Interview

15. Juli 2019 02:50; Akt: 15.07.2019 02:56 Print

Sterbehelferin würde Frau nicht mehr begleiten

Erika Preisig begleitete vor drei Jahren ein psychisch kranke Frau in den Tod. Heute würde sie anders handeln.

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Am 9. Juli verkündete das Strafgericht Basel-Landschaft das Urteil über die Ärztin und Freitodbegleiterin Erika Preisig. Hier im Bild: Preisig vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz nach dem zweiten Verhandlungstag. Die Staatsanwaltschaft hat die prominente Baselbieter Ärztin angeklagt. Ihre Patientin sei nicht urteilsfähig gewesen, als sie den Sterbewunsch äusserte. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten. Das Gutachten beruht allerdings einzig auf Patientenakten der Verstrorbenen. Der begleitete Freitod fand im Juni 2016, ärztlich überwacht, in einem Sterbezimmer in Liestal statt. Das Schlafmittel Natrium-Pentobarbital verabreichte sich die Sterbewillige über eine Infusion. Hier aufgenommen bei der Sterbehilforganisation Exit in Zürich. Im Kanton Basel-Landschaft ist es das erste Mal, dass eine Sterbehelferin, wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt ist. Der Prozess wird daher auf grosses Interesse stossen. Das Urteil wird am 9. Juli gesprochen. Erika Preisig und ihre Sterbehilfe-Organisation «Eternal Spirit» sind über die Landesgrenze hinweg bekannt. Der australische Botaniker David Goodall kam nach Basel, um mit Hilfe der Organisation zu sterben. Die Sterbebegleitung des 104-jährigen erhielt grosses Medienecho. Der 104-Jährige empfing am 9. Mai 2018, dem Tag vor seinem Tod, in Basel die internationale Presse. Er hoffte, mit der Publizität eine Debatte in Australien auszulösen, die dort bestenfalls zur Legalisierung der Sterbehilfe führen würde. In Spitälern ist Sterbehilfe noch ein Tabu in der Schweiz. Ausser in der Waadt, Genf und Neuenburg müssen Exit und Co. draussen bleiben. Die Baselbieter Regierung prüft nun eine Praxisänderung, die Spitäler und Altersheime unter bestimmten Voraussetzungen zur Kooperation mit Sterbehilforganisationen verpflichten würde.

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Die im Baselbieter Sterbehilfeprozess teilweise schuldig gesprochene Ärztin Erika Preisig würde laut eigener Aussage die betroffene Todespatientin heute nicht mehr begleiten. Trotzdem plädiert sie dafür, den Todeswunsch von psychisch Kranken ernst zu nehmen.

«Könnte ich zurück zu den Tagen vor der Begleitung, ich würde die Frau nicht mehr begleiten», erklärte die vom Prozessstress gezeichnete Preisig in einem am Montag veröffentlichten schriftlich geführten Interview mit den Tamedia-Zeitungen. «Nie mehr darf das Schicksal eines anderen Menschen zu meinem werden.»

Eine Anklage gegen sich hätte sie nur verhindern können, wenn sie der psychisch kranken Frau die Hilfe versagt hätte und damit das Risiko, dass sie sich durch einen Sprung vom Balkon suizidiert, eingegangen wäre, schrieb Preisig.

Psychisch Kranke problematisch

Sie fordert eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe. Die neuen Richtlinien der Schweizerischen Akademie für Medizinische Wissenschaften sollten ihrer Meinung nach Gesetz werden.

Preisig räumte ein, dass die Sterbebegleitung von psychisch Kranken weiterhin problematisch bleibe. Psychiatrisch kranke Patienten seien in Bezug auf einen Todeswunsch benachteiligt. Psychiater hätten Mühe, einen Todeswunsch als rationale Entscheidung zu akzeptieren. Für diese scheine ein Todeswunsch immer Zeichen einer Depression zu sein.

Schuldig wegen Medikamentenabgabe

Die 61-Jährige hatte 2016 in Liestal BL eine psychisch kranke Frau in den Tod begleitet, ohne zuvor ein unabhängiges Fachgutachten zu deren Urteilsfähigkeit einzuholen. Die Staatsanwaltschaft liess nach dem Tod der Patientin ein Aktengutachten erstellen, und dieses attestierte der Verstorbenen eine schwere Depression; sie sei nicht urteilsfähig gewesen.

Das Baselbieter Strafgericht verurteilte Preisig am vergangenen Dienstag wegen Verstössen gegen das Heilmittelrecht zu 15 Monaten bedingt und 20'000 Franken Busse. Die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Freiheitsstrafe wegen vorsätzlicher Tötung in mittelbarer Täterschaft gefordert. Der Verteidiger hatte auf Freispruch plädiert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Prozess um die Freitodbegleitung warf hohe Wellen. Zahlreiche Menschen äusserten ihre Solidarität mit der Sterbehelferin und ermunterten sie, sich weiter für ein Recht auf selbst gewähltes Sterben einzusetzen. Kritiker dagegen warfen Preisig Eigenmächtigkeit vor.

(roy/sda)