Scientology-Aussteiger

26. Dezember 2018 15:40; Akt: 27.12.2018 14:49 Print

«Körperlich sind wir frei, im Kopf aber gefangen»

Zwei Basler kehrten Scientology nach Jahren den Rücken: Es war der Einstieg in ein neues Leben. 20 Minuten erzählten sie, wie schwer dieser Schritt war.

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«Ich fühle mich wie neugeboren und kann mein Leben nochmals von null starten», sagt der 19-jährige Leonard Buschor. Sein ganzes Leben verbrachte der Basler in den Kreisen von Scientology, abgeschottet von der Aussenwelt. Er wurde bereits in einer Familie von Scientology-Anhängern gross. «Ich bin mit dem Gedanken, dass L. Ron Hubbard Gott sei, aufgewachsen», erzählt er. Letztes Jahr ist er ausgestiegen, nachdem bereits seine Schwester Andrea mit Amors Hilfe der Sekte den Rücken gekehrt hatte.

Erst nach seinem Ausstieg habe er die Wirklichkeit kennengelernt. Der Neuanfang brachte auch einen Abschied mit sich: «Meine Eltern haben den Kontakt zu mir abgebrochen.» Sie bestreiten diese Darstellung gegenüber 20 Minuten. Dass Scientology Familien zerreisst, ist nicht ungewöhnlich – davon zeugen zahlreiche Berichte von Ex-Mitgliedern. Den Schritt hatte er zusammen mit seiner Schwester gewagt: «Sie war in psychiatrischer Behandlung, was bei Scientologen streng verboten ist.»

Vertrauen ausgenutzt

Sabrina David hat ein ähnliches Schicksal wie Buschor. Sie trat Scientology als Jugendliche bei: «Ich war in einer schwierigen Lebensphase, weil sich meine Eltern geschieden hatten.» In der Kirche hoffte sie, ein offenes Ohr und Unterstützung zu finden. «In den Auditings wird von jedem verlangt, sein Herz komplett auszuschütten.» Auf manipulative Art nutze Scientology so geschickt die Schwachstellen der Anhänger aus.

Acht Jahre lebte die heute 30-Jährige in Berlin und war eine Mitarbeiterin von Scientology, bis sie vergangenes Jahr ebenfalls mit Andrea Buschors Unterstützung den Ausstieg schaffte. In der deutschen Hauptstadt habe sie für einen Hungerlohn von fünf bis zehn Franken in der Woche für umstrittene Religionsgemeinschaft, die von Fachleuten als Sekte eingestuft wird, gearbeitet. Die Zeit im Ausland war für sie besonders prägend: «Ich wurde von meinem Vorgesetzten körperlich misshandelt», berichtet sie.

Unabhängigkeit gleich Freiheit?

Wie sieht der Alltag nach dem Ausstieg aus? Für Buschor und David gehört Scientology noch lange nicht der Vergangenheit an: «Körperlich sind wir zwar frei, im Kopf aber nach wie vor gefangen.» Beide werden nun psychiatrisch begleitet, um Erinnerungen zu verarbeiten und ihr Leben unter Kontrolle zu bringen. Beide haben auch noch keinen anerkannten Schulabschluss.

Anderen Mut machen

Um Gleichgesinnten Mut zu machen, gründeten die Aussteiger die Facebook-Gruppe «Scientology Free». «Wir haben die Gruppe gegründet, um Menschen mit ähnlichen Schicksalen eine Plattform zum Erzählen ihrer Geschichte zu geben.» In der Gruppe tauschen bereits viele Ex-Mitglieder ihre Erfahrungen aus. Etwa ein Kanadier, der fast ein Jahr lang zusammen mit Sabrina David in Berlin für Scientology arbeitete. Er bestätigt ihre Geschichte und berichtet ebenfalls von Hungerlöhnen und Ausbeutung. «Ich arbeitete wie sie bis zu 115 Stunden in der Woche und verdiente oft weniger als einen Euro pro Stunde.»

Scientology dementiert

Der Sprecher von Scientology Jürg Stettler dementiert, dass die Ex-Mitglieder verfolgt würden. Weiter sei es nicht der Fall, dass in Berlin ein Wochenlohn von nur fünf bis zehn Franken bezahlt wurde. Zudem betont Stettler, dass niemand innerhalb Scientology auf die Idee käme, L. Ron Hubbard als Gott zu sehen.
Auch werde selbstverständlich der Kontakt zur Aussenwelt nicht als «unterdrückerische Handlung» angesehen, ein Austritt sei jederzeit möglich.

Die Eltern von Leonard bestreiten, dass ihr Sohn nur mit Scientology aufgewachsen sei. Neben einigen Einführungskursen und einer Schnupperwoche als Aktivmitglied sei er nur am Rande in Kontakt mit Scientology gewesen. Er sei auch meist mit Kollegen unterwegs gewesen, die keine Scientologen waren.

(mis/lha)