Basel

26. November 2018 18:54; Akt: 26.11.2018 18:54 Print

«Ich habe Glück, dass ich noch beide Augen habe»

Mehrere Demonstranten wurden am Samstag von Gummigeschossen im Gesicht getroffen. Einer erhebt schwere Vorwürfe an die Polizei, doch diese rechtfertigt sich.

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Die Polizei hielt am 24. November im Rahmen der Demonstration gegen Rechtsextreme Reizstoff und Gummigeschosse bereit. Kritisiert wird, dass die Beamten auf die Gesichter der Demonstrierenden gezielt hätten. Nur um Milimeter verfehlte ein Geschoss das Auge von Federico R. Auf Facebook postete er das Geschoss, das ihn verletzte. Um 14 Uhr hatten am Samstag Rechtsradikale um die Partei National Orientierter Schweizer (Pnos) auf dem Basler Messeplatz gegen den UN-Migrationspakt demonstrieren wollen. Bereits um 13 Uhr begann aber ein zahlenmässig überlegener Auflauf von Gegendemonstranten. Kurz kamen sich die Gruppierungen sehr nahe. Die Polizei schritt kurz darauf ein und trennte die Gruppen, um eine Konfrontation zu verhindern. Polizisten in Vollmontur schirmten die Rechtsradikalen vor den Gegendemonstranten ab. Der zahlenmässig unterlegene rechte Aufmarsch wurde in einer Ecke des Messeplatzes isoliert. Die Polizei schirmte die Demonstranten ab. Die Gegendemonstranten machten vor der Polizeisperre ihrem Unmut über die rechtsradikale Kundgebung Luft: Sie skandierten Parolen wie «Basel nazifrei» und «Es gibt kein Recht auf Nazi-Propagande». Die Gegendemonstranten, deren Aufmarsch am Messeplatz nicht bewilligt wurde, waren breit durchmischt. Es gab radikale Elemente unter ihnen, viele waren aber dort, weil sie Rechtsextremen keinen Raum in ihrer Stadt lassen wollten. Die Gegendemonstranten wollten keine Rechtsradikalen in der Stadt. Gegen 14 Uhr knallte es unter dem Messeturm. Eine Person ging zu Boden. Sie wurde vor Ort zusammen mit weiteren Demo-Teilnehmern angehalten. Die Gegendemonstration verschob sich in Richtung Rosentalanlage. Auch hier machte die Polizei dicht. Die Gegendemonstranten hissten ein Transparent am Messeparkhaus. Zwischenzeitlich begann die Pnos-Kundgebung auf der anderen Seite des Messeturms an der Mattenstrasse. Die rechten Exponenten kamen gegen nach 14 Uhr doch noch zu ihrer Kundgebung. Die Gegendemonstranten versuchten, sich der Pnos-Kundgebung von der anderen Seite zu nähern, kamen aber an der Polizei nicht vorbei. Die Lage war bis anhin ruhig geblieben. Die Polizei hatte die Mattenstrasse von beiden Seiten abgeriegelt. Gegen 16 Uhr eskalierte die Lage kurz auf der Seite der Rosentalanlage der Mattenstrasse. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Reizstoff ein, die Gegendemonstranten warfen Steine und Bierdosen. Wieso es dazu kam, ist derweil noch unklar. Gummigeschosse und Bierdosen lagen auf der Strasse. Mehrere Gegendemonstranten wurden verletzt, mindestens zwei im Gesicht. Zuvor war es abseits des Brennpunkts zu einer Auseinandersetzung gekommen, bei der zwei rechte Demonstranten verletzt wurden. Mehr Gummigeschosse am Boden. Die linke Kundgebung versuchte mit Sprechchören, die rechte Kundgebung zu übertönen und zu stören. Gegendemonstranten hatten versucht, eine Barrikade zu errichten, um zu verhindern, dass die rechten Demonstranten die Örtlichkeit verlassen können. Der Polizei gelang es dennoch, die von der Pnos mobilisierten Anwesenden heraus zu schmuggeln. Ein Polizeihubschrauber verfolgte die Lage aus der Luft. Skurrile Szene: Nachdem sich die Gegendemonstration an der Mattenstrasse weitestgehend aufgelöst hatte, posierten Teilnehmer mit einer Pyramide eingesammelter Gummigeschosse.

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Als die Demonstration am 24. November beim Basler Messeplatz zu eskalieren drohte, stellte sich Federico R.* schützend vor seine Kollegin. Sekunden später wurde er von einem Gummischrot-Geschoss am Auge getroffen. «Wir waren in der vordersten Reihe, als die ersten Schüsse fielen», erzählt der 34-Jährige. Von der Seite habe ihn ein Polizist im Gesicht getroffen.

«Ich habe Glück, dass ich noch beide Augen habe», sagt er zwei Tage danach. Es sei unverantwortlich, dass die Polizei Verletzte in Kauf genommen habe. Das Projektil, das ihn verletzte, trage er nun bei sich. Als Beweisstück habe er es mit dem Datum versehen und werde bald bei der Polizei vorsprechen. «Dort lasse ich mich beraten, ob es sinnvoll ist, eine Anzeige einzureichen», sagt er.


Die Polizei setzt Gummischrot gegen die Gegendemonstranten ein (Video: las)

«Ich bin kein Chaot», stellt der Barkeeper richtig. Mit Politik habe er nicht viel am Hut, doch die Ansichten der Pnos, die an jenem Samstag eine bewilligte Kundgebung abhielt, könne er nicht teilen.

«Auge war riesig, richtig aufgequollen»

Im Rahmen der Demonstration wurde eine weitere Person am Auge verletzt und lag für mehrere Minuten bewusstlos am Boden. «Ich eilte dem Mann zu Hilfe», so Grossrätin Toya Krummenacher (SP). Laut Aussagen seines Umfeldes sei auch er Opfer von Gummischrot geworden, das aus kurzer Distanz und Kopfhöhe abgefeuert wurde. «Sein Auge war riesig, richtig aufgequollen, es sah sehr schlimm aus», so Krummenacher.

Auf Twitter wird der Gummischrot-Einsatz kontrovers diskutiert. Bürgerliche Politiker haben Verständnis für den Mitteleinsatz der Polizei. Diese solle sich wehren können, wenn sie angegriffen werde. «Antifa-Aktivisten verteilen ja selten Handküsse und Rosen», so SVP-Grossrat Joël Thüring.

Die Kritik scheint berechtigt: In der Vergangenheit verlor ein Fussball-Fan sein Augenlicht, weil er als Unbeteiligter während Krawallen in die Schusslinie eines Polizisten geriet.

In Deutschland wird die Munition mittlerweile nur noch in den Bundesländern Hessen und Sachsen eingesetzt. Im Rest der Republik wird darauf verzichtet, da die Verwendung von Gummischrot mit einem zu grossen Risiko einhergeht. Ebenso in Österreich und einem Grossteil Skandinaviens.

Journalist Renato Beck twitterte dazu:


Kommandant erklärt Gummigeschoss-Einsatz

Zu Gummischrot werde erst gegriffen, wenn die Polizei weder mit Dialog noch mit Deeskalation weiterkomme, erklärt Martin Roth, Polizeikommandant Basel-Stadt. «Gummigeschosse haben sich in den Einsätzen der Kantonspolizei Basel-Stadt als am ehesten geeignetes Einsatzmittel erwiesen», so Roth. Alternativen wie zum Beispiel Schlagstöcke seien weniger geeignet.

Es handle sich zudem um ein trügerisches Bild, was das Zielen auf Kopfhöhe anbelange. «Die Polizisten schiessen aufgrund der starken Flugkurve der Gummigeschosse etwas höher, um letztlich Körper und Beine zu treffen», so der Polizeikommandant. Für Aussenstehende sehe es darum so aus, als werde auf Köpfe gezielt. Die Beamten könnten die Flugkurve der Gummigeschosse jedoch sehr wohl einschätzen.

* Name der Redaktion bekannt

(jd)