Wintersingen BL

22. November 2019 04:51; Akt: 22.11.2019 13:20 Print

Frau demoliert Schild und wird dabei gefilmt

Mit Fotos und einem Video wurde auf Facebook nach einer Frau gesucht, die in Wintersingen BL unerlaubt ein Plakat entfernt hat. Diese wusste allerdings genau, dass sie gefilmt wird.

Die Diebin wusste genau, dass sie bei ihrer Tat gefilmt wird und streckte den Stinkefinger in die Kamera. (Video: Privat)
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«So sieht eine Kriminelle aus», hiess es im Facebook-Post einer Wintersingerin. Sie hatte ein Überwachungsvideo auf Facebook gepostet, auf dem zu sehen ist, wie eine junge Frau ein Plakat von ihrer Hauswand reisst. Darauf wird zum «Fahren mit Respekt» aufgefordert. Die blonde, eher junge Frau läuft zielstrebig zum Haus, schaut in die Kamera, zeigt den Stinkefinger und reisst das Plakat herunter. «Dann machte sie sich mit ihrem schwarzen Porsche aus dem Staub.»

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Tempo 30 ist...

Die 56-Jährige möchte die Frau, die am 14. November um 21.21 Uhr ihr Grundstück betreten hat, nun anzeigen wegen Hausfriedensbruchs, Diebstahls und Beleidigung. Um herauszufinden, wer die Gesuchte ist, hatte sie das Überwachungsvideo und Fotos auf in verschiedenen Gruppen auf Facebook gepostet. Die Postings wurden am Donnerstagnachmittag allerdings wieder entfernt.

Attacken wegen Tempo-30-Petition?

Die Geschädigte hatte erst Anfang November die Videoüberwachung an ihrem Haus an der Hauptstrasse installiert, nachdem sie wiederholt Opfer von Vandalismus wurde. Ihr Briefkasten und sogar ihr Auto wurden schon verschmiert. Die 56-Jährige hat sich nämlich in letzter Zeit im Oberbaselbieter Dorf unbeliebt gemacht.

Als Kopf des Komitees «Grüne Unabhängige» hat sie Unterschriften für Tempo 30 auf der Haupt- und Sissacherstrasse in Wintersingen gesammelt. «Die jagen da frühmorgens teilweise mit 70, 80 km/h durchs Dorf in Richtung Sissach», erzählt sie. Als sie die Petition, die 49 Wintersinger unterschrieben hatten, der Landeskanzlei des Kantons übergab, frozelte die Präsidentin der Jungen SVP Baselland auf Facebook, dass nicht mal ein Zehntel der Dorfbevölkerung «so einen Schwachsinn» unterstützen würde.

Behörden warnen vor Netzprangern

Das Vorgehen der Wintersingerin ist nicht unproblematisch: Netzpranger sind eine heikle Angelegenheit. Mit dieser Form der Selbstjustiz mischen sich Private in die Arbeit der Ermittlungsbehörden ein. Denn die Strafprozessordnung hält in Artikel 2 fest: «Die Strafrechtspflege steht einzig den vom Gesetz bestimmten Behörden zu.»

Strafrechtlich kann die Frau dafür nicht belangt werden. «Die Veröffentlichung der Bilder auf der Website ist eine zivilrechtliche Angelegenheit», sagt Thomas Lyssy, Sprecher der Baselbieter Staatsanwaltschaft. «Das Vorgehen ist dennoch problematisch. Wenn Private selbst ermitteln, wird die Verwertbarkeit der Beweise infrage gestellt.» Das bedeutet: Werden Beweise nicht rechtmässig erhoben, sind sie vor Gericht nicht verwertbar.

In diesem Fall dürften die Bilder der Überwachungskamera allerdings verwertbar sein, da die Täterin auf Privatgrund gefilmt wurde. Die Staatsanwaltschaft rät trotzdem in jedem Fall davon ab, solche Aufnahmen online zu veröffentlichen.

(lha)