Strafgericht BS

21. Januar 2020 04:43; Akt: 21.01.2020 04:43 Print

«Ich bin durchgedreht, weil ich meine Tochter liebe»

Ein Vater musste sich am Montag vor Gericht verantworten, weil er die Pflegefamilie seiner Tochter und Behördenmitglieder in Angst und Schrecken versetzt hat. Er wurde verurteilt.

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Ein 33-jähriger türkischer Staatsangehöriger soll die Behörden terrorisiert haben, nachdem ihm die Obhut über seine Tochter entzogen worden war. Am 20. Januar muss er sich deswegen vor dem Basler Strafgericht verantworten. Dabei muss man wissen: Die Frau des Beschuldigten war bereits verbeiständet. Vier Tage nachdem die gemeinsame Tochter am 25. Januar 2019 zur Welt kam, wurde ihr bereits das Aufenthaltsbestimmungsrecht über das Kind entzogen. Die Gründe dafür gehen nicht aus der Anklageschrift hervor, für die Kindesschutzbehörde war aber offensichtlich klar, dass die Mutter nicht in der Lage sein würde, für ihre Tochter zu sorgen und bestellte ab Geburt eine Beiständin. Am 13. August musste die Polizei wegen dem aggressiven Vater zum Kinder- und Jugenddienst ausrücken, wo er Angestellte anbrüllte und bedrohte. Nur Tage zuvor kletterte er trotz Hausverbot auf das Grundstück der Pflegefamilie seiner Tochter. Auch hier wurde die Polizei gerufen. Seiner Frau, die bei ihrem Beistand die Scheidung vom gewalttätigen Ehemann einleiten wollte, passte er beim Amt für Beistandschaften ab und drohte ihr und ihrem Bruder mit dem Tod. Eine geplante Anhörung bei der Kesb am 21. August eskalierte dann vollends. Insgesamt acht Polizisten waren am Ende aufgeboten worden, um den aggressiven Mann zu bändigen und festzunehmen. Seither befindet sich der renitente Kurde im Untersuchungsgefängnis Waaghof. Ein zweites Verfahren gegen den Mann läuft auch wegen Delikten zum Nachteil seiner Ehefrau. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine unbedingt auszusprechende Haftstrafe über elfeinhalb Monate und einen dreijährigen Landesverweis. «Das öffentliche Interesse überwiegt gegenüber den privaten Interessen des Beschuldigten am Verbleib in der Schweiz», argumentiert die Staatsanwaltschaft. Die Beziehung zu seiner Frau sei problembehaftet, ebenso diejenige zu seinem Kind.

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Einem Kurden (33) wurde am Montag am Strafgericht Basel-Stadt der Prozess gemacht. Der Gerichtspräsident musste über die Frage richten, ob es sich beim Beschuldigten um einen Behördenschreck mit hohem Aggressionspotential oder eben doch lediglich um einen gekränkten Vater handelt, der alles dafür tun würde, seine Tochter wieder zu kriegen.

Das Mädchen wurde der Familie direkt nach der Geburt im Januar 2018, nach vier Tagen Spitalaufenthalt, entzogen. Die Frau des 33-jährigen türkischen Staatsangehörigen hat einen Beistand und sei wegen «gesundheitlichen Problemen» nicht ohne Weiteres in der Lage, die Tochter zu betreuen, wie aus der Gerichtsverhandlung hervorging. Die Kindesschutzbehörde platzierte das Mädchen in eine Pflegefamilie.

Mit diesem Schicksalsschlag kam der Kurde nicht zurecht. Die Anklage der Staatsanwaltschaft zeichnet das Bild eines aggressiven Mannes, dem jegliche Impulskontrolle fehlt. Während eines Zeitraums von zehn Tagen im August 2019 tickte er mehrfach aus. Angeklagt war der Mann, der 2016 in die Schweiz kam und ein Asylgesuch stellte, unter anderem wegen mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, Hausfriedensbruch und Beschimpfung.

Drohte, Kind mitzunehmen

Opfer seiner Ausbrüche waren die Pflegefamilie seiner Tochter, der Kinder- und Jugenddienst (KJD) Basel-Stadt und die Basler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). «Ich habe mich als Vater emotional und psychisch verletzt gefühlt. Ich habe geschrien und Fehler gemacht», gab der 33-Jährige am Montag zu.

Nachdem er während eines Besuches, mit seiner Tochter ins Auto stieg und der Pflegemutter drohte, er würde das Kind mitnehmen, sistierten das Kinderheim sein Besuchsrecht und sprach ein Hausverbot für das Areal der Pflegefamilie aus. Dies schien er nicht zu verkraften. Ein paar Tage darauf stieg er, weil das Gartentor mit zwei Schlössern gesichert war, über die Mauer auf das Grundstück der Pflegefamilie un machte Radau. «Ich war sehr wütend», so der Mann. Die Pflegemutter sagte vor Gericht aus, dass sie in diesem Moment «extreme Angst» gehabt habe.

Während Terminen mit dem KJD und der Kesb eskalierte es dann vollends. «Ich stecke es euch in eure Fotze. Ich seid alle ehrenlos», soll er auf türkisch geschrien haben. Ein Termin mit der Kesb artete derart aus, dass drei Polizisten nicht in der Lage waren, ihm Handschellen anzuziehen. Am Prozess verteidigte er sich: «Ich hatte niemals eine böse Absicht. Das ist passiert, weil ich zu wenig Informationen über den Verbleib meiner Tochter hatte.»

Kesb wollte nur das Beste

Dieser Meinung war auch sein Verteidiger. Die Behörden hätten seinen Mandanten an der kurzen Leine gehalten. Für den Vater sei es immer nur um sein Kind gegangen. Der Gerichtspräsident stellte dies in Abrede. «Die Kesb hat nichts anderes versucht, als die Interessen des Kindes zu wahren. Das hat der Beschuldigte noch nicht wirklich verstanden», so der Gerichtspräsident.

Er verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten. Aus dem vorzeitigen Strafvollzug wird der Familienvater entlassen. Weil er die Pflegefamilie mit Arschloch beschimpft hat, muss der Kurierfahrer 15 Tagessätze à 30 Franken bezahlen. Für eine zerstörte Fensterhalterung zudem eine Busse von 100 Franken berappen. Der Landesverweis, den die Staatsanwaltschaft beantragt hatte, lehnte das Gericht ab.

Er habe jeweils «sehr aggressive Auftritte mit Geschrei und Beleidigung» an den Tag gelegt, begründete der Gerichtspräsident das Urteil.

(jd)