Ärger mit Sozialhilfe Basel

02. Januar 2017 17:18; Akt: 02.01.2017 17:28 Print

«Irgendwann wird jemand erfrieren»

Für die Basler Sozialhilfe ist das Soup & Chill zu grosszügig mit Kostengutschriften für die Notschlafstelle: Nun hat sie dem Verein ein knappes Kontingent auferlegt.

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Seit Dezember darf das Soup & Chill pro Monat nur noch 30 Kostengutschriften für die Basler Notschlafstelle verteilen. Für die bis zu 150 Bedürftigen, die das Lokal regelmässig aufsuchen, ist das zu wenig. Wie die «Tageswoche» berichtet, müsse die Hilfsorganisation, die Bedürftigen warme Mahlzeiten serviert, nun viele ihrer Klienten zurück auf die Strasse schicken.

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Hintergrund des Konflikts zwischen Soup & Chill und der Sozialhilfe ist eine Kontingentierung der Bons für Übernachtungen in der Notschlafstelle. Demnach soll die Institution zu grosszügig mit den Kostengutschriften umgegangen sein und diese wiederholt jungen Rumänen und Slowaken, die als Arbeitsmigranten in die Schweiz kamen, abgegeben haben. Dies habe zu «gruppenspezifischen Problemen und Ängsten» geführt, erklärt Nicole Wagner, Leiterin der Sozialhilfe, auf Anfrage. So habe Soup & Chill Anfang Dezember bereits 98 Gutschriften verteilt, zehn Tage später waren es gar 194. Da trotz einer Mahnung seitens der Sozialhilfe ein Anstieg erfolgt sei, habe man «die Reissleine gezogen».

«Das ist unmenschlich und gefährlich – irgendwann wird jemand erfrieren», klagte Claudia Adrario de Roche, Präsidentin von Soup & Chill, gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Auf Unverständnis stösst die Beschränkung des Kontingents durch die Sozialhilfe vor allem deshalb, weil die von ihr betriebene Notschlafstelle offenbar nicht voll ausgelastet ist. So seien seit Heiligabend nie mehr als 43 der verfügbaren 63 Betten belegt gewesen.

Angst vor «Sogwirkung»

Die Sozialhilfe befürchtet, dass sich die Grosszügigkeit herumspricht. Die Folge sei ein «Notschlaf-Tourismus» ausländischer Wanderarbeiter, die in Basel auf der Suche nach einer Stelle sind. Diese Sogwirkung wolle man vermeiden. Ansonsten könne die Notschlafstelle ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen und müsse notleidende Basler abweisen, erklärt Amstleiterin Wagner.

Dass Betten frei bleiben, dementiert sie nicht. Die Notschlafstelle halte vor Mitternacht immer Plätze für Notfälle frei, da die Fluktuation von Bedürftigen sehr hoch sei. Zudem versuche man, eine Vollauslastung zu vermeiden, da sich bei dieser wegen den knappen räumlichen Verhältnissen «Friktionen» wegen Lärmbelastung und beschränkter sanitärer Kapazität ergeben würden.

Adrario sieht die Begründung des Sozialamts lediglich als Ausrede. «Wir verteilen die Bons nur bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und selektiv an Menschen in schlechtem körperlichen Zustand», erklärt sie auf Anfrage. Das Argument mit der Sogwirkung hält sie zudem für «absurd».

Problematische Klientel

Sie bestreitet nicht, dass sogenannte Arbeitsmigranten Gutscheine erhielten. «Sie sind nun mal da», sagt Adrario. Die Türe zuzumachen und die Leute draussen zu halten sei keine Lösung. Sie betont, dass sie das Sozialdepartement mehrmals auf das Problem aufmerksam machte, dort aber keine Bereitschaft zum Handeln erkannt habe.

Soup & Chill reagierte auf die Kürzung der Notschlafstellen-Bons mit einem Notaufruf für Schlafsack- und Kleiderspenden. Innert weniger Tage wurde das Lager der Institution gefüllt. «Die Solidarität in der Bevölkerung ist riesig. Wir ersticken fast», so Adrario. Momentan könne sie keine Spenden mehr entgegennehmen. Eine weitere Sammelaktion findet am Dienstag um 16 Uhr bei der Geschäftstelle des Schwarzen Peter an der Elsässerstrasse statt.

(las)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sozial wohin? am 02.01.2017 17:47 Report Diesen Beitrag melden

    Keine soziale Gerechtigkeit

    Keine soziale Gerechtigkeit: Bei uns im Quartier erhalten Flüchtlinge Wohnung, Möbel etc. und die Obdachlosen in Basel, einer reichen Stadt, werden hingehalten wegen Missständen, Fehlorganisation etc. Das Argument "Sogwirkung" zählt nicht, auch ein Obdachloser aus anderem Kanton darf nicht in die Kälte zurückgeschickt werden.

    einklappen einklappen
  • Scientist am 02.01.2017 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Obdachlose

    Wie kann man bei diesem Wetter Arme Obdachlose abweisen, und das in der reichen Schweiz. Einfach unfassbar.

    einklappen einklappen
  • René B. am 02.01.2017 17:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann ja nicht sein..

    ..dass hier noch auf diese Art und Weise die Imigration von Billigstarbeitskräften und sogenannten Fachkräften gefördert wird.

Die neusten Leser-Kommentare

  • marc lüthi am 03.01.2017 08:25 Report Diesen Beitrag melden

    warum nur?

    ich bin ja auch einer jener, welcher klar sagt, man soll die grenzen dicht machen und keinen mehr rein lassen! aber im gleichem Atemzug sage ich auch, dass jeder der schon hier ist, unterstützt werden muss! es kann nicht sein das menschen, egal welcher couleur, in der schweiz hungern oder frieren müssen! man kann solange menschen aufnehmen, solange man ihnen auch leben ermöglichen kann! und das ist offensichtlich nicht mehr möglich. stimmt mich traurig und macht mich wütend. gerade dass die linken das nicht erkennen und somit allen schaden, welche schon hier sind!

  • Leider Basler am 03.01.2017 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    Unerhört

    Einen anerkannten Flüchtling bezahlt die SHB BS hunderttausende von Franken (über mehrere Jahre gezählt), aber CH Bürger am Abgrund, dürfen nun nicht einmal mehr in Notschlafstellen übernachten? Aber Herr Tekie schlaft mit 6 Kinder und 2 Frauen in einer schön warmen CH Wohnung. Ich fasse es nicht.

  • Toni am 03.01.2017 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sozial Torismus

    Ja das ist richtig. Es auch notwendig solche Institutionen auch richtig zu kontrollieren, bei keiner Kooperation zu sanktionieren. Die Sozialkosten werden mit Steuergelder bezahlt.

  • Mogli am 03.01.2017 07:44 Report Diesen Beitrag melden

    richtig reagieren

    Man muss nicht die Gutscheinausgabe einschränken, sondern dafür sorgen, dass solche Wanderarbeiter in der Schweiz keine Arbeit finden und somit gar nicht mehr kommen. Es muss mir niemand weis machen, dass niemand weiss wo die Arbeit finden. Dort muss das Geld eingetrieben werden, das sie bei den Hilfsorganisationen dringend nötig haben.

  • Nikinio am 03.01.2017 07:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es msus etwas geschehen.

    Gestern war eine ältere Frau in einem Rollstuhl und hat in dem Raum bei den Geldautomaten geschlafen. Ich bezweifle dass sie ein Zuhause hatte. Sehe solche Schicksale Immer häufiger in Basel... jeder der hier lebt (legal) hat gewisse Rechte. Wir sind ein so reiches Land, also sollten wir auch die schwächsten unter Uns schützen. Wir können es und leisten.