Neue Drogenwelle

16. Januar 2020 04:41; Akt: 16.01.2020 16:30 Print

«Hohe Dosierung kann lebensgefährlich sein»

Verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel boomen bei Teenagern: In jeder städtischen Gemeinde gibt es Gruppen, die exzessiv konsumieren.

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Wegen exzessivem Konsum von Xanax wurde am Dienstag ein 12-jähriger Gelterkinder Sekundarschüler im Spital behandelt. Der Baselbieter Kantonspolizei ist der Fall bekannt, sie spricht aber von einem Einzelfall. Das mag zwar auf die Schule zutreffen, der Konsum verschreibungspflichtiger Beruhigungmsittel ist bei Teenagern aber längst keine Randerscheinung mehr.

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Hast du schon mal Xanax oder andere verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel konsumiert?

Eine Recherche der «Zeit Schweiz» machte Mitte Dezember erstmals publik, wie verbreitet der Missbrauch von Xanax und Co. in der Schweiz ist. Im Fokus stand eine Unterbaselbieter Clique, deren Freizeit sich um Töffli, Rap, Videospiele und Xanax dreht. Einige der 15-jährigen Schüler waren in einen Einbruchdiebstahl in einer Münchensteiner Apotheke vom Juli 2019 involviert.

Laut der Baselbieter Jugendanwaltschaft gibt es mittlerweile in jeder Agglomerationsgemeinde eine Szene, die exzessiv verschreibungspflichtige Medikamente missbraucht. Das dürfte repräsentativ sein für die ganze Schweiz. Die Teenager beziehen den Stoff von Dealern, aber auch aus dem Internet. Oder von zu Hause. In hunderttausenden Schweizer Haushalten sind Benzodiazepine zu finden. Dort fange der Missbrauch oft an, sagte Jugendanwalt Lukas Baumgartner gegenüber der «Zeit».

Rapper hypen den Missbrauch

«Es gibt da ein Problem», sagt auch Markus Meury, der Kommunikationsbeauftragte von Sucht Schweiz. Der Trend habe sich bereits in der Statistik niedergeschlagen. Gemäss einer Studie hatten 2018 4,5 Prozent der 15-jährigen Jungen und knapp über 4 Prozent der gleichaltrigen Mädchen mindestens einmal Medikamente genommen, um psychoaktive Effekte zu erleben. Vor allem bei den Buben sei eine Zunahme verzeichnet worden zu älteren Erhebungen.

Die zunehmende Verbreitung von Benzos und Co. führt Meury auch auf die Verfügbarkeit zurück. Komme hinzu, dass die Substanzen in zu sein scheinen. Xanax oder Lean, ein mit Sprite gesüsster verschreibungspflichtiger Hustensaft, werden gar von bekannten Rapper wie Raf Camora, RIN oder Hustensaft Jüngling in deren Texten als Partydrogen glorifiziert.

«Nach wenigen Wochen abhängig»

Dabei sind die potenten Medikamente alles andere als ungefährlich. «Benzodiazepine machen schon nach wenigen Wochen abhängig, und eine zu hohe Dosierung kann lebensgefährlich sein», warnt Meury. «Gerade Jugendliche reagieren noch sensibler auf Substanzen.» Denn bei der Hirnentwicklung würden solche Stoffe integriert, weshalb die Suchtanfälligkeit dann auch langfristig stark erhöht sei.

Zudem kann der Konsum gravierende Folgeschäden zeitigen wie Angstzustände und Depressionen oder Leberschäden.

Werden in deinem Umfeld Benzos konsumiert oder konsumierst Du gar selbst? Wir würden gerne mehr darüber erfahren, warum junge Menschen zu rezeptflichtigen Medikamenten greifen, um sich zu berauschen. Wir behandeln alle Angaben vertraulich.

(lha)