Roadmovie

25. Juli 2018 05:46; Akt: 25.07.2018 05:46 Print

«Menschen sollten nicht so viel auf ihr Ego geben»

Am Donnerstag startet «303», der neue Film von «Die fetten Jahre sind vorbei»-Regisseur Hans Weingartner in den Schweizer Kinos. 20 Minuten traf ihn und die beiden Hauptdarsteller.

Nicht einfach zu verdauen, dafür gesund für die Denkmasse: Hans Weingartners neuer Film «303». (Trailer: Filmcoopi)
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«303» ist kein einfacher Film. Schaut sich sowas heute noch jemand an?
Hans Weingartner: Es ist doch besser, einen Film zu machen, der tausend Menschen – vielleicht hundert – etwas bedeutet, als einen, der Millionen zu den Augen rein und zu den Ohren wieder rausgeht. Sehen sie sich den erfolgreichsten deutschen Film an: «Traumschiff Surprise». Zehn Millionen Zuschauer, zehn Milliarden Gehirnzellen vernichtet. Neuronen kommen nicht zurück, wenn sie einmal tot sind. «303» hingegen regt zum Nachdenken an. Wie ist es bei mir mit Nähe und Distanz? Wie verliebe ich mich? Es ist ein bisschen anstrengender, aber du profitierst davon, wenn du dich wirklich darauf einlässt.

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Ein zentraler Streitpunkt im Film ist, ob Kooperation oder Konkurrenz die Menschen weiterbringt.
Weingartner: Beides spielt eine Rolle. Das Pendel ist momentan zu 100 Prozent in Richtung Konkurrenz ausgeschlagen. Wir haben unsere gesamte Gesellschaft der Wirtschaft untergeordnet. Das höchste Ideal im Westen ist der Profit. Die Menschen wollen aber in Frieden und Harmonie leben. Jemandem etwas zu geben schüttet mehr Glückshormone aus als etwas zu bekommen.

Anton Spieker: Es ist auch weltgeschichtlich zu sehen: Die Hochkulturen, die neue Dinge entwickelt haben, waren solche, die kooperiert haben. Die dunkelsten Zeiten waren jene, wo die Konkurrenz vorgeherrscht hat. Darum verstehe ich nicht, warum man nichts daraus lernt.

Was bedeutet das für uns?
Weingartner: Auf den Osterinseln hat man so lange Bäume gerodet, um die grössten Statuen für Häuptlinge zu bauen, bis die Bevölkerung verhungert ist. Ich frage mich, wie sich der Mensch fühlte, der den letzten Baum gefällt hat.

Es ist ein sehr intimer Film. Die Gespräche von Jan und Jule greifen auch beim Publikum tief.
Mala Emde: Für mich waren es Dreharbeiten, die nichts anderes zugelassen haben. Man hat sich in dem Moment völlig dem Film und den Figuren hingegeben. Wir haben chronologisch gedreht, wussten aber nicht genau, was am nächsten Tag passiert. Es gab kein Hotel, in das man sich zurückziehen konnte.

Spieker: Wir unterhalten uns auch sonst sehr gerne. Die Diskussionen aus dem Film gehen jetzt auf der Tour weiter.

Weingartner: Deshalb habe ich Mala und Anton auch besetzt. Es war mitunter wichtig, Menschen zu finden, die Bock haben auf Auseinandersetzung.

«Millionen Zuschauer, Milliarden Hirnzellen tot»

Die Dialoge sind teilweise schonungslos.
Emde: Am Anfang diskutieren Jan und Jule darüber, was draussen passiert, was die Gesellschaft und das Leben mit ihnen macht. Später geht es immer mehr nach innen. Und sie betrachten beides schonungslos, lassen es aber immer mehr an sich heran.

Spieker: Am Anfang pochen beide auf ihre Haltung und sind nicht sehr sensibel in ihrem Verhalten. Zuerst verlassen sie sich auf ihre Werte. Was wichtig bei den beiden ist, dass sie nicht Recht haben wollen. Sie merken, dass da eine befreundete Seele ist, die ähnlich denkt. Es ist langweilig, wenn man aus einem Gespräch hinausgeht, weil man Recht haben will. Danach denkt man sich: Was war das eigentlich?

Sie sind verwandte Seelen, obwohl sie unterschiedliche Ansichten haben.
Weingartner: Genau. Es geht nicht um den Rucksack, den jeder mit sich herumschleppt, der aus den Erfahrungen und dem Gelernten in seinem Kulturkreis besteht. Sondern es geht um den inneren Kern der Person, und das ist ein Mensch. Wenn wir das Menschsein freilegen, kann es immer zu einer Verständigung kommen.

Spieker: Für jeden persönlich ist der Schlüssel dazu, nicht so viel auf sein Ego zu geben. Dieses bringt uns dazu, recht haben zu wollen, besser sein zu wollen als die anderen. Diesen Gedanken muss man verlieren.

(las)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniela am 25.07.2018 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    ein Film mit Substanz?

    Bin sonst nicht so ein Kinogänger, aber auf diesen Film freue ich mich.

  • Vorfreude am 25.07.2018 07:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit Hirn

    Klingt super! Genau nach meinem Geschmack. Nun kann ich auch mal wieder ins Kino :-)

  • Massut am 25.07.2018 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Bin da ganz ehrlich

    "Es ist doch besser, einen Film zu machen, der tausend Menschen vielleicht hundert etwas bedeutet, als einen, der Millionen zu den Augen rein und zu den Ohren wieder rausgeht.". Wenn ich Regisseur wäre, dann wäre mir ein Film der mich zum Multimillionär macht viel lieber als einer den sich 100 Leute ansehen und ich dann von der Kulturförderung des Steuerzahlers leben muss. "Auf den Osterinseln hat man so lange Bäume gerodet, um die grössten Statuen für Häuptlinge zu bauen, bis die Bevölkerung verhungert ist." Noch eine nette Theorie zur Osterinsel ohne Beweis.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniela am 25.07.2018 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    ein Film mit Substanz?

    Bin sonst nicht so ein Kinogänger, aber auf diesen Film freue ich mich.

  • Massut am 25.07.2018 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Bin da ganz ehrlich

    "Es ist doch besser, einen Film zu machen, der tausend Menschen vielleicht hundert etwas bedeutet, als einen, der Millionen zu den Augen rein und zu den Ohren wieder rausgeht.". Wenn ich Regisseur wäre, dann wäre mir ein Film der mich zum Multimillionär macht viel lieber als einer den sich 100 Leute ansehen und ich dann von der Kulturförderung des Steuerzahlers leben muss. "Auf den Osterinseln hat man so lange Bäume gerodet, um die grössten Statuen für Häuptlinge zu bauen, bis die Bevölkerung verhungert ist." Noch eine nette Theorie zur Osterinsel ohne Beweis.

  • Vorfreude am 25.07.2018 07:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit Hirn

    Klingt super! Genau nach meinem Geschmack. Nun kann ich auch mal wieder ins Kino :-)