Kinder und Karriere

04. September 2018 05:40; Akt: 04.09.2018 12:45 Print

«Ich kann auch noch mehr als nur Mutter sein»

Saskia Müller (30) sucht eine Ausbildungsstelle. Bisher hat sie nur Absagen bekommen. Potentielle Arbeitgeber befürchten, dass die vierfache Mutter wegen der Kinder nicht flexibel genug ist.

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Schon 43 Bewerbungen hat Saskia Müller geschrieben – bisher ohne Erfolg. Die 30-Jährige hatte vor 11 Jahren eine Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit begonnen. Als sie schwanger wurde, brach sie die Ausbildung ab und entschied sich dazu, zuerst eine Familie zu gründen.

Nun hat die Baslerin vier Kinder und möchte sich wieder ihrer Karriere widmen. Sie träumt von einer Ausbildung im Gesundheitssektor. An Motivation mangelt es der jungen Frau nicht. «Ich bin sehr gerne Mami. Aber ich kann auch noch mehr als nur Mutter sein», ist sie überzeugt.

«Ich möchte etwas erreichen»

«Ich möchte für mich selbst etwas erreichen und auch anderen helfen», so Müller. Sie hofft, als Fachfrau für Bewegung und Gesundheit ihre eigenen Erfahrungen teilen zu können. «Ich habe selbst 60 Kilo abgenommen und das Thema Bewegung und Ernährung für mich entdeckt», sagt sie.

Ihre Kinder würden einer Ausbildung nicht im Weg stehen. «Die älteren wären bis 18 Uhr versorgt, für die Kleinste sollte sich eine Kita oder eine Tagesmutter finden», sagt sie mit Zuversicht. Unterstützung erhält sie von ihrem Partner, der im gleichen Haus arbeitet, in dem die Familie wohnt. Auch ihre Freundinnen seien bereit, die Familie bei der Kinderbetreuung zu unterstützen.

«Arbeitgeber fürchten häufige Fehlzeiten»

Bei Arbeitgebern scheinen die Vorurteile gegenüber Müttern jedoch zu überwiegen. Auf ihre Bewerbungen um eine Lehrstelle hat Müller bisher nur Absagen erhalten. «Die Begründung war meist, dass ich mit vier Kindern zu unflexibel sei. Sie sagten, es sei ihnen zu heiss, da ich oft fehlen würde, wenn zum Beispiel ein Kind krank ist», so die 30-Jährige enttäuscht.

Bei der Berufsberatung des Kantons habe man ihr davon abgeraten, eine Lehre zu machen. «Ich wurde dort top beraten. Aber sie sagten mir, dass die Chance auf einen Ausbildungsplatz gleich null sei», erzählt sie. Die Ablehnung trifft die junge Mutter. «Man fühlt sich wertlos», sagt sie.

Familiäre Situation darf kein Grund für Ablehnung sein

Die Berufung auf die Kinder im Zusammenhang mit der Ablehnung einer Lehrstelle ist laut Gleichstellungsgesetz unzulässig. Dies bestätigt Leila Straumann, Leiterin der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern des Präsidialdepartements Basel-Stadt. «Im Fall einer diskriminierenden Stellenabsage, welche aber von der bewerbenden Person nachgewiesen werden müsste, kann keine Anstellung erzwungen werden, unter Umständen jedoch eine Entschädigung verlangt werden», so Straumann auf Anfrage.

Generell arbeiten Mütter von jüngeren Kindern in der Schweiz meist in einem sehr geringen Pensum: Rund 90 Prozent der Mütter arbeiten nach dem Wiedereinstieg in die Erwerbstätigkeit Teilzeit. Ihr durchschnittlicher Beschäftigungsgrad beträgt 35 Prozent. «Nahezu ein Viertel der Mütter, die mit einer Teilzeitbeschäftigung wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen, würden gerne das Pensum erhöhen», sagt Straumann.

«Arbeitgeber versuchen, Mütter zu integrieren»

«Die Vereinbarung von Familie und Beruf ist auch bei Arbeitgebern ein grosses Thema», sagt Frank Linhart vom Arbeitgeberverband Basel. «Grundsätzlich versuchen Arbeitgeber heute, alles Mögliche zu tun, um Mütter zu integrieren.» Dabei gehe es nicht nur ums Image. «Studien zeigen, dass Vielfalt in einem Betrieb wichtig ist. Es ist nachgewiesen, dass ein vielfältiges Team besser funktioniert.»

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(lb)