund. Der Verteidiger nahm diese Einschätzung am Mittwoch aber ins Visier und wartete mit einem Gegengutachten auf, das kein gutes Haar an den Methoden des ersten lässt.

Somit baue die Anklage einzig und allein auf der Darstellung der 26-Jährigen auf, die nicht glaubhaft seien, so der Verteidiger. Er taxierte es auch als unrealistisch, dass sich sein Mandant täglich am Arbeitsplatz an der Frau vergangen haben, ohne dass es jemandem aufgefallen sei.

«Es ist bemerkenswert, dass sie nach dem ersten Vorfall, als noch kein Bindung zur Familie meines Mandanten bestand, weiter den Kontakt zu ihm suchte», hob die Verteidigung hervor. Sie forderte einen kostenlosen Freispruch sowie eine Genugtuung von 8000 Franken für den Beschuldigten.

Aussage gegen Aussage

Für die angeklagten Taten, die sich zwischen 2010 und 2012 ereignet haben sollen, gibt es keine Beweise. Auch am Mittwoch blieben etwaige Motive für eine Falschanschuldigung durch das Opfer sowie die sexuelle Leistungsfähigkeit des Beschuldigten Streitpunkte.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren für den Mann. Die Opfervertretung verlangte zudem einen Schadenersatz von 5600 Franken für ungedeckte Behandlungskosten sowie eine Genugtuung von 15'000 Franken.

Nun obliegt es dem Gericht, die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Betroffenen einzuschätzen. Die Urteilsverkündung ist auf Donnerstag, 18. Juli um 11 Uhr angekündigt.

(las)