Händedruck-Dispens

05. April 2016 05:34; Akt: 05.04.2016 07:05 Print

«Mit dem Islam kam die Befreiung der Frau»

Nabil Arab (60) ist Geschäftsführer der Islamischen König Faysal Stiftung in Basel, deren dazugehörige Moschee die Brüder aus Therwil besuchen. Er erklärt im Interview, wieso die Kinder die Hände ihrer Lehrerin nicht berühren.

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Herr Arab, die beiden Brüder aus Therwil, die sich weigern, ihrer Lehrerin die Hand zu schütteln, besuchen ihre Moschee. Sie kennen die Jungen. Was hat es mit dem Körperkontakt-Verbot auf sich?
Im Islam gibt es zum einen Aufgaben, nach denen sich jeder Gläubige richten soll, etwa die Pilgerreise nach Mekka oder Beten und Fasten. Dazu kommen weitere Regeln, die Moslems befolgen können, wenn sie denn möchten. Ich nenne sie Manieren. Dabei gilt es den Lebensstil des Propheten Mohammeds zu adaptieren. Wie hat er gegessen, geschlafen und Frauen behandelt?

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Hat Mohammed ein Verbot ausgesprochen, Frauen zu berühren?
Er hat es nicht direkt verboten. Aber er selbst hat sein Leben lang keine Frau berührt, abgesehen von seiner Ehefrau. Und nach seinem Leben gilt es sich zu richten.

Wie lautet denn die Begründung für die Weisung, keine Frauen zu berühren?
Da muss ich weit zurückgreifen. Vor der Zeit des Propheten waren Frauen das Eigentum von Männern. Viele Frauen waren Sklavinnen ohne Rechte. Sie waren nur spärlich bekleidet und standen der Männerwelt für Sex zur Verfügung. Dann kam der Islam und mit ihm die Befreiung der Frau. Die Frauen bedeckten sich, lediglich ihr Ehemann durfte sie berühren und damit erhielten sie ihre Ehre und Würde zurück.

Die Regel geht in ihren Augen also Hand in Hand mit dem Respekt gegenüber Frauen?
Ganz klar. Keine Frau will ein Sex-Objekt sein. Geben Sie mir ihre Hand! Arab streckt seine Hände in die Mitte des Tisches und umfasst die Hände der Redaktorin . Was löst das in Ihnen aus? In mir löst das ein schönes Gefühl aus. Üblicherweise schütze ich mich selber vor diesen körperlichen Kontakten mit Frauen, weil sie gefährlich enden können.

Gefährlich?
Vor allem junge und gesunde Männer sind immer bereit für Sex. Dass nirgends mit Reizen gegeizt wird, kommt erschwerend hinzu: Miniröcke und nackte Haut, wohin man schaut. Aber ich sage Ihnen, dass das überhaupt nicht gesund ist. Das kann übel enden. Wenn Männer ständig erregt sind, ist das beispielsweise schädlich für die Prostata.

Bei unserer Begrüssung haben sie meine Hand fest gedrückt. Und eben vorhin haben sie mich auch berührt. Wieso halten Sie sich nicht daran?
Ich will niemanden beleidigen oder vor den Kopf stossen. Frauen, die mich kennen, etwa jene in meinem Sportstudio, schüttle ich die Hand nicht.

Die Geschichte von Therwil sorgte für einen Aufschrei. Das Verhalten der Jungen sei sexistisch, mittelalterlich und unangepasst, wurde kritisiert. Wie schätzen Sie diese Kritik ein?
Ich verstehe, dass es auf viele Schweizer seltsam wirken mag und ich kann auch die Kritik nachvollziehen. Diese Regeln stammen aus einer komplett anderen Zeit, die im krassen Gegensatz zu der Schnelllebigkeit des heutigen Europas steht. Aber man kann nun mal nicht ändern, was der Prophet getan hat, und es schadet ja auch niemandem. Die jungen Erwachsenen entdecken ihre Religion und wollen sie leben.

Die Brüder sind 14- und 15- jährig. Sie sind noch nicht erwachsen.
Im Islam haben junge Männer mit 14 Jahren das Erwachsenenalter erreicht. Ab dann sind sie mündig und dürfen entscheiden, ob und wie sie ihre Religiosität praktizieren möchten.

Hat der Vater, der in ihrer Moschee als Imam tätig war, Druck auf seine Buben ausgeübt?
Nein. Wie jeder Vater auf dieser Welt hat er seinen Kindern beigebracht, gute Menschen zu sein. Aber es liegt in deren Händen, welche Ratschläge des Vaters sie befolgen wollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei dem Aufeinandertreffen mit der Lehrerin zu Missverständnissen gekommen ist.

Wieso ist es in Ihren Augen zu diesem Eklat gekommen?
Die Jungen hätten ihren Standpunkt ruhig erklären sollen: «Tut mir leid, ich will meine Religion praktizieren und es ist Teil meines Glaubens, dass ich Ihnen die Hand nicht geben kann.» Aber sie sind jung und das ist wahrscheinlich nicht ganz so sachlich über die Bühne gegangen. Da sollte die Schule aber auch Verständnis und Toleranz zeigen.

Die Schule toleriert den Glauben der Kinder und macht eine Ausnahme.
Das ist gut. Wir sollten alle toleranter sein, mehr miteinader reden, statt uns gegenseitig zu beschimpfen, viel öfter miteinader an einen Tisch sitzen und Kaffee trinken.

(jd)