Psychiater zur Bluttat von Basel

04. April 2019 06:49; Akt: 04.04.2019 08:38 Print

Warum tötete A. F. ein Kind?

Die Suche nach dem Motiv der Bluttat von Basel stellt auch den erfahrenen Forensiker und Gutachter Josef Sachs vor ein Rätsel.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

A. F.* und R. R.* führten ein zurückgezogenenes Leben. Eine ehemalige Nachbarin aus Allschwil erinnert sich an das «gspässige» Paar. Der Mann habe vor der Haustür stets die Schuhe ausgezogen und sei dann rückwärts in die Wohnung gelaufen. R. kämpfte Jahrelang gegen die Behörden und wähnte sich als Opfer einer «Justizkorruptionsaffäre». Seine Partnerin unterstützte ihn dabei.

Das Leben von A. F. war von Schicksalsschlägen geprägt. Finanzielle Probleme, Ausweisung aus der Wohnung in Allschwil, 1999 stirbt ihr Partner, 2007 gipfelt der Schuldenberg von über 100'000 Franken in einem Konkursverfahren und Vormundschaft. 2018 verliert sie ihr Zimmer und taucht ab. Am 21. März greift sie zum Messer und ersticht den siebenjährigen Ilias.

Suchte nach Genugtuung und bekam sie nie

Es ist möglich, dass sie diese Schicksalsschläge paranoid verarbeitet hat, sagt der forensische Psychiater und erfahrene Gutachter Josef Sachs. «Leute, die eine Kränkung erfahren wie die Ausweisung aus einer Wohnung oder den Arbeitsplatzverlust, tragen das sehr lange mit sich herum.» Sachs weiss: «Sie suchen nach Genugtuung, bekommen sie aber nie.»

So erging es auch F. Die 75-Jährige verlangte von der Justiz und Politik Rehabilitation, Schadenersatz und Wiedergutmachung und vor allem ihre alte Wohnung in Allschwil zurück. Nichts von alledem bekam sie. Dann griff sie zum Messer, tötete den unschuldigen Ilias und rief das Lokalfernsehen Telebasel an. Die Behörden hätten ihr nie zugehört. Irgendwie habe sie sich ja Gehör verschaffen müssen, soll sie gesagt haben. «Suche nach Aufmerksamkeit», sagt Sachs, das ist als Tatmotiv nicht untypisch.

Typisch wäre eine Gewalt gegen Behörden gewesen

Aber warum ein Kind? Das kann sich Sachs auch nicht erklären. «Die Opferwahl ist aussergewöhnlich», sagt er. Logischer wäre es auch für den erfahrenen Gerichtspsychiater gewesen, hätte sich ihre Gewalt gegen Behören gerichtet, gegen jene, die ihr vermeintlich so übel mitgespielt hatten.

Haben die Behörden versagt? Diese Frage wurde immer wieder gestellt. Sachs verneint. «Nachdem, was mir jetzt vorliegt, kann man das nicht sagen. Wäre sie mit Gewalthandlungen oder Drohungen aufgefallen, hätte es für die Behörden einen Anhaltspunkt gegeben», sagt er.

*Namen der Redaktion bekannt.

(lha)