Tiefe Wahlbeteiligung

22. Oktober 2019 16:58; Akt: 22.10.2019 16:58 Print

«Und so etwas nennt sich noch Demokratie?»

In Pratteln BL gingen nur 34,26 Prozent der Stimmberechtigten am Sonntag wählen. Die tiefe Wahlbeteiligung muss kein schlechtes Zeichen sein, findet Politologe Thomas Milic.

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In Pratteln sorgte die tiefe Wahlbeteiligung zu eine kontroversen Diskusison auf Facebook. Kantonsweit wies die Gemeinde die zweittiefste Wahlbeteiligung am vergangenen Sonntag, 20. Oktober aus. Tiefer lag sie nur in Zwingen. Die Laufentaler Gemeinde ist nicht nur alphabetisch das Schlusslicht im Kanton: Nur 31,74 Prozent der Stimmberechtigten gingen hier wählen. Politologe Thomas Milic überrascht die tiefe Wahlbeteiligung nicht. Auch im Kanton Bern sei beobachtet worden, dass die Wahlbeteiligung in ländlichen Gemeinden tiefer war, als in den Städten. «Die Grünen mobisierten sehr gut, die SVP hingegen deutlich schwächer.» Eine Auswertung von Stimmregisterdaten von St. Gallen ergab, dass rund 80 Prozent der Stimmberechtigten über die Dauer von vier Jahren mindestens einmal Abstimmen gehen. Die Demokratie lebt also. «Viele nehmen ihr Stimm- und Wahlrecht einfach sehr selektiv wahr», so Milic. Die Ausnahme bestätigt die Regel: In der Oberbaselbieter Gemeinde Kilchberg im Bezirk Sissach gingen 69,23 Prozent wählen – das ist kantonaler Spitzenwert. Die grüne Mobilisierung hat dort voll funktioniert. Die Partei hat die SVP als stärkste politische Kraft vom Thron gestossen. In der Facebook-Gruppe «du bisch vo Prattele wenn...» entbrannte eine kontroverse Diskussion über die tiefe Wahlbeteiligung. Secondos haben wenig Verständnis für die Stimmfaulheit. Woran lag es? Stehen die falschen Politiker zur Wahl oder sind die Leute zu faul? Nicht wählen und dann am Stammtisch motzen? Politologe Thomas Milic widerspricht: «Die grösste Gruppe der Nichtwähler ist einfach zufrieden.»

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«Die anderen 65,74 Prozent sollen bitte die nächsten vier Jahre einfach mal das Maul halten», nervt sich der Pratteler Wähler Beat Weisskopf auf Facebook. Die tiefe Wahlbeteiligung in seiner Gemeinde gibt nicht nur ihm zu denken. Einfach nur traurig, pflichtet ihm eine Wählerin bei. «Und so etwas nennt sich noch Demokratie? Aber an den Stammtischen hört man sie dann wieder», nervt sich eine ander Userin.

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«Ich wollte eigentlich keine Debatte lostreten», sagt Weisskopf. «Mich nerven einfach diese Diskussionen über Politiker. Aber dann entsorgen so viele Leute das Wahlcouvert zu den Abstimmungen. Ich wollte einfach die Leute aufwecken», sagt der 47-Jährige.

Dabei ist Pratteln im Kanton nicht einmal das Schlusslicht punkto Wahlbeteiligung vom vergangenen Sonntag. In Zwingen gingen nur 31,74 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne. Die tiefe Wahlbeteiligung überrascht Politologe Thomas Milic nicht. Auch im Kanton Bern sei beobachtet worden, dass die Wahlbeteiligung in ländlichen Gemeinden tiefer war als in den Städten. «Die Grünen mobisilierten sehr gut, die SVP hingegen deutlich schwächer.»

Männlich, alt, gut situiert, Wähler

Allerdings hängt die Wahlbeteiligung noch von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Wohlstand und Altersstruktur spielten ebenfalls eine Rolle, so Milic. «Verkürzt könnte man sagen: Männlich, älter, höheres Einkommen, höhere Bildung, höhere Wahlbeteiligung.»

Warum aber gehen Menschen nicht wählen und gibt eine tiefe Wahlbeteiligung nicht Anlass zur Sorge? Milic gibt Entwarnung. Auch wenn die Beteiligung an einem Urnengang sehr tief ausfällt, heisst das nicht, dass sich wie in Pratteln etwa, zwei Drittel vom System verabschiedet hätten. Eine Auswertung von Stimmregisterdaten von St. Gallen ergab, dass rund 80 Prozent der Stimmberechtigten über die Dauer von vier Jahren mindestens einmal abstimmen gehen. Die Demokratie lebt also. «Viele nehmen ihr Stimm- und Wahlrecht einfach sehr selektiv wahr», so Milic.

Die meisten Nichtwähler sind zufrieden

«Nichtwählen gehört eben auch zur Demokratie», betont er. Und dafür gibt es viele Gründe. «Die grösste Gruppe der Nichtwähler ist einfach zufrieden», sagt der Politologe. Es sei nur ein kleiner Teil, der glaube, ‹die da oben machen ja eh, was sie wollen›. Und dann gebe es auch noch die, die glauben, ihre einzelne Stimme sei ohnehin nicht ausschlaggebend. «Das stimmt streng genommen in den allermeisten Fällen», gibt Milic zu.

Dass es auch anders geht, zeigt die Oberbaselbieter Gemeinde Kilchberg im Bezirk Sissach. Hier gingen 69,23 Prozent wählen. Die grüne Mobilisierung hat dort voll funktioniert. Die Partei hat die SVP als stärkste politische Kraft vom Thron gestossen.

(lha)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • J. Gerber am 22.10.2019 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Demokratie

    Geht wählen und abstimmen, das ist unser Recht/Pflicht, wir sind eine Demokratie. Und in vielen Länder kann man das nicht machen!

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  • marco f. am 22.10.2019 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich

    Geh oft wählen/abstimmen, aver kenne einige die seit langem nichtmehr gehn. Habe das früher bie verstabden, aber wen halt dann abstimmungen verwässert und verdreht werden, muss man sich nicht wundern

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  • elie am 22.10.2019 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    ......

    Im Parlament machen die so oder so was sie wollen also wieso wählen/abstimmen ? Die MEI wurde nicht korrekt umgesetzt und alle sind dieser Meinung, viele andere Initiativen werden gar nie umgesetzt usw.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • tr am 23.10.2019 17:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hammer

    cool wahnsinnig 34% wählen 16 bleiben zuhause und 50 dürfen nicht wählen da kein ch-pass.

  • Mme. Rytz am 23.10.2019 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    alle "Schweizer" an der Urne

    "Die tiefe Wahlbeteiligung überrascht Politologe Thomas Milic nicht." Anhand den % Zahlen und den gewählten Parteien waren alle "Schweizer" an der Urne

  • Voyage Voyage am 23.10.2019 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wahrheit

    Die Wahl zwischen Pest und Cholera. Kein Wunder!

    • Dimetrius am 23.10.2019 11:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Voyage Voyage

      Eine selten einfältige Äusserung......aber was bleibst Du dann hier? Dann PFZ hast Du zumindest in Europa viele Ausweichmöglichkeiten, und woanders ist das Gras ja immer grüner....

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  • Ein Wähler am 23.10.2019 09:53 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Dass ich durch meine Wahlbeteiligung mitbestimmen kann, ist mir ein wichtiges Gut, welches ich sehr zu schätzen weiss. Aus diesem Grund nehme ich an jeder Abstimmung und Wahl teil, seit ich 18 bin. Über die Umsetzung oder eben nicht, von Abstimmungen lässt sich streiten, aber ich habe meinen Beitrag geleistet. Eine Wahlverweigerung löst die Probleme auch nicht, im Gegenteil... Wenn aber das andere Mehr, meine Meinung überwiegt, so ist das Demokratie, damit muss und kann ich leben. Schwierig finde ich persönlich Wahlen, bei denen ich keinen Kandidaten wirklich geeignet finde.

  • Mr. Bull am 23.10.2019 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwirig

    Ich stimme ab, aber wählen tu ich nicht. Ich bin nicht einfach nur links oder rechts. Ich habe zu jeden thema eine durchdachte meinung die natürlich auch von persönlichen wünschen und erfahrung geprägt ist. Aber keine partei und erst recht kein politiker kommt über 50% an meine meinung ran.