Brandsätze in Halal-Schlachthof

06. Januar 2020 19:55; Akt: 06.01.2020 19:55 Print

«Es war eine PET-Flasche mit einer Zündschnur»

Beinahe wäre Adrian Lüschers Halal-Schlachthof abgebrannt: Unbekannte hatten sein Firmengebäude mit Brandsätzen angegriffen – wohl irrtümlicherweise.

Der Inhaber des Schlachthofs spricht im Video über die Folgen des versuchten Brandanschlags. (Video: 20 Minuten)
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Am Sonntagnachmittag erreichte Adrian Lüscher die Hiobsbotschaft: Sein Geschäft, ein Halal-Schlachthof in Buckten BL, sei niedergebrannt. So steht es in einem Bekennerschreiben, das auf mehreren linksextremen Plattformen kursiert. Ein Kunde war darauf aufmerksam geworden und hatte es Lüscher zugeschickt.

Das Bild, mit dem das Bekennerschreiben illustriert ist, zeigt ein lichterloh brennendes Industriegebäude. Aber nicht Lüschers Schlachthof: «Ich dachte, das sei Blödsinn», sagt er zu 20 Minuten: «Trotzdem schickte ich einen Arbeiter, um kurz vorbeizuschauen, ob der Betrieb noch steht.»

Mehrere Brandsätze gefunden

Der habe allerdings nichts Auffälliges bemerkt, das Gebäude sei intakt gewesen. Am späteren Nachmittag fanden allerdings die Polizisten mehrere Brandsätze im Innern.

Auf Anfrage bezeichnet Polizeisprecher Adrian Gaugler die Brandsätze als «funktionsfähig». Da diese gemäss der Mitteilung «nicht gezündet wurden», sei kein Schaden entstanden. Mittlerweile wurden die Brandsätze sichergestellt. Mehr will der Sprecher aus «taktischen Gründen» nicht bekannt geben.

PET-Flaschen voller Brandbeschleuniger

Lüscher hat einen der Brandsätze gesehen, die in seinem Schlachthof platziert worden waren: «Es war eine 1,5-Liter-PET-Flasche mit einer Zündschnur. Darin war wohl Brandbeschleuniger.» Das Konstrukt habe sehr improvisiert ausgesehen und offenbar «nicht gezündet».

Den Brandsatz haben die Angreifer laut Lüscher im unteren Teil des Gebäudes platziert, in der Gebindewaschanlage: «Sie sind wohl in der Nacht auf Sonntag ins Gebäude eingedrungen. Vermutlich stand eine Tür offen.»

Für ihn ist klar: «Es wäre verheerend gewesen, hätte es dort angefangen zu brennen.» Zahlreiche leere Plastikharassen stünden rum. Sogar ein Mitarbeiter habe sich zum Zeitpunkt des versuchten Anschlags im Gebäude aufgehalten.

Brandstifter erwischten wohl den Falschen

Das seine Firma Ziel eines Anschlages wurde, kann Lüscher nicht verstehen: «Die Brandstifter waren schlecht informiert.» Im Bekennerschreiben wird Murat Sahin, der Präsident der Union Europäischer Demokraten, einer der türkischen Regierungspartei AKP nahestehenden Organisation, als Inhaber des Schlachthofs genannt. Doch das sei falsch, sagt Lüscher, dem das Geschäft laut eigener Aussage schon seit zehn Jahren gehört. Sahin habe bis vor zwei Jahren lediglich im Verwaltungsrat gesessen und den Verkauf gemacht.

Mit dem Brandanschlag auf die Schlachterei wollten sich die Angreifer laut ihrem Schreiben an Sahin «rächen» – weil er bei der Gewinnung von Mitgliedern für die türkische Regierungspartei AKP in der Schweiz federführend sei und Türken in der Schweiz überwache.

Doch: «Ich habe mit der Familie Sahin überhaupt nichts mehr zu tun», sagt Lüscher. Er habe allen gekündigt, weil er sich politisch von ihnen distanzieren wolle. «Die Kritik diesbezüglich ist berechtigt», sagt er. Auch ihn habe gestört, dass er sich sehr aktiv für die AKP eingesetzt und Propaganda-Anlässe organisiert habe.

«Ich lasse mich nicht einschüchtern»

Für Lüscher ist es deshalb umso unfassbarer, dass seine Metzgerei ins Visier von Extremisten geriet: «Bei mir arbeiten viele verschiedene Kulturen friedlich zusammen, darunter Syrer, Türken und sogar Kurden.» Der Angriff habe ihn schockiert.

Doch das Tagesgeschäft in der Schlachterei lief bereits heute normal weiter: «Von einem so feigen Anschlagsversuch lasse ich mich nicht einschüchtern», so Lüscher. Auch die Angestellten hätten keine Angst, alle seien zur Arbeit gekommen. Trotzdem sagt der Inhaber: «Ich hoffe, dass nie mehr so etwas passiert.»

Mustafa Atici, Basler SP-Nationalrat mit kurdischen Wurzeln, verurteilt den Anschlag: «Gewalt hat in der Schweiz keinen Platz», sagt er: «Wenn man etwas will, soll man mit demokratischen Mitteln dafür kämpfen.»

Es sei Realität, dass die Kurden in der Schweiz unzufrieden mit Erdogan und seiner Regierung seien, so Atici. Ob kurdische Gruppierungen den Angriff zu verantworten hätten, könne er nicht beurteilen: «Ich weiss nicht, aus welcher Ecke die Verantwortlichen kommen.»

Murat Sahin war für 20 Minuten nicht zu erreichen.

(pro)