Strafgericht BS

05. Februar 2018 18:22; Akt: 06.02.2018 07:53 Print

«Ich wachte nackt und ohne Erinnerungen auf»

von Jeanne Dutoit - Ein 25-Jähriger stand wegen Schändung, Diebstahl und illegaler Einreise vor Gericht: Er soll eine betrunkene Frau missbraucht und bestohlen haben. Doch das Gericht sprach ihn frei.

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Der Beschuldigte die Frau im Club 59 kennen. Am Montag sass er wegen Schändung vor Gericht. (Bild: Google Street View)

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Kurz nach seiner illegalen Einreise in die Schweiz begab sich der Angeklagte (25) am 3. Februar 2017 in den Club 59. An der Bar traf der Kosovare auf eine 40-jährige Frau, der er grosszügig Shots spendierte. Während er das Kennenlernen vor dem Strafgericht Basel-Stadt als erotisch aufgeladene Geschichte darlegte, war ihre Version des Abends eine andere. «Nach dem zweiten Likör merkte ich, dass etwas nicht stimmt. Ich habe meine Beine fast nicht mehr gespürt und wollte sofort nach Hause», sagte sie am Montag vor der Dreierkammer.

Sie könne sich noch daran erinnern, dass sie dem spendablen Fremden gesagt habe, dass er ihr ein Taxi nach Riehen bestellen solle. Er habe geantwortet habe, man könne sich ja ein Fahrzeug teilen. «Nachher weiss ich nichts mehr», so die Frau.

Keine K.o.-Tropfen, aber Alkohol im Blut

Am nächsten Morgen kam der Schock: «Ich wachte auf – nackt. Ich schlafe nie nackt, im Winter immer mit Wollsocken und Pyjama.» Zudem bemerkte sie, dass die Kamera, die sie am Abend zuvor für den Urlaub mit ihrem Freund bereit gelegt hatte, verschwunden war – ebenso wie eine goldene Omega-Uhr, eine wertvolle Tasche und Bargeld. Sowohl die Wohnungstüre als auch die Haustüre standen offen. Was passiert war, konnte sie sich nicht erklären: «Ich hatte diese Lücke.»

Als sie den Diebstahl Stunden später anzeigte, wurde sie untersucht. Das Gutachten ergab, dass sie ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Um allfällige K.o.-Tropfen im Blut nachzuweisen, war es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät. Ein Alkoholtest verlief positiv und liess darauf schliessen, dass sie am Vorabend zwischen 2 und 4 Promille intus gehabt haben muss.

Schändung oder einvernehmlicher Sex?

Der Beschuldigte will vom schlechten Zustand seines Gegenübers nichts mitbekommen haben. «Sie war zu keinem Zeitpunkt besoffen. Ich dachte sie ist voll dabei», gab er an. In der Wohnung habe sie ihn verführerisch angeschaut und sexy Bewegungen gemacht. Der anschliessende Sex sei wild gewesen, so der 27-Jährige. «Wir hatten eine schöne Zeit, haben viel gelacht. Als ich ging, brachte sie mich zur Türe.»

Das Gericht sprach den Mann aufgrund mangelnder Beweise vom Vorwurf der Schändung und des Diebstahls frei. Es hielt den Finger auf Ungereimtheiten im Aussageverhalten der Frau. Videos des Clubs zeigen die beiden eng umschlungen auf der Tanzfläche. Die Bilder wurden gemacht, bevor der Beschuldigte ihr Shots servierte. Am Prozess wollte sie sich nicht an diese Szenen erinnern. «Aber als ich sie heute gefragt habe, wann ihre Erinnerungslücke beginnt, sagte sie klar nach der Likör-Einnahme», kommentierte der Richter den Widerspruch.

«Zu viele Fragezeichen»

Auch existieren Aufnahmen, die zeigen wie sie das Lokal «Arm in Arm und zügigen Schrittes» verlassen, so der Richter. Bilder, die den Aussagen der Frau widersprechen. «Wir können nicht ausschliessen, dass sich die angeklagten Tatbestände wirklich zugetragen haben. Aber für einen Schuldspruch tauchen zu viele Fragezeichen auf», so der Richter.

Schuldig gesprochen wurde der mehrfach vorbestrafte Kosovare, der seit rund fünf Monaten in Haft sitzt, wegen illegaler Einreise in die Schweiz. Zudem wurde er drei Jahre des Landes verwiesen.