400 Bewerbungen

06. Juni 2019 17:39; Akt: 06.06.2019 18:06 Print

«Man wird wütend und verliert die Motivation»

Ältere Arbeitnehmer finden nur schwer eine neue Stelle. Diese Erfahrung musste auch Jean-Marc Grimm (56) machen. Nach 400 Bewerbungen kam die überraschende Wende.

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Jean-Marc Grimm ist eigentlich gelernter Koch. Auf seinem angestammten Beruf arbeitete der heute 56-Jährige aber nicht sehr lange. Schon mit 30 hängte er die Kochschürze an den Nagel. Sein Familienwunsch war mit den Arbeitszeiten in der Gastronomie nur schwer zu vereinbaren. Als Logistiker begann er, in einem Unternehmen in der Region Basel zu arbeiten. Durch Umstrukturierungen verlor er seinen Job, wurde aber wenige Monate danach wieder von der selben Firma angestellt. Diesmal als Chauffeur.

Schliesslich sprang ein Grosskunde der Firma ab. 30 Arbeitsplätze mussten gestrichen werden. «Ich hatte gehofft, dass ich als langjähriger Mitarbeiter am neuen Standort im Lager arbeiten kann», erzählt Grimm. Doch er hofft umsonst: Die Firma übernahm die zwei jüngsten Mitarbeiter. «Die waren natürlich günstiger», sagt Grimm mit Groll in der Stimme. Das war vor zwei Jahren.

Grimm war 54 und arbeitslos. Ein Schock. Viele Arbeitnehmende über 50 finden keinen Job mehr. Sie sind mit dem Vorurteil behaftet, zu teuer zu sein. «Ich wusste, dass es schwierig wird, in diesem Alter einen Job zu finden. Aber Sorgen habe ich mir im ersten Moment nicht gemacht», so Grimm. Doch wieder schien er zu optimistisch zu sein. Anderthalb Jahre war er arbeitslos, schrieb Bewerbungen und bekam nur Absagen. «Obwohl ich gute Arbeitszeugnisse hatte.»

«Die Hoffnung nie verloren»

Um die 400 Bewerbungen habe er verschickt, schätzt er. «Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto mehr verliert man die Motivation, wird auch wütend auf die Unternehmen, die einem nicht wertschätzen.»

Einmal, erzählt er, habe er sich auf eine inserierte Stelle beworben. Als Rückmeldung erfuhr er, dass die Stelle schon besetzt sei. «Doch eine Woche später habe ich das genau gleiche Inserat nochmal gesehen!», sagt er. Trotzdem: «Die Hoffnung verloren habe ich nie», hält Grimm fest.

«Wie neugeboren»

Im letzten Sommer informiert ihn sein RAV-Verantwortlicher, dass es ein neues Mentoringprogramm für über 50-Jährige gebe. «Da war ich sofort dabei, ich wollte jede Chance nutzen», so Grimm. Seine Mentorin beim «Mentoring 50+» hatte Beziehungen im Gastrogewerbe und konnte den Kontakt zwischen dem Restaurant «Zur Harmonie» und dem Arbeitslosen herstellen.

Seit dem 1. Mai arbeitet Jean-Marc Grimm im Restaurant am Buffet in seinem angestammten Berufsfeld. Zurück zu den Wurzeln. «Es fühlt sich ein bisschen an, wie neugeboren zu werden. Die Lebensfreude und Motivation kommen zurück», sagt der 56-Jährige.

(kom)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • uschi am 06.06.2019 18:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neue Anstellung

    Eine gute Nachricht für einmal! Ich wünsche Ihnen guten Erfolg und Freude in Eurer neuen Arbeit!

  • Anu timo am 06.06.2019 18:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schätzen den mensch

    Wieso schätzt man den mensch nicht mehr? Zählen wirklich nur nummern?

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  • Mde am 06.06.2019 18:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratuliere

    Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg beim neuen Job!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Beatrice Weilenmann am 21.06.2019 06:48 Report Diesen Beitrag melden

    Wünsche viel Glück

    Ich wünsch Ihnen Glück. Selten, das man so etwas hört. Sonst wird vom RAV aus nichts für die Arbeitslosen getan. Da sitzen viele, deren Job man auch abschaffen könnte. Ich, als IV Rentnerin / ausgesteuert, verheiratet, muss mit sowenig auskommen, das ich mir jede kleine Extraausgabe zusammensparen muss.

  • Petra am 17.06.2019 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man wird wuetend und verliert die Motivation

    Top alles Gute

  • Chregu am 16.06.2019 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Altes Eisen

    Die, die uns bis 70 arbeiten lassen wollen, und die, die keinen über 50 mehr einstellen, das sind dieselben, oder?

    • Beatrice Weilenmann am 21.06.2019 06:57 Report Diesen Beitrag melden

      Zu Teuer= Ausrede

      Es gäbe so viele, die gute Arbeit leisten, über 50. Das mit dem : zu teuer ist eine Ausrede. Denn die Erfahrung zählt doch. Es wäre an unserer Regierung etwas mit unserer Pensionskasse zu ändern. Um nicht die letzten Jahre so viel Geld zu verlieren, wenn man keine Stelle mehr hat.

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  • Arbeitgeber am 16.06.2019 18:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ältere Mitarbeitende sind nicht nur teurer

    Sie sind häufig auch unflexibel und technisch nicht an neuen Gegebenheiten angepasst zb wollten viele Mitarbeitende ab 40 mein CRM nicht verwenden weil sie es gewohnt sind in outlook zu machen. Das ist für das Unternehmen ein Verlust doch das verstanden die beiden Mitarbeitenden von denen ich rede, beide über 40, nicht.

    • Chef am 16.06.2019 22:14 Report Diesen Beitrag melden

      @Arbeigeber

      Ja, die Erfahrung mache ich auch. Schlimmer ist, dass solche Mitarbeiter auch in ihrer Haupttätigkeit nichts dazulernen wollen.

    • Beatrice Weilenmann am 21.06.2019 06:52 Report Diesen Beitrag melden

      Pille

      Dann gebt doch Leuten über 40 gleich eine Pille zum abkratzen. Dann erledigt sich das Problem von alleine ! Am besten wärs, vom Staat verschrieben.

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  • John am 13.06.2019 01:13 Report Diesen Beitrag melden

    Zwingend Weiterbilden direkt nach Lehre

    Bin 22 und bin jetzt insgesamt 1.5 Jahre arbeitslos. Keine Aussicht auf eine Stelle im Bereich KV geschweige eine Chance auf ein Praktikum/Zweitlehre. Ich wusste es wird hart werden, aber sooo...