Basel

12. September 2018 17:32; Akt: 12.09.2018 19:22 Print

Polizei kontert Vorwürfe von Prügel-Opfer

Die Polizei rechtfertigt ihr Vorgehen im Fall Wasserstrasse, wo sie mit dem Opfer eines tätlichen Angriffs nicht zum Strassenfest zurückkehrte, um den Täter zu suchen.

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M.F.* wurde am 18. August auf dem Heimweg in der Wasserstrasse tätlich angegriffen. Teilnehmer des Wasserstrassenfests, das dort an jenem Abend im Gang war, hielten ihn nach seinen Aussagen aufgrund seines Aussehens und eines gut sichtbaren «Liber Helvetius»-Tattoos für einen Neonazi. Er sei Patriot, aber kein Nazi, betont er. Die Gäste des Strassenfests stammten zum Teil aus dem linksautonomen Spektrum. Die Freundin des 24-Jährigen alarmierte die Polizei.

Als diese eintraf und er ihnen anbot, zum Tatort zurückzukehren, um den Täter zu identifizieren, lehnten diese ab. «Die Polizisten sagten mir, es sei für sie zu gefährlich, in die Wasserstrasse zu fahren, weil auch immer wieder Polizisten von den Linksautonomen angegangen würden», so M.F. gegenüber der «Basler Zeitung».

Gleiches Vorgehen auch bei Fussballspielen

Die Polizei relativiert diese Darstellung. Mitnichten gebe es rechtsfreie Räume in Basel. Die Zurückhaltung der Polizei habe ganz andere Gründe, führt Toprak Yerguz, Sprecher des Sicherheitsdepartements, aus. «Bei Gewaltdelikten liegt die Priorität auf der Verhinderung von Gewalttaten und auf der Spurensicherung, damit mutmassliche Täter überführt werden können.» Der mutmassliche Täter habe sich im vorliegenden Fall unter mehreren Dutzend Personen befunden, die gerade eine Party feierten.

«Sich mit dem mutmasslichen Opfer in diese Situation zu begeben, hätte – abgesehen von den geringen Erfolgschancen, den Täter auf diese Weise zu erwischen – zu einer weiteren Eskalation der Gewalt geführt», sagt Yerguz. Deshalb habe sich die Polizei richtigerweise auf die Aufnahme der Aussagen des Opfers sowie einer Begleitperson konzentriert.

Dieses Vorgehen führte, wie Yerguz erwähnt, auch schon bei den Ausschreitungen zwischen Fans des FC Basel und FC Zürich vom 10. April 2016 zu mehrere Festnahmen. Im Oktober 2017 wurde gegen 16 Männer Anklage erhoben.

«Hat es viele Leute, braucht es eine gewisse Mannstärke»

Dennoch: In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft zum Vorfall hiess es, eine sofortige Fahndung blieb erfolglos. Die Staatsanwaltschaft machte am Mittwoch auf Anfrage keine Angaben dazu, ob Bewohner der Wasserstrasse befragt wurden. Zu einer Festnahme kam es aber noch nicht. «Die Ermittlungen laufen», so Sprecher René Gsell.

Aus dem Polizeikorps hört man derweil Stimmen, die die Darstellung des Opfers bestätigen. «Es gibt Gebiete, wo man ohne Verstärkung nicht hingehen will, sagen mir Polizisten», erzählt SVP-Grossrat Eduard Rutschmann. Das betreffe aber nicht nur Orte, wo die linksautonome Szene verkehre. Auch die Dreirosenanlage zähle unter anderem dazu. «Das ist völlig logisch», sagt Yerguz. «Wenn es irgendwo viele Leute hat, braucht es eine gewisse Mannstärke – ganz unabhängig davon, welcher Szene oder welchem politischen Lager die Leute zugehören.»

«Bei Gefährdung schreitet Polizei sofort ein»

Im Übrigen sei das «kein neues Phänomen, dass bei grösseren Menschenansammlungen der Handlungsspielraum der Einsatzkräfte – das betrifft nicht nur die Polizei, sondern alle Blaulichtorganisationen – eingeschränkt ist». Bei weniger gravierenden Delikten würde daher die direkte Konfrontation zugunsten der Spurensicherung vermieden. Yerguz stellt aber klar: «Gibt es eine Gefährdung von Leib und Leben, schreitet die Polizei selbstverständlich sofort ein.»

Die Bewohner der Genossenschaftshäuser der Wasserstrasse, die auch das Strassenfest ausrichteten, haben auf eine schriftliche Anfrage von 20 Minuten noch nicht reagiert.

*Name der Redaktion bekannt

(lha)