Hochsaison für Schmuggler?

11. Mai 2015 05:52; Akt: 11.05.2015 11:01 Print

«Grenzkontrollen im Tram sind nicht mehr möglich»

von Chris Stoecklin - Auffahrt steht vor der Tür: Es herrscht Hochkonjunktur für den Einkaufstourismus – und damit auch für den Schmuggel. Ein Sorgenkind ist dabei auch die Tramlinie 8.

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Ein Tram der Linie 8 der BVB fährt zur Zollhaltestelle am Grenzübergang Weil am Rhein Friedlingen. (Bild: Chris Stoecklin)

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Der Einkaufstourismus boomt – doch die Aussicht auf das kommende Auffahrtswochenende sorgt an der Zollanlage Weil am Rhein-Friedlingen an der Hiltalingerstrasse für wenig Begeisterung: «Das macht mir jetzt schon Angst», sagt Patrick Gantenbein vom Schweizer Grenzwachtkorps. Mit dem Fall des Euro-Kurses hat sich die Situation vor einigen Monaten klar verschärft. Kommen dann noch niedrige Benzinpreise und die Mehrwertsteuerrückgabe dazu, zieht das Konsumenten aus allen Ecken der Schweiz an.

Der Zoll in Weil am Rhein ist einer der meist frequentierten Grenzübergänge der Nordwestschweiz. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel tragen zum Chaos am Grenzübergang bei, wie Gantenbein bestätigt: «Die Tramlinie 8 verstärkt den Einkaufstourismus zusätzlich.»

Seit Dezember letzten Jahres ist die Verlängerung der Tramlinie 8 der BVB nach Weil am Rhein in Betrieb. Eine Tramhaltestelle im Zoll ist einzigartig in der Schweiz. Kontrolliert wird im Tram aber nur sporadisch. Für mehr reichen die Personalressourcen der Grenzwache nicht aus. Trotzdem: Bei jeder Kontrolle geht ihnen ein Warensünder ins Netz: «Praktisch alle unsere Stichprobenkontrollen sind ein Erfolg», bestätigt Gantenbein.

Mit 40 Kilogramm Fleisch im Tram unterwegs

Skurrile wie auch offensichtliche Funde sind keine Seltenheit.
«Es ist nicht zu glauben, was die Leute alles mitschleppen», sagt Grenzwächter Gantenbein. Rekordhalter sei bis heute ein Mann, der mit rund 40 Kilogramm Frischfleisch in den Tüten ins Tram stieg und erwischt wurde. Gantenbein bestätigt, dass Schmuggler die Tramlinie 8 hemmungslos nutzen. Der Reaktionsspielraum der Täter sei im ÖV grösser als mit dem Auto. Dies habe unregelmässige Kontrollen zur Folge.

Uniformierte Kontrollen an der Haltestelle seien nur noch zur Präsenzmarkierung vorgesehen. Herrenloses Gepäck mit Schmuggelware sei darum keine Seltenheit. «Meist fahren wir im Tram in zivil Richtung Stadt mit und greifen dann zu», sagt Gantenbein. «Nur so können wir die Täter überführen.» Erschwerend komme dazu, dass die Kontrollen der Grenzwache keinen Einfluss auf die Fahrplanstabilität der BVB haben dürfen. «Grössere Kontrollen an der Haltestelle sind darum bereits von vornherein ausgeschlossen», so Gantenbein. Trotzdem müsse die Grenzwache ihren Auftrag ohne Verzögerung erfüllen.

«Bei vollem Tram keine Kontrollen mehr möglich»

Ein zusätzlicher Faktor ist der Individualverkehr. «Besonders am Wochenende herrscht hier das absolute Verkehrschaos», so Gantenbein. Grund dafür sei der Kreisel rund hundert Meter nach dem Zoll – ein Nadelöhr, das eine Kettenreaktion auslöse: Die Tramlinie führt quer durch den Kreisel. Tramstaus sind vorprogrammiert. Es sei schon vorgekommen, dass sich drei wartende 8er-Trams hintereinander stauten, bestätigt Gantenbein. Und wenn die Autos im Kreisel erst einmal stehen würden, gebe es für das Tram kein Durchkommen mehr.

Dadurch stauten sich die wartenden Menschenmassen an der Tramhaltestelle. «Wenn das Tram dann endlich kommt, ist es innert Sekunden überfüllt. Dann sind keine Kontrollen mehr möglich», sagt Gantenbein. Die Grenzwache habe keine Wahl. Der Verkehr müsse fliessen. Einen zusätzlichen Rückstau zu schaffen sei keine Option.