Strafgericht BS

15. August 2019 04:46; Akt: 15.08.2019 07:32 Print

10 Messerstiche in Rücken – «Pech für das Opfer»

Ein 30-jähriger Marihuana-Dealer musste sich am Dienstag vor dem Basler Strafgericht verantworten, weil er mehrfach auf einen mutmasslichen Einbrecher eingestochen hatte.

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Der 25. September 2018 endete für einen Mann mit zehn Messerwunden am Rücken. Er war in den späten Abendstunden mit einem in Basel wohnhaften Drogenkurier aneinander geraten, was in eine blutige Auseinandersetzung mündete.

Knapp ein Jahr später sahen sich die beiden vor der Fünferkammer des Strafgerichts Basel-Stadt wieder. Die Staatsanwaltschaft warf dem Drogenkurier versuchte vorsätzliche Tötung vor.

Er vermutete einen Einbruch

Anklage und Verteidigung waren sich am Dienstag einig, dass der Auslöser für die Situation war, dass der heute 30-jährige Beschuldigte das Opfer für einen Einbrecher hielt und ihm deshalb von seiner Wohnung aus nachsetzte.

Als es zur Konfrontation ausserhalb der Liegenschaft kam, setzte der Beschuldigte zunächst Pfefferspray ein, danach kam es zu einem Gerangel, bei dem beide am Boden landeten. Im anschliessenden Gemenge bearbeitete der Beschuldigte den Rücken des Opfers mit einem Fleischmesser mit einer Klinge von 18 Zentimetern Länge. Beide beschuldigten den jeweils anderen, zuerst handgreiflich geworden zu sein.

Versuchte vorsätzliche Tötung oder Notwehrexzess?

«Gemäss dem Verletzungsbild wurde das Messer zum Körper hin geführt. Wegen der Form der Klinge kam die Haupteinwirkung von der Spitze», sagte die rechtsmedizinische Gutachterin.

Während der Beschuldigte von «Gefuchtel» sprach, war für die Staatsanwaltschaft klar: «Wer so auf jemanden einsticht, nimmt dessen Tod in Kauf. Es ist reiner Zufall, dass es beim Versuch blieb.»

Für die Verteidigung war die Reaktion des Beschuldigten jedoch nachvollziehbar. Dieser sei durch einen früheren Einbruch in seine Wohnung in seiner Privatsphäre verletzt worden. Lediglich zwecks Selbstschutz habe er sich bewaffnet. Das Messer habe er erst eingesetzt, als ihn der vermeintliche Einbrecher gewürgt habe. Dass dieser ausgerechnet auf jemanden traf, bei dem bereits eingebrochen wurde, sei «Pech für das Opfer». Schliesslich habe sein Mandant das Recht, sich gegen einen Kriminellen zu wehren.

Einbrecher oder verirrter Ortsunkundiger

«Weshalb sich das Opfer überhaupt in Basel aufhielt, muss offen bleiben», sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Die Verteidigung glaubte dem Mann jedenfalls kein Wort. Er hatte ausgesagt, er sei in der Liegenschaft des Beschuldigten nach dem Namensschild eines Bekannten gewesen. Dessen Adresse habe er aber nicht gekannt und seinen Namen wollte er vor Gericht ebenfalls nicht preisgeben, weil sie sich verabredet hätten, um Kokain zu konsumieren.

Was der Glaubwürdigkeit des Opfers ebenfalls nicht zugutekam, war sein Beharren darauf, dass er alleine unterwegs war. Mehrere Zeugen hatten seinen Begleiter gesehen – der Beschuldigte behauptete gar, von diesem mit einer Schusswaffe bedroht worden zu sein. Ausser ihm will die aber niemand gesehen haben.

Vorfall brachte Drogenoperation ans Licht

Am Ende war es der Beschuldigte selber, der die Polizei alarmierte. Bei einem Augenschein in seiner Wohnung kamen knapp viereinhalb Kilo Marihuana und 2000 Franken Bargeld zum Vorschein. Also nahmen die Beamten den Mann gleich mit.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm zusätzlich gewerbsmässigen Drogenhandel vor. Während der 30-Jährige beteuerte, zehn Gramm Marihuana am Tag selber konsumiert zu haben, hielt die Anklage diese Menge für «völlig absurd». Für sie war klar, dass der Mann im grossen Stil Kunden belieferte und so seinen Lebensunterhalt finanzierte.

Für die Verteidigung hingegen sind zehn Gramm am Tag «nichts Ungewöhnliches», wie der Verteidiger ausführte. Zudem habe er kein Geld damit verdient, weil er alles auf Kommission bezogen und verkauft habe.

Beschuldigtem droht die Ausschaffung

Die Verteidigung wollte vor allem verhindern, dass ihr Mandant ausgeschafft wird, obwohl dem brasilianisch-deutschen Doppelbürger zwei Katalogdelikte vorgeworfen werden. So versuchte sie das Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer Widerhandlung zu entschärfen. Für die versuchte vorsätzliche Tötung forderte sie einen Freispruch wegen Notwehr.

Die Staatsanwaltschaft hingegen will den Beschuldigten nicht nur für sechs Jahre und vier Monate hinter Gittern, sondern auch für zehn Jahre des Landes verwiesen sehen. Die Urteilsverkündung ist für Freitag, 10.45 Uhr angesetzt.

(las)