Attacken auf Juden in Basel

17. November 2019 11:54; Akt: 17.11.2019 18:22 Print

«Ihr habt das Messer schon lange am Hals»

Im Herbst 2018 wurden mehrere Attacken auf eine jüdische Metzgerei in Basel verübt. Nun liegt die Anklageschrift gegen den mutmasslichen Täter vor. Sie zeichnet ein verstörendes Bild.

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Das jüdische Geschäft wurde zwischen dem 17. September und dem 21. Oktober 2018 mehrfach beschädigt, wodurch die jüdische Bevölkerung der Stadt verängstigt wurde.

Der Präsident der attackierten Metzgerei befürchtete ein rassistisches Motiv, der Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds sprach von einem der «gravierenderen Vorfälle des Jahres». Hatte es ein Antisemit auf die Juden in Basel abgesehen?

Verdächtiger verhaftet

Am 22. November vermeldete die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, dass ein Verdächtiger festgenommen wurde. Ein damals 37-jähriger, in Basel wohnhafter Deutscher sei unter dringendem Tatverdacht gestanden.

Von einem rassistischen Motiv gingen die Behörden damals nicht aus. «Der Mann hat vermutlich ein persönliches Problem», sagte ein Sprecher zu 20 Minuten. Genaueres war bis jetzt nicht bekannt.

Sachbeschädigung ist eines der harmloseren Delikte

Nun liegt die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft gegen den Beschuldigten beim Strafgericht Basel-Stadt vor. Neben der Sachbeschädigung, mit der der Mann Angst verbreitet haben soll, werden ihm zudem mehrfache Drohung, Nötigung, mehrfache Beschimpfung sowie mehrfache Tätlichkeit vorgeworfen.

Aus der Anklage geht ebenfalls hervor, dass sich viele der Attacken gegen Juden in Basel richteten, nicht nur gegen die Metzgerei. So soll der Beschuldigte verschiedene jüdischgläubige Personen auf der Strasse beleidigt, genötigt und sogar tätlich angegangen haben. Teilweise zeigte er auch den Hitlergruss. Weiter soll er eine Glasflasche gegen die Fassade der Synagoge in Basel geworfen und an deren Seitentüre uriniert haben.

Ging es um eine Frau?

Auf den ersten Blick ergibt sich das Bild eines antisemitischen Täters. Vor den physischen Attacken soll der Beschuldigte einen Juden via Textnachrichten aufs Übelste bedroht und beleidigt haben, wie einem Auszug aus den Nachrichten zu entnehmen ist. «Ihr versteht nicht, dass ihr das Messer schon lange am Hals habt», habe er geschrieben. Weiter habe er dem Opfer mit sexuellen Übergriffen auf dessen Kinder gedroht.

In den Nachrichten, wie sie in der Anklageschrift aufgeführt sind, ist immer wieder die Rede von einer Frau, die vom Opfer und von anderen Juden respektlos behandelt worden sein soll. Der Beschuldigte, sofern es seine Nachrichten sind, nannte diese nicht näher bestimmte Frau «meine».

Der Beschuldigte könnte aus der Gemeinschaft stammen

Es gibt eine Reihe von Hinweisen, die darauf hindeuten, dass der Beschuldigte selber jüdischer Abstammung sein könnte: Wie die Staatsanwaltschaft die Sachverhalte beschreibt, kannte er zumindest einige seiner Opfer gut genug, um sie auf der Strasse als Juden zu identifizieren. Das via Textnachrichten bedrohte Opfer soll er so gut gekannt haben, dass er wusste, wie dessen Kinder heissen.

Auch der Nachname des Beschuldigten ist unter europäischen Juden weit verbreitet. Es ist also zumindest denkbar, dass es sich bei dem Mann um ein ehemaliges Mitglied der jüdischen Gemeinschaft handelt, das wegen eines Disputs im Streit mit ihr liegt, der vergangenes Jahr strafrechtlich relevant eskalierte.

Wie viel Alkohol war im Spiel?

Ob der Beschuldigte, wenn er es denn war, die bedrohlichen Nachrichten in voller Beherrschung seiner Sinne geschrieben hat, könnte fraglich sein. Zumindest die Rechtschreibung lässt daran zweifeln. Laut der Anklage ist der Mann dem Alkohol zumindest nicht abgeneigt.

Nach seiner ersten Verhaftung im November 2018 wurde er am gleichen Tag wieder freigelassen. Am 23. März 2019 fand er sich jedoch wieder in Haft, weil er mehrfach angetrunken in seiner Wohnung gewütet und «verschiedenste Gegenstände» aus dem Fenster im fünften Stock auf die Strasse geworfen haben soll.

Wieder freigelassen, wieder verhaftet

Die Behörden liessen ihn jedoch wieder laufen. Daraufhin soll er wieder delinquiert haben, unter anderem wieder gegen Juden. Weiter wird ihm vorgeworfen, im Mai bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken viermal einen Fehlalarm ausgelöst zu haben. Ob er dort zur Behandlung war, geht aus der Schrift nicht hervor.

Zuletzt verhaftet wurde er am 21. Juni 2019 und war seit dann bis zur Einreichung der Anklage beim Gericht in Haft. Die Hauptverhandlung gegen den heute 38-Jährigen beginnt am 18. November.

(las)