Basler Tierschützer schockiert

10. April 2019 18:06; Akt: 10.04.2019 18:54 Print

«Das Pferd trat beinahe auf den Kinderwagen»

Der Basler Tierschützer Olivier Bieli wurde am Sechseläuten in Zürich Zeuge mehrerer Zwischenfälle mit Pferden. Für ihn ist klar: Die Tiere haben am Grossanlass nichts verloren.

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Olivier Bieli hat keine Scheu vor heiligen Kühen, wenn es um den Tierschutz geht. Der Basler möchte Pferde von der Fasnacht verbannen, aus dem Zirkus und nun auch vom Zürcher Sechseläuten, wo jeweils über 500 Pferde im Einsatz sind. Am Montag war er in Begleitung eines Kameramannes von Telebasel am höchsten Feiertag der Zünfte. Dabei wurde er Zeuge mehrerer Zwischenfälle mit Pferden.

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«Ein scheuendes Pferd trat beinahe auf ein Kind, das in einem Kinderwagen auf dem Trottoir war», berichtet Bieli. Eine Begleiterin zog das Pferd geistesgegenwärtig weg. Fotos dokumentieren den Vorfall. «Kind und Reiter hatten hier wohl mehr als nur Glück», sagt er.

Abgeworfener Reiter und sedierte Pferde

Es war bei weitem nicht der einzige Zwischenfall. Ein Reiter wurde beim Böögg abgeworfen, ein Pferd stürzte auf der Route, ein anderes erlitt eine Kolik und musste von der Grosstierambulanz betreut werden, und mehrere Pferde bekamen Panik, als der Böögg explodierte. Diese Fälle wurden von Bieli dokumentiert oder der Polizei bestätigt. Auch die Organisatoren des Sechseläutens haben Kenntnis von einzelnen Vorfällen.

Vor laufender Kamera gab ein Pferdebegleiter sogar zu, dass die Tiere für den Einsatz am Sechseläuten sediert würden. «Leute nehmen ja auch Beruhigungsmittel vor Prüfungen», erklärt er lapidar, als ihn der 35-jährige Basler darauf anspricht. «Man unterstellt uns sonst immer, dass das nur eine Behauptung sei.»

Zünfte in engem Kontakt mit Tierschützern

Bieli ist nicht der Erste, der sich für ein pferdefreies Sechseläuten einsetzt. Der Zürcher Tierschutzbund hatte das Thema auf der Agenda, nachdem 2015 ein Ross vor dem Böögg zusammengebrochen und gestorben war. «Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu», sagt Markus Notter, Präsident des Zentralkomitees der Zürcher Zünfte. Man sei aber schon seit Jahren in Kontakt mit der kantonalen Tierschutzkommission und mehreren Tierschutzorganisationen. «Beim Einsatz der Pferde lernen wir gerne dazu», sagt Notter. Er hält aber auch fest: «Ein Sechseläuten ganz ohne Pferde ist kein Thema.»

Notter betont aber auch, dass den Zünften das Tierwohl am Herzen liegt. «Wir stehen zu jedem Komma des Tierschutzgesetzes.»

«Verbot wäre krasser Einschnitt»

Bieli hofft, dass das Thema jetzt wieder mehr Auftrieb erhält. Eine Onlinepetition hat bereits rund 1000 Unterstützer. Zum Vergleich: In Basel wurden schon über 13'000 Unterschriften für ein Verbot der umstrittenen Chaisen an der Fasnacht gesammelt.

«Das Sechseläuten ist halt kein Anlass für die breite Bevölkerung», erklärt sich Bieli den frappanten Unterschied. Das normale Volk sei vom Geschehen ausgeschlossen. Hinzu kommt: Pferde sind ein zentrales Element der Zeremonie. Insgesamt sind über 500 Rösser, beritten oder als Zugtiere von Kutschen im Einsatz. «Ein Verbot wäre für das Sechseläuten ein krasser Einschnitt», ist sich Bieli bewusst.

Der Basler macht sich mit seinem Engagement nicht nur Freunde. Gerade weil er damit Traditionsanlässe angreift, bekommt der Polizist auch viele «grenzwertige» Reaktionen. «Kritik ist in Ordnung», sagt er. «Aber es kamen auch schon Morddrohungen.» Er bleibe aber gelassen. «Man musst für seine Überzeugungen einstehen.»

(lha)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • hubi am 10.04.2019 19:27 Report Diesen Beitrag melden

    pferde sind immer noch tiere

    unfassbar, dass die frau mit kinderwagen direkt hinter einem pferd durchlaufen will. einfach dämlich

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  • wildh. am 10.04.2019 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Abstand

    Die Eltern sollen besser zu den Kinder schauen. Pferde sind mal unberechenbar.

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  • Rosa am 10.04.2019 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    Ich würde es begrüssen

    Ich finde es - Tradition hin oder her - begrüssenswert. Ein Pferd ist schlicht komplett deplaziert bei so viel Lärm. Viele werden sediert. Sedierte Pferde reagieren auf alle möglichen, aber nicht voraussehbare, Arten. Sie stehen "neben sich". BEi 500-700 kg Lebendgewicht ist das gefährlich. Und Pferde sind Fluchttiere. Solche Spektakel sind einfach genau das, was ein Pferd nicht sucht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • 46 N am 11.04.2019 19:00 Report Diesen Beitrag melden

    Egoismus

    Ich kann und werde es nie verstehen, wieso man Pferde oder auch andere Tiere immer nur zur Bespassung der Menschheit durch solche Anlässe zwingt. Auch ohne Pferde wäre das Sächsilüte ein Hingucker aber dafür viel entspannter und vorbildlicher.

  • Mel Schmucki am 11.04.2019 17:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinderwagen

    Ich kann nicht verstehen das man ein Kinderwagen zmitzt hinter einem Pferd stellen muss . Die Mutter muss schon ein bisschen überlegen. Weil das Tier kann ja nichts dafür . Und immer ist das Tier schuld . Es gibt einfach zu viel Menschen auf der Welt die nichts überlegen

  • Mathilde am 11.04.2019 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigentlich schlimmer als in Bas

    an der Basler Fasnacht macht nan ein riesen Drama draus und hier ist es einfach so eine Meldung und dabei wird ganz klar wieder die Basler Fasnacht erwähnt.

  • Salbei am 11.04.2019 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egowahn

    Wo bitte kann man bei der Umfrage auswählen: die Zünfte können zu Fuss umher laufen? Und was soll der Kantönligeist hier? Basel/Zürich? Es geht um das Wohl der Tiere und deren und auch der Sicherheit der Menschen? Das hat nichts mit der "Feindschaft" der Kantone zu tun. Purer Egoismus und Unvernunft und mit nichts anderem kann ich das verbinden.

  • Betreuerin der Pferde am Sächsileuten am 11.04.2019 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Ich war dabei...

    So, jetzt packe ich mal aus. Ich betreue regelmässig Pferde am Sächsileuten. Jetzt mal meine Sicht des ganzen. Wir müssen beim Ausladen der Pferde, Kinder wegtragen die von den Eltern unbeaufsichtigt vor dem Transporterausgang gelassen werden, Schaulustige machen Selfies und Videos und steigen uns fast in den Lastwagen, in dem sich 600kg Pferde befinden die teils mit Schwung aussteigen. Sie stehen permanent im Weg, fassen Pferde ungefragt an und ignorieren jegliche Warnungen. Laufen vor aussteigenden Pferden durch und laufen mit Kinderwagen Zentimeter nahe an Pferden vorbei! Verantwortungslos!