Tieranwalt Antoine F. Goetschel

17. Oktober 2019 16:29; Akt: 17.10.2019 19:22 Print

«Massive Tierquälerei ist bei Schweinen Alltag»

Tierschützer filmten, wie im Stall eines Beinwiler Hofs Schweine misshandelt wurden. Tieranwalt Antoine F. Goetschel ordnet den Fall ein.

Ein versteckt gedrehtes Video zeigt, wie Schweine behandelt werden. (Video: Tier im Fokus)
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Ruppig aber keine Tierquälerei, zu diesem Schluss kommt Tieranwalt Antoine F. Goetschel nach Sichtung der versteckt gemachten Aufnahmen im Stall von Bauer Albert L.* in Beinwil SO. Tierschützer dokumentierten, wie Schweine an Schwanz und Ohren gepackt und in eine Schubkarre verladen werden. Die Solothurner Kantonstierärztin erstattete nach Sichtung des Videos Strafanzeige gegen L.

Herr Goetschel, spiegeln die Videoaufnahmen den Alltag in Schweizer Schweinemast-Betrieben?
Nein, das ist schon ruppiger, als es normalerweise zu und her geht. Aber man sollte hier noch nicht von Tierquälerei sprechen. Ich warne sogar vor dem inflationären Umgang mit dem Begriff. Im Sinne des Strafgesetzes sprechen wir von Tierquälerei bei erheblichen Verletzungen oder lange anhaltenden Leiden. Was wir auf dem Video sehen, kann man nicht mit einem Knochenbruch vergleichen. Hier liegt eine Misshandlung im untersten Bereich vor. Da gibt es noch viel schlimmere Fälle.

Zum Beispiel?
Bei Schweizer Schweinen gibt es noch immer Kannibalismus. Das prangere ich schon seit den 90er-Jahren an. Das ist ein strukturelles Problem der nicht artgerechten Bestallung. Wenn den Schweinen zu langweilig ist, fangen sie an, die Schwänze ihrer Artgenossen abzubeissen. Die Wunden werden dann auch nicht richtig gepflegt. Da gibt es einen Fall aus Sursee vom vergangenen Dezember. Der Bauer wurde mit 600 Franken gebüsst.

Wie verbreitet sind diese Zustände in der Schweinehaltung in der Schweiz?
Es gibt verhältnismässig viele Fälle von massiver Tierquälerei bei Schweinen, es ist insofern Alltag, als dass es praktisch täglich passiert. In unserer Datenbank sind 1343 Tierschutzfälle mit Schweinen seit 1986 registriert, bei denen eine Strafe verhängt wurde. Allein 2018 waren es 115. Das zeigt: Es braucht bessere kantonale Tierschutzgesetze und schärfere Kontrollen. Vielerorts sind die Kontrollen noch zu lasch, zum Teil erhalten die Kontrolleure nicht einmal Zutritt zu den Ställen.

*Name der Redaktion bekannt

(lha)