75-Jährige nach Tat

03. April 2019 17:13; Akt: 03.04.2019 18:54 Print

«Irgendwie musste ich mir ja Gehör verschaffen»

Die mutmasslich psychisch kranke Täterin beschäftigte die Behörden jahrelang. Sie und ihr Lebenspartner fühlten sich als Opfer einer korrupten Justiz.

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Der 7-jährige Schüler befand sich auf dem Heimweg von der Schule, als er erstochen wurde. Der Schüler wurde auf offener Strasse getötet. Kurz darauf stellte sich eine 75-Jährige Schweizerin der Polizei. Für A.S. wurden drei Monate Untersuchungshaft verfügt vom Zwangsmassnahmengericht. Die offenbar geistig verwirrte Seniorin wird zudem psychologisch abgeklärt. Ihre Schuldfähigkeit wird angezweifelt. Ilias wurde am 23. März im Kosovo beerdigt. «Er lässt uns traurig und in ewiger Erinnerung an ihn zurück», schreibt die Familie in der Todesanzeige. Beigesetzt wurde das Opfer im Rahmen des Mittaggebets am Samstag um 12 Uhr. Die Beerdigung fand in der Stadt Gjilan im Kosovo statt. Laut einem Trauergast haben sich rund 500 Trauernde vom Opfer verabschiedet. «Alle weinten und waren sehr traurig.» «Ich habe noch nie eine so traurige und emotionale Beerdigung erlebt», sagte eine Teilnehmerin. Laut Jetmira Avdili, einer karitativen Helferin aus Solothurn, musste die Familie teure Tickets bezahlen. Ein Post ruft zum Spenden auf. Jetmira Avdili, eine karitative Helferin aus Solothurn, arbeitet für die Organisation Only Ten For a Better World. Er wurde am Donnerstag auf offener Strasse auf brutale Art und Weise getötet. Der 7-jährige I.M. wurde von einer Frau niedergestochen. «Es geht uns ganz schlecht», sagt seine Mutter einen Tag nach der Tat. Emi Salahi hat via Facebbok für Samstag zum Trauermarsch für den getöteten 7-jährigen I.M. aufgerufen. «Ich hatte in den Medien über die schreckliche Tat erfahren und war so erschüttert, dass ich irgendwie helfen wollte», sagt er. Der Marsch soll am Samstag in Basel um 14 Uhr beginnen. «Ich würde gern mit den Teilnehmern vom Schulhaus Gotthelf zum Tatort am St. Galler Ring laufen und dort Kerzen anzünden und Blumen niederlegen», erklärt Salahi. Einen Tag nach der unbegreiflichen Bluttat ist der Tatort am St. Galler-Ring mit Blumen und Trauerbekundungen übersät. Beim St. Galler-Ring in Basel wurde am Donnerstag ein 7-jähriger Bub erstochen. Am Freitagmorgen legen Menschen am Tatort Blumen nieder. Die Trauer um das Opfer eines Messer-Angriffs ist am Morgen nach der Tat gross. Auch Schulkinder trauern um den 7-Jährigen, der von einer 75-jährigen Schweizerin erstochen worden sein soll. Die Trauer um das Opfer eines Messer-Angriffs ist am Morgen nach der Tat gross. Am Freitagmorgen markiert die Polizei vor dem Schulhaus Präsenz. Die 75-jährige Frau hatte sich am Donnerstagabend der Polizei gestellt und angegeben, den Jungen angegriffen zu haben. Bei dem getöteten handelt es sich um einen Kosovo-Albaner. Die Klassenlehrerin fand den Buben, der schwere Verletzungen im Halsbereich aufwies. Die 75-Jährige griff den 7-Jährigen in der Nähe des Gotthelf-Schulhauses an. Der 7-Jährige wurde notfallmässig ins Spital eingeliefert, erlag aber seinen schweren Verletzungen. Die Frau meldete sich bei der Polizei. Am Tatort werden Blumen niedergelegt. Blumen und Kerzen am Tatort. Auch Schulkinder legen Blumen nieder. Weshalb es zur Bluttat kam, ist noch völlig unklar. «Wir sind sehr darauf angewiesen, dass sich Zeugen bei uns melden», sagt die Polizei und die Basler Staatsanwaltschaft.

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Zwei Wochen nach der Bluttat von Basel, bei der die 75-jährige, geistig verwirrte A. F.* den siebenjährigen Ilias mit einem Messer erstach, sind die Hintergründe der Tat nach wie vor nebulös. Hinweise auf das Tatmotiv lieferte ein Anruf der Täterin bei Telebasel. Dort sagte sie: «Ich wurde aus meiner Wohnung geschmissen, habe gar keinen Zutritt mehr zu meiner Wohnung. Bei den Behörden hört mir ja auch keiner zu. Irgendwie musste ich mir ja Gehör verschaffen» – und legte auf. Dann stellte sie sich der Staatsanwaltschaft.

Die Aussagen passen zum Vorleben der Rentnerin, die, wie Recherchen von 20 Minuten nun zeigen, als notorische Querulantin seit Jahrzehnten den Behörden bekannt war.

Zusammen mit ihrem sieben Jahre älteren Lebenspartner R. R.* wohnte F. gut 17 Jahre lang in einem Allschwiler Wohnblock. Kaum war es eingezogen, hatte das Paar jedoch regelmässig Besuch von der Polizei. Grund dafür waren mehrere Konflikte mit der Justiz, die vor allem ihr Lebenspartner ausfocht. Dieser wähnte sich als Opfer einer «Justizkorruptionsaffäre». Der Streit ist auch bei der Petitionskommission des Baselbieter Landrats aktenkundig, die Dokumente sind aber noch unter Verschluss.

Die «Justizkorruptionsaffäre» beschäftigte auch die Bundesbehörden bis hoch zum Nationalratspräsidenten. Im Bundesarchiv in Bern füllt die Korrespondenz zwischen R. und den Behörden ein über 300 Seiten dickes Dossier. Die meisten der Briefe hat A. F. mitunterzeichnet.

Pfändung, Strafbefehl, Haftbefehl

Anlass für einen jahrelangen Zwist mit den Behörden waren eine Pfändung von Briefmarken und Münzen, die 1979 widerrechtlich verfügt worden sein soll, sowie ein Strafbefehl, den R. 1980 kassierte, weil er einem Aufgebot für den Zivilschutz nicht Folge geleistet hatte. R. weigerte sich, die Busse anzuerkennen. «Die Kantonspolizei drohte unter der Haustür nun lautstark mit Haftbefehl», ist in einem «Tatsachenbericht» festgehalten, den R. als Beilage dem Nationalratspräsidenten zukommen liess.

Die Polizei tauchte mehrfach an der Haustür des Paars auf, R. weigerte sich stets, zu öffnen. Es wurden neuerliche Strafbefehle ausgestellt, Betreibungen und Pfändungen eingeleitet. R. wehrte sich mit Beschwerden, Rekursen, Anklagen, gelangte sogar bis nach Strassburg. «Seit April 1981 warten wir auf eine erlösende Stellungnahme aus Strassburg. [...] Die Justiz benützt die lange Wartezeit dazu, uns zu ruinieren.»

«Wenn Politiker versagen, sprechen die Waffen», schrieb R. am 24. Juli 1985 in einem Einschreiben an den damaligen Nationalratspräsidenten Arnold Koller. Seit Jahren prangerte er eine Justizkorruptionsaffäre an und bezichtigte Gerichte und Beamte verbrecherischer Machenschaften, weil sie nicht auf seine Beschwerden eintraten.

Vom Staat verraten und entmündigt

1997 schliesslich wurde das Paar aus der Wohnung in Allschwil gewiesen und fand in einem Apartmenthaus in Basel-Stadt eine neue Bleibe. Im März 1999 verstarb der Partner von F. Nach dem Schicksalsschlag wuchs ihr Schuldenberg. 2007 wurde sie bevormundet, wobei unklar ist, wie weit sie entmündigt wurde. Medienberichten zufolge wurde sie in der Folge mindestens einmal stationär psychiatrisch behandelt. Litt sie an einer paranoiden Störung?

Vergangenen Sommer dann der nächste Schicksalsschlag: A. F. musste ihr Zimmer im Apartmenthaus an der Schützenmattstrasse verlassen, weil das Gebäude umgenutzt werden soll. Als die Hiobsbotschaft sie erreichte, wandte sie sich am 26. März mit einem Einschreiben an den Landrat und ihre ehemaligen Vermieter aus Allschwil. Darin beschwerte sie sich, dass die Ausweisung 1997 rechtswidrig gewesen sei und verlangte offensichtlich verzweifelt die Rückgabe ihrer alten Wohnung, bis spätestens 30. Juni 2018.

Danach tauchte die Frau ab und verschwand auch vom Radar der Behörden. Bis jetzt ist unklar, wo sie die letzten Monate unterkam. Vielleicht bei Bekannten? Am 21. März schliesslich brannten bei F. alle Sicherungen durch, und sie erstach den siebenjährigen Ilias auf dem Heimweg von der Schule am St. Galler-Ring. Danach kontaktierte sie mehrere Personen, Institutionen.

Abgetaucht und durchgedreht

Die Behörden weisen jede Verantwortung von sich. Die Tat sei unter keinen Umständen vorhersehbar gewesen, hielt das für den Erwachsenenschutz zuständige Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt in einer Stellungnahme fest. Ob bei ihr ein Risikogutachten erstellt wurde, ist nicht bekannt.

F. sitzt in Untersuchungshaft und wird nun psychiatrisch abgeklärt.

*Namen der Redaktion bekannt

(lha)